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Ungleichheit

Wie Superreiche einer kaputten Erde entfliehen und uns zurücklassen wollen

Superreiche wollen der Erde entfliehen, nachdem sie sie zerstört haben. Manche in eigene Städte und entlegene Unterkünfte - andere ins Weltall
Superreiche wollen der Erde entfliehen, nachdem sie sie zerstört haben. Manche in eigene Städte und entlegene Unterkünfte - andere ins Weltall Foto: Pixabay
Die Welt steckt in zahlreichen Krisen. Einige wohlhabende Menschen fürchten, dass wir den Planeten unbewohnbar machen. Statt an der Lösung zu arbeiten, planen sie aber, die Erde zu verlassen. Diese Vorhaben untersucht der US-amerikanische Autor Douglas Rushkoff in seinem Buch “Survival of the Richest: Escape Fantasies of the Tech Billionaires”. Dafür hat er mit einigen Milliardär:innen über ihre Pläne gesprochen. Über die sollten wir vor allem lachen, meint er. Im Gespräch mit MOMENT.at erzählt er von seinen Erkenntnissen.

MOMENT.at: Wer will denn da von der Erde fliehen? Wer sind diese Leute?

Douglas Rushkoff: Ich habe beim Schreiben des Buches an Technologie-Investor:innen und Milliardär:innen gedacht. Manche von ihnen glauben, dass Technologie, soziale Unruhen, Krankheiten, Klimawandel und andere Faktoren die Welt mit hoher Wahrscheinlichkeit unbewohnbar machen könnten. Deshalb investieren sie Ressourcen in zahlreiche Wege, dieser Welt zu entfliehen, bevor sie zusammenbricht. Diese Personen leben vor allem im Silicon Valley. 

MOMENT.at: Wo wollen die hin?

Rushkoff: Viele der Flucht-Fantasien drehen sich darum, von der Unvorhersehbarkeit und den Einflüssen der Natur wegzukommen.

Zum Beispiel wollen sie eine neue Stadt in der Nähe von San Francisco bauen. Darin investieren viele Tech-Personen, zum Beispiel die Frau von Steve Jobs.

Ich habe mit anderen Leuten gesprochen, die ein neues ökologisches Dorf bauen wollen. Dafür wollen sie tausend Hektar Wald kaufen, den sie zerstören, um ihre neue Stadt zu bauen. 

Sie wollen die Fantasie der kolonialen Entdecker leben. Wo auch immer sie hin wollen, sie wollen etwas Neues finden. Sie wollen an Orte, die sie als bisher unzivilisiert sehen. Der Weltraum ist großartig dafür. Das Meer auch. Man kann in den Cyberspace fliehen, das ist auch neu. 

Wir sollten über diese Menschen und ihre Pläne lachen können.

MOMENT.at: Wie konkret sind diese Pläne?

Rushkoff: Es gibt viele konkrete Beispiele. Elon Musk und Jeff Bezos bauen Raketen. Sam Altman arbeitet mit Ray Kurzweil von Google an einem Weg, sein Bewusstsein in einen Computer zu laden, bevor er stirbt. Mark Zuckerberg hat ein riesiges Anwesen in Maui gebaut. Peter Thiel will sowas in Neuseeland bauen. Milliardär:innen, mit denen ich gesprochen habe, wollen 20 Prozent ihres Vermögens für Plan B zurücklegen.

MOMENT.at: Warum nicht einfach die Erde retten?

Rushkoff: Kolonialismus hat seit der Renaissance so funktioniert: man erzeugt Zerstörung, bewegt sich aber schnell genug, um dieser selbst zu entgehen. Was man hinterlässt, sind oft versklavte Menschen, die beispielsweise die Ressourcen zu Tage fördern. 

Außerdem investieren diese Personen, die in ihre Flucht investieren, schon auch in Technologien zur “Lösung” der von ihnen verursachten Probleme. Zum Beispiel wollen sie die “Ökostadt” Neom in Saudi Arabien bauen – eine hundert Meilen lange und eine Meile breite moderne, solarbetriebene Stadt, wo alles vermeintlich erneuerbar und perfekt ist. Was sie jedoch zum Beispiel nicht berücksichtigen: sie müssen dafür Tausende Beduinen vertreiben, die seit einer langen Zeit nachhaltig dort leben.

Es ist schwieriger, den Mars zu besiedeln, als die Erde nach einem Atomkrieg wieder bewohnbar zu machen. 

MOMENT.at: Was passiert mit denen, die nicht fliehen können?

Rushkoff: Wir sterben. Aber sie denken, das ist ohnehin notwendig. Es ist Teil ihrer Fantasie. Es gibt einfach zu viele von uns.
 

Siehe auch zum Thema: Die gefährliche Ideologie der Superreichen – der Longtermismus

MOMENT.at: Sollten wir uns also Sorgen machen über diese Pläne?

Rushkoff: Es sollte etwas Besorgnis hervorrufen. Aber mein Buch ist als schwarze Komödie zu verstehen. Wir sollten über diese Menschen und ihre Pläne lachen können. Sie werden nicht fliehen können. Es ist schwieriger, den Mars zu besiedeln, als die Erde nach einem Atomkrieg wieder bewohnbar zu machen. 

In meinem Buch beschreibe ich diverse Gespräche zwischen Tech-Milliardär*innen und mir, in denen sie lächerliche, dumme Ideen beschreiben. Zum Beispiel bauen sie bewachte Anwesen und denken nicht darüber nach, wie sie ihre Sicherheitskräfte entlohnen sollen, wenn ihr Geld im Falle einer Katastrophe nichts mehr wert ist. Wir sollten diesen Personen nicht folgen. Wir müssen einen anderen Pfad finden. Wir müssen nicht gegen, sondern mit der Natur arbeiten.

MOMENT.at: Wie kann man sie davon überzeugen, dass ihre Pläne falsch sind? 

Rushkoff: Ich weiß nicht, ob wir diese Menschen überzeugen müssen, dass sie falsch liegen. Ich denke, wir sollten aufhören, ihre Produkte zu kaufen. Wir sollten unsere Zeit nicht in ihrer Welt verbringen. Man hat stets die Wahl: man kann den Tag auf Instagram verbringen oder man verbringt ihn mit Nachbar*innen auf einem Feld, um biologische und nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben. Je mehr Vertrauen wir darin haben, dass ihr Pfad fehlerhaft ist und die Welt nicht zerstört werden muss, desto mehr können wir daran arbeiten, sie gemeinsam schöner zu machen.

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