Schnitzerl mit Pommes
Ein Schnitzerl für alle? - Foto: Bru-nO/Pixabay
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Anna Hehenberger

/ 14. Mai 2020

Die Wiener Stadtregierung wird bis Mitte Juni allen Haushalten einen Gastro-Gutschein ausgeben. 50 Euro für Haushalte mit mehreren Personen, 25 Euro für Haushalte mit einer BewohnerIn, die in Gastronomiebetrieben einlösbar sind. Insgesamt stellt die Stadt EUR 40 Mio. für die Aktion, die 912.000 Haushalte begünstigt, zur Verfügung. Die Gutscheine sollen als Konsum-Booster funktionieren und die Wiener Gastronomie in Zeiten von ausbleibenden Touristen und zurückhaltenden BürgerInnen stützen.  

Während die einen (trotz der Ausnahme alkoholischer Getränke) verächtlich „Freibier für alle“ rufen und von einem Wahlkampfgeschenk sprechen, bewerten andere die Idee als Soforthilfe im Vergleich zu den komplexen und oft nur langsam ausbezahlten Hilfen der Bundesregierung als rasche willkommene Ergänzung. 

Unabhängig von der politischen Einschätzung stellt sich aus ökonomischer Sicht die Frage: ist die Idee klug? Was bringen Gutscheine der wirtschaftlichen Erholung? Erreichen sie überhaupt etwas, oder führen sie lediglich zu "Mitnahmeeffekten"? Das heißt, werden sie für Speisen und Getränke ausgegeben, die sowieso gekauft worden wären?  

Beispiele in Asien

Beispiele für Konsumgutscheine gibt es vor allem in Asien. In Taiwan wurden nach der letzten Krise Konsum-Gutscheine in einem Volumen von 0,68% des GDP ausgegeben, die BürgerInnen dazu veranlassten, ihre Konsumgewohnheiten zugunsten von verderblichen und Luxusgütern/-dienstleistungen zu ändern. Sie gingen zum Beispiel mehr auswärts Essen oder machten mehr Ausflüge. Die Gutscheine wurden zu drei Viertel verwendet, um bereits geplante Ausgaben zu tätigen, ein Viertel wurde für Zusätzliches verwendet. 

Auch in Chinas Provinzen haben die lokalen Regierungen Konsumgutscheine zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise schon angewendet. Medienberichten zufolge steigerte das den Konsum um 20%. Wie wichtig der private Konsum als Bestandteil der Wirtschaftsentwicklung ist im Vergleich zu Exporten, Investitionen und Staatsausgaben, zeigt sich anhand volkswirtschaftlicher Statistiken: Chinas Konsumenten trugen 2018 über 70% zum BIP-Wachstum bei. Für Österreich als kleine Exportnation liegt der Anteil trotzdem noch bei über der Hälfte (knapp 52%). 

Glaubt man den Berichten aus Asien, könnte ein Gutschein also wirksam sein. Wie sehr, das hängt vom Verhalten der Menschen ab. Das wiederum ist gerade in Zeiten von Corona noch einmal unvorhersehbarer als sonst. Annähern kann man sich aber trotzdem. 

Die Alternative zum Gastro-Gutschein

Dafür muss man eine Alternative vorschlagen, gegen die man den Effekt der Konsumgutscheine messen will. Direkt vergleichbar mit zweckgebundenen Gutscheinen sind direkte Banküberweisungen, die Menschen je nach Bedarf verwenden können. Der große Nachteil von „Cash bar auf die Hand“ ist, dass sich die Haushalte entscheiden können, einen großen Teil der überwiesenen Gelder nicht für den Konsum auszugeben, sondern zu sparen. Damit fließt das Geld nicht in den Wirtschaftskreislauf zurück, wo es derzeit benötigt wird. 

Was tun die Menschen nun mit dem Geld? Das kommt darauf an: Zunächst einmal gibt es Menschen, für die der Gutschein nur einen klassischen Mitnahmeeffekt hat. Sie konsumieren im Monat ohnehin über 25 Euro in der Gastronomie. Ist der Gutschein somit verloren? Nein, denn weil sie sich 25 Euro sparen, bedeutet der Gutschein für diese Gruppe einfach ein höheres Einkommen um 25 Euro, das für beliebige andere Dinge ausgegeben werden kann. Die beiden Varianten (Gutschein vs. ungebundener Zuschuss) sind für diese Gruppe also fast genau gleich. Die zusätzlichen 25 Euro Einkommen dadurch können, müssen aber nicht in der Gastronomie ausgegeben werden. Sie landen unter Umständen sogar am Bankkonto. 

Zusätzliche Ausgaben

Für andere wiederum führt der Gutschein direkt zu mehr Konsum in der angepeilten Branche. Eine vierköpfige Familie, die mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat und deswegen auf Restaurantbesuche verzichtet, wird ihre 50 Euro verwenden. Durch sie entsteht zusätzlicher Konsum. Der Nachteil, den die Familie hat: Die 50 Euro ungebunden hätten aus ihrer Sicht eventuell besser verwendet werden können, zum Beispiel als Teil der Mietzahlung oder zum Lebensmitteleinkauf für mehr als eine Mahlzeit. Wie groß ist diese Gruppe? Eine genaue Zahl gibt es nicht. Für Österreich zumindest wissen wir, dass immerhin 633.000 Personen in Österreich es sich nicht leisten können, Freunde oder Verwandte bei sich zuhause einzuladen. Ein beträchtlicher Teil davon dürfte auch in Wien wohnen. 

Einkommensmäßig viel besser, aber funktional ähnlich geht es Menschen, die nicht aus Gründen fehlenden Einkommens nicht auswärts essen, sondern weil sie Restaurantbesuche (in oder auch ohne Corona) derzeit ablehnen und stattdessen selbst kochen. Auch für sie ist der Nutzen des Restaurantgutscheins geringer als 50 Euro bar auf die Hand. 

Der Sektor profitiert vom Gastro-Gutschein

Allen Fällen gemeinsam ist aber trotzdem, dass die Gutschein-Hilfe direkt dem betroffenen Sektor zugute kommt. Die politisch Verantwortlichen müssen nicht auf indirekte Effekte hoffen. Und sich schon gar nicht vor der in Corona-Zeiten viel höheren Sparquote der privaten Haushalte fürchten. Denn die größte Steuerreform bringt der Beschäftigung und dem Wirtschaftswachstum nichts, wenn sie von den Haushalten gespart, statt ausgegeben wird. Gutscheine hingegen haben ein Verfallsdatum. Für die Gutscheine sollte dieses nicht allzu lange in der Zukunft sein, wenn man den Restaurants möglichst schnell helfen will und einen (kleinen) Teil des erwarteten Umsatzrückganges kompensieren möchte. 

Eine weitere Alternative zu Gutscheinen ist, stattdessen die Steuern zu senken. Gerade für Österreich, das unmittelbar vor einer Steuerreform stand und steht, ist diese Frage von Bedeutung. Eine Lektion aus den USA nach der Finanzkrise 2008 ist für den österreichischen Kontext sehr relevant: Große, einmalige direkte Zahlungen wirkten fast doppelt so gut wie Steuersenkungen, die verstreut über die Zeit kleinere Summen zu privaten Einkommen hinzufügen (25% mehr Konsum im Vergleich zu nur 13% mehr). 

Die Besserverdienenden sind nicht entscheidend

Der größte Teil der Steigerung rührt von jenen, die wenig Geld oder Vermögen zum Ausgeben haben. In Österreich bedeutet das nichts Gutes für die Wirkung der gesamten geplanten Lohn- und Einkommenssteuerreform der Regierung. Sie entlastet insgesamt Besserverdienende stärker als gering Verdienende. Im Vergleich zu einem Gutschein oder einer Zahlung, die jeder Person (fast) gleich viel bringt, wird daher überproportional viel am Sparbuch und nicht im Konsum landen. Für Österreich geben Haushalte aus dem Drittel mit den niedrigsten Einkommen kurzfristig 80 Cent aus, wenn sie einen Euro zusätzliches Einkommen bekommen, aber Haushalte aus dem oberen Drittel nur 40 Cent. Problematisch dabei: Das unterste Einkommensdrittel hat von der Steuerreform fast gar nichts, nicht einmal von Senkung des Eingangssteuersatzes, welchen die Regierung als Corona-Maßnahme für den Herbst 2020 vorziehen will. 

Gutscheine der „Freibier für alle“-Kategorie können in Corona-Zeiten mit geringer Konsumlaune der Bevölkerung durchaus Sinn machen. Ein weiterer Vorteil des „Freibiers“ ist, dass es dem Staat nur einmalige Kosten im Krisenjahr 2020 einbringt, die schon 2021 nicht mehr aufschlagen. Ganz im Gegenteil zu Steuergeschenken wie der Abschaffung der Schaumweinsteuer oder der Körperschaftsteuersenkung, die jedes Jahr aufs Neue das staatliche Budget belastet – mit wenig ökonomischem Gewinn für die breite Masse.

Zumindest, bis das Gegenteil durch eine saubere wissenschaftliche Studie zu den Ludwig'schen Konsumgutscheinen bewiesen ist, ist das Gratis-Schnitzel in Form eines Gutscheins vielleicht doch nicht so dumm. 

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