Sparschweinderl

Sparschweinderl - Foto: Fabian Blank / Unsplash

/ Oliver Picek
/ 10. Dezember

Kennst du die Geschichte vom Josefspfennig? Trotz verschiedenster Abwandlungen geht sie im wesentlichen so: Zu Christi Geburt hat Marias Begleiter Josef einen Cent über. Wenn er den für den neugeborenen Jesus zur Bank getragen hätte und 2020 mit vier Prozent Zinsen jährlich angelegt hätte, wieviel Geld hätte Jesus jetzt? Die Antwort darauf ist eine unbeschreiblich hohe Summe, die schon im Jahr 2012 den heutigen Gegenwert von 225 ganzen Erdkugeln aus Gold betragen hätte.

Der Grund: Der berüchtigte Zinseszins-Effekt. Nicht nur auf den ursprünglichen Betrag von einem Cent bekommt Jesus seine jährlichen Zinsen, sondern auch auf die Zinsen des Vorjahres. Ohne die Zinsen auf die Zinsen - also wenn immer nur vier Prozent auf den ersten Cent dazukommen würden - hätte Jesus statt seiner Gold-Erdkugeln gerade einmal einen einzigen Euro. Er wäre also gut beraten gewesen, lieber einen einzigen Cent auf die (römische?) Bank zu tragen, anstatt einen Märtyrertod zu sterben. 

2020 Jahre später argumentieren einige Nachkommen der christlichen Vorzeit ganz besorgt: Das Sparen zahlt sich nicht mehr aus! Der gediegene Bürgerliche wandelt sich zum Wutbürger, wenn er das Wort Niedrigzinsen auch nur geflüstert bekommt. Konservative WirtschaftsjournalistInnen, WirtschaftsprofessorInnen, Notenbank-Gouverneure und PolitikerInnen fordern, dass die Zinsen wieder steigen müssen.  

Was die Geschichte vergisst

Beide Geschichten haben aber einen Haken, und zwar einen ganz gewaltigen. Sie vergessen die Inflation. UnternehmerInnen und Geschäftsleute ändern jährlich ihre Preise. Bis auf wenige Ausnahmen gehen diese jedes Jahr nach oben. Deswegen sind weltweit nur wenige Leute durch ihr Sparkonto reich geworden. Jesus beispielsweise hätte in unserer fiktiven Geschichte heute noch immer den realen Wert eines Cents in der Tasche, wenn die Inflation seit seiner Geburt ebenso 4% im Jahr betragen hätte. Doch weil dazwischen mehrere Währungsreformen, der Kollaps von Imperien, Völkerwanderungen, und Kriege lagen, gibt es römische Münzen heute sowieso nur im Museum zu bestaunen.  

Darum beginnen wir im Jahr 1959 in Österreich. Wenn damals wir selbst, oder unsere Eltern bzw. Großeltern 10 Euro (137,6 Schilling) auf ein Konto gelegt hätten, wie viel könnte man sich heute damit kaufen? 

Die Antwort: Etwas, das damals 7 Euro 13 Cent gekostet hätte. 

Geld am Konto bringt kein Geld

"Na, klar, die Niedrigzinsen waren es", würde die konservative Wirtschaftsjournalistin schreien. Und mit einem Euro hätte sie damit sogar Recht. Der ging nämlich seit 2008 verloren. Doch ganze zwei Euro gingen in den frühen 1970ern drauf (zwischen 1968 und 1976), als selbst die Zinsen am einfachen Gehaltskonto bis zu 5% betragen haben. Weil die Inflation noch höher war. Weitere 60 Cent Verlust gab es zwischen 1998 und 2008. "Geld verdienen" mit Geld, das einfach am Konto herumliegt, konnte man nur zweimal: 20 Cent zwischen 1959 und 1968, und 90 Cent zwischen 1983 und 1997.  

Die Rechnung zeigt, dass Geld aufs Konto zu legen keine besonders gute Methode ist, um sich einen ansprechenden Lebensstandard aufzubauen. Das ist es heute nicht, während die Vermögenden laut darüber jammern. Doch das war es damals auch nicht. Im Gegenteil, in den frühen 1970ern hat sich überhaupt niemand darüber echauffiert. Damals stiegen die Löhne kräftig, der Wohlstand wuchs, und der Lebensstandard verdoppelte sich in recht kurzer Zeit. Die Menschen konnten aus ihren überbelegten Zimmer-Küche Wohnungen mit Klo am Gang ausziehen, weil Vollbeschäftigung herrschte und die Gehälter kräftig stiegen. Ob da der Zins ein bisschen höher oder niedriger lag, interessierte niemanden. Zurecht!  

Hohe Zinsen bringen den Vielen nichts

Viel anders ist es heute auch nicht. Um die obere Mittelklasse, die einen (wenn auch kleinen) Teil ihres Einkommens durch höhere Zinsen erhalten könnte, braucht man sich wirklich keine Sorgen machen. Sie leben schon im abbezahlten Eigenheim und wissen oft sowieso nicht so genau, was sie mit dem Geld anfangen sollen. Die große Mehrheit, die kaum oder wenig Geld auf ihrem Konto hat, ist ganz zentral auf ihre Löhne und Gehälter angewiesen – nicht nur zum Komfort-Leben, sondern zum Über-Leben. Hohe Lohnforderungen sind da viel nützlicher und wichtiger als hohe Zinsforderungen.  

Über die realen Probleme der Vielen schreiben die Wirtschaftsblätter natürlich weniger gern. Eine Niedrigzins-Skandal-Debatte passt da viel besser ins Bild, um von realen Lohnverlusten in den letzten Jahren, weniger Schutz für ArbeitnehmerInnen, mehr Druck am Arbeitsplatz, und Scheinselbstständigkeit ohne Rechte abzulenken. Bloß hereinfallen sollten wir darauf nicht.

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