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Alte WU: Umstrittener Abriss für das Megaprojekt?

Die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) plant am Wiener Althangrund einen milliardenschweren Bildungscampus. Dafür dürfte das bestehende Gebäude abgerissen werden. Um dieses Großprojekt entbrennt ein Streit darum, wie wir mit Ressourcen umgehen.

Wie eine riesige Insel auf einem Betonklotz steht der gläserne Gebäudekomplex der Alten WU am Althangrund zwischen Ubahnstation U4/U6, dem Franz-Josef-Bahnhof und der Müllverbrennungsanlage Spittelau - umgeben von dicht befahrenen Straßen. Das Gebäude aus den 80er Jahren bestimmt das Stadtbild.

Die alte WU wurde 1982 fertiggestellt und bot rund 23.000 Studierenden und 1.500 Mitarbeitenden Platz, um zu lernen und zu forschen. Doch das Gebäude platzte schon bald aus allen Nähten. Darum wurde nur 31 Jahre später ein neuer Campus am Prater eröffnet - die neue WU. Die Alte WU am Althangrund blieb zurück und ein Teil (UZA 4) wurde 2015 verkauft.

Die Räumlichkeiten im Hauptgebäude wurden über die vergangenen Jahre dank Zwischennutzungsverträge neu belebt. Die Wiener Volkshochschule, die Caritas, die Uni Wien, Ateliers, Kulturschaffende und sogar das Papageienschutzzentrum nutzten die großzügigen Räumlichkeiten. Doch Ende Jänner ist die Zwischennutzung ausgelaufen und alle mussten ausziehen.

Allem Anschein nach soll der gläserne Gebäudekomplex abgerissen werden und einem “Campus der Superlative” weichen. Auftraggeberin für das Großprojekt ist die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) und damit die öffentliche Hand. Seit August läuft ein Architekturwettbewerb. Geplante Kosten: rund eine Milliarde Euro. Hier soll ein BOKU-Standort entstehen, die Institute der Sozialwissenschaften der Uni Wien zusammengezogen werden und auch eine AHS und HTL Platz finden. Die Uni Wien spricht von Platz für “16.000 Studierende, 1.750 Schüler:innen und 3.000 Beschäftigte”.

Doch das Bauprojekt ist umstritten. Im Zentrum der Kontroverse steht der Umgang mit Ressourcen. Ein Abriss des alten Gebäudes sei verschwenderisch und nicht mehr zeitgemäß, findet die Allianz Alte WU - ein zivilgesellschaftliches Netzwerk aus Architektur- und Kulturschaffenden. Genau darauf scheint der Wettbewerb aber hinauszulaufen.

Eine Allianz für Bestandserhalt

Seit Veröffentlichung der BIG-Pläne leisten die Aktivist:innen konstruktiv-kritischen Widerstand. Sie fordern einen nachhaltigen und realistischen Umgang mit dem bestehenden Hauptgebäude (UZA 1). So viel wie möglich der alten Struktur solle erhalten bleiben.

Der Wettbwerb könnte einen Sieger hervorbringen, der das tut. Aber das war keine verbindliche Wettbewerbsbedingung - das macht so einen Ausgang unwahrscheinlich. 

Ein Abriss würde bedeuten, dass sämtliche verbauten Ressourcen zerstört und viele neue verbraucht würden. Damit würde eine Unmenge an “grauer Energie” verschwendet werden. Also jene Energie, die für Herstellung, Transport und Entsorgung aller Baumaterialien bereits aufgewendet wurde. 

Die Forderungen und Ideen für Lösungen im alten Bestand hat die Alte WU Allianz im November 2025 in einer Handreichung zusammengefasst. Die 34-Seiten richten sich einerseits an die Fachjury. Andererseits soll sie Architekturbüros trotzdem motivieren, Entwürfe einzureichen, die das Gebäude so weit wie möglich erhalten.

Tatsächlich müssen laut Wettbewerbsausschreibung 40 Prozent der Tragstruktur unbedingt erhalten bleiben. Damit bleiben 50.000 Kubikmeter Beton erhalten. Die BIG verkauft das als Beitrag zum Klimaschutz und zur Schonung von Ressourcen.

40 Prozent Erhalt, 100 Prozent Abriss

Bettina Doser von Architects4Future hält das für irreführend: Die 40% Bestandserhalt beziehen sich nämlich auf die Tragstruktur des Franz-Josef-Bahnhofs. Dabei handle es sich um Stützen, Decken sowie Flucht- und Treppenhäuser, die sich unter der Alten WU befinden. Diese müssen für den Bahnbetrieb erhalten bleiben.

Was die BIG als aktive Entscheidung für den Klimaschutz darstellt, ist in Wahrheit also ein ziemlich alternativloses Minimum. Auch Fritz Schöffauer von der Allianz Alte WU sagt: “Der Grundeigentümer ist die ÖBB, die natürlich Interesse hat, dass die Tragstruktur über dem Frachtenbahnhof bewahrt wird. Deshalb ist vollkommen klar: Das kann nicht abgebrochen werden.” 

Der Rest - bis zu 100% des sichtbaren Gebäudes - kann hingegen abgerissen werden. Auf Anfrage bei der BIG heißt es: “Der Wettbewerb wird entscheiden, welche Teile abgebrochen werden und welche Teile erhalten bleiben können.” Für die BIG ist es genug, dass der Wettbewerb den Abriss nicht vorschreibt - trotz zahlreicher Nachteile “wird der Rückbau der Gebäude keine explizite Vorgabe für die Projektentwicklung bzw. den Architekturwettbewerb." Vorgabe sei aber, “dass das Projekt in Planung, Bau und Betrieb klima- und umweltfreundlich ist”.

Mit einer Abbruchbewilligung in den Wettbewerb

Auffällig ist, dass die BIG bei der Frage nach einem möglichen Abriss hauptsächlich auf die Wettbewerbsentscheidung verweist. Dort ist der Erhalt allerdings eben keine Zielvorgabe. Dabei betont sie in einer Aussendung, für sie stehe “energieeffizientes und nachhaltiges Bauen, Adaptieren und Nutzen von Gebäuden bei jedem Bauprojekt im Vordergrund. Wo es möglich ist, erhalten wir selbstverständlich die Substanz.” 

Und doch hat die BIG bei der Stadt Wien beantragt, das gesamte Hauptgebäude abbrechen zu können. Die Stadt hat das bewilligt. Das war im Dezember 2024 - der Wettbewerb wurde erst acht Monate später ausgeschrieben. Das zeigen Projektdokumente, die der Redaktion vorliegen.

In einer Stellungnahme der BIG heißt es, der Abbruchbescheid wurde vorsorglich für das Maximum beantragt. Sollte das Siegerprojekt einen Bestandserhalt vorsehen, wäre dies nachwievor möglich. 

Für den Architekten Fritz Schöffauer von der Alten WU Allianz ist die Bewilligung allerdings ein Skandal: „Dass der Bescheid dann auch schon in der Schublade liegt, das ist überhaupt das Aller-, Allerletzte." Die Aktivist:innen sind der Ansicht, die BIG hätte von Anfang an die Absicht gehabt, das UZA 1 abzureißen. In der Abbruchbewilligung vom Dezember 2024 und im Schadstofferkundungsbericht vom Mai 2025 sehen sie nun die Belege dafür.

Asbest als Abrissargument

Der Projektplan der BIG sieht außerdem vor, noch im Frühjahr 2026 mit der Entsorgung von Schad- und Störstoffen zu beginnen - mitten im laufenden Wettbewerb. Das bedeutet: ein Teil des Gebäudes wird abgerissen, bevor ein neuer Plan steht, der ihn möglicherweise erhalten hätte können

Die BIG verweist bei der Begründung auf einen Schadstoffbericht. Der belegt eine großflächige Asbestbelastung im Gebäude, die so entsorgt werde.

Doch Asbest wird erst zum Problem, wenn er freigelegt wird. Solange er im Beton gebunden ist, könnte man mit diesen Gebäudeteilen weiter arbeiten. Das bestätigt auch die BIG auf Anfrage. Sobald aber auch nur die Fassade thermisch saniert oder die Haustechnik modernisiert wird, komme man unweigerlich mit Schadstoffen in Kontakt. Eine sachgerechte Entfrachtung wäre dann gesetzlich vorgeschrieben.  

Architekt Architekt Martin Hess von der Allianz Alte WU kritisiert: “In der Schadstoffbeurteilung, die wir lange nicht einsehen durften, steht schwarz auf weiß, dass die Eigentümerin den Abbruch des UZA 1 gezielt anstrebt. Diese Formulierung haben wir so noch nie gelesen.” Er warnt, dass durch die Schadstoffentsorgung ein funktionierendes Gebäude so beschädigt werden könnte, dass ein Erhalt faktisch unmöglich wird.

Ein Wettbewerb auf Abriss ausgerichtet

Merkwürdig erscheint, dass das Schadstoffgutachten laut Stellungnahme der BIG im Wettbewerb aber keine Rolle spiele. Sie wurde den Wettbewerbsunterlagen nicht beigelegt, weil es nicht "entwurfsrelevant" sei. Dabei schreibt die BIG selbst, dass jeder Eingriff ins Gebäude eine gesetzlich vorgeschriebene Entfrachtung nach sich ziehen würde. Für Architekturbüros, die einen Umbau-Entwurf einreichen wollen, ist das eine entscheidende Rahmenbedingung: Können sie problemlos mit dem Bestand planen oder würden größere Eingriffe im Bestand unweigerlich einen Abriss nach sich ziehen?

Lukas Vejnik, Mitglied der Allianz Alte WU, Architekt und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungslabor Nachkriegsmoderne der Frankfurter Angewandten, sieht darin ein strukturelles Problem des Wettbewerbs: „Die Verantwortlichkeit wird auf die Büros umgelegt, und damit obliegt ihnen auch das Risiko, ob sie sich darauf einlassen, einen Umbau zu zeichnen - mit dem Risiko, dass das vielleicht gar nicht geht." Laut Lukas Vejnik müsste die BIG den Wettbewerb ausdrücklich als Umbauwettbewerb ausschreiben, wenn sie den Bestandserhalt ernst nehmen würde. Für eine seriöse Einreichung bräuchten die Architekturbüros auch alle relevanten Informationen.

Alte WU als Chance für den Klimaschutz

Lukas Vejnik sieht in der Diskussion rund um die Alte WU ein strukturelles Problem. Die Errichtungsphase der Alten WU fällt in den Bauboom der 1960er/70er-Jahre. Gebäude aus dieser Zeit würden oft pauschal abgewertet werden. Dabei mache diese Bauepoche laut Statistik Austria einen der größten Anteile des gesamten österreichischen Gebäudebestands aus. Das heißt auch: Um viele Ressourcen zu sparen, sind genau diese Gebäude besonders wichtig - noch dazu, wenn sie in der öffentlichen Hand sind. „Die WU steht pars pro toto für diese Masse, die zum Teil einfach noch immer als pauschal hässlich abgewertet wird. Aber wenn wir über Klimakrise reden, wenn wir über Energieeinsparungen denken, wenn wir über Ressourcenschonung nachdenken, dann beginnt das einfach bei diesen Beständen." 

Als Positivbeispiel verweist Vejnik auf den Campus der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt. Dort wurde ein Bestandsgebäude aus derselben Epoche behutsam saniert. Für Vejnik zeigt das, wozu Gebäude dieser Zeit fähig sein können. Es braucht den Willen, ihre Qualitäten ernst zu nehmen und weiterzuentwickeln.

Die erste Stufe des Wettbewerbs wurde Anfang des Jahres abgeschlossen. Zehn Projekte stehen nun in der engeren Auswahl. Ende des Jahres wird das Siegerprojekt der Öffentlichkeit präsentiert. Dann entscheidet sich, ob die Alte WU abgerissen wird oder als Vorzeigeprojekt für erfolgreiche Transformation und Bestandsnutzung in neuem Glanz erstrahlt.


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