Zum ersten Mal sexuell belästigt: Wie alt warst du?
Ich habe vor wenigen Tagen ein Reel gepostet. Darin erzähle ich, wann ich das erste Mal von einem Mann belästigt wurde. Ich war 11 Jahre alt. Dann stelle ich eine einfache Frage: Und wie alt warst du?
Was danach kam, war keine Überraschung, aber die Wucht hat es in sich. In hunderten Kommentaren erzählen Frauen erschreckend konsistent, wie alt sie waren. "7." "7." "9." "10." "11." "12."
Immer wieder dieselben Zahlen. Immer wieder junge Mädchen. Immer wieder Männer, die mehr als alt genug waren, um zu wissen, was sie da tun.
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Der 70-jähriger Trainer.
Der 40-jähriger Feuerwehrmann.
Der Bauarbeiter auf einem Dach.
Der Mann im Reitstall.
Der Fremde, der ein Kind nach Hause verfolgt.
Ein voller Bus. Und alle schauen zu.
Alles Orte, an denen Mädchen einfach Kinder hätten sein sollen.
Sexualisierte Gewalt: Es geht um Macht
Was sich in den Kommentaren zeigt, deckt sich präzise mit der Studienlage. Internationale Forschung zu sexualisierter Gewalt kommt seit Jahren zu denselben Ergebnissen. Das Risiko für Mädchen und junge Frauen sexuelle Gewalt zu erleben ist besonders hoch in der Kindheit, in der frühen Jugend, im Übergang zum Erwachsenwerden. Ein großer Teil der ersten Übergriffe passiert vor dem 18. Lebensjahr, viele sogar deutlich früher. Und sie sind nirgendwo sicher: Schulen, Universitäten, Vereine, Freizeitorte, öffentliche Verkehrsmittel, Familienfeste: Alles Räume mit klaren Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen.
Die Forschung benennt auch die Gründe klar. Sexualisierte Gewalt hat weniger mit Sexualität zu tun als mit Macht. Mit dem Ausnutzen von Nähe, Autorität, körperlicher Überlegenheit. Mit Situationen, in denen Kinder und Jugendliche abhängig sind, in denen Grenzen schwer durchsetzbar sind, in denen Erwachsene Definitionsmacht haben. Dazu kommen Faktoren wie fehlende soziale Kontrolle, Hierarchien und institutionelles Wegsehen.
Es passiert im Privaten
Der größte Teil sexualisierter Gewalt passiert nicht durch unbekannte Täter im dunklen Park, sondern durch bekannte Männer: Trainer, Bekannte, Kollegen, Partner, Familienmitglieder. Wer sich also weiterhin darauf konzentriert, so zu tun, als liege das Risiko primär im “falschen Verhalten” von Mädchen oder im öffentlichen Raum, ignoriert systematisch die Datenlage.
Was all diese Frauen in den Kommentaren beschreiben, ist kein persönliches Versagen, kein individuelles Pech. Es ist ein strukturelles Problem, das sich statistisch, sozial und politisch abbilden lässt.
Epstein ist überall
Im Kontext der sogenannten Epstein-Files wird diese Struktur auf einer anderen Ebene sichtbar. Trotz massiver Beweislage, Millionen von Akten und hunderten Zeug:innenaussagen, wurde bisher kaum jemand zur Verantwortung gezogen. Reichtum, Macht und Netzwerke schützen vor Konsequenzen. Aber das entscheidende ist: Das ist kein Ausnahmefall, sondern ein Extrembeispiel der gleichen Logik: Täter profitieren von Systemen, die sie schützen.
Und diese Logik besteht nicht nur für jene “da oben”. Sie wirkt nach unten. In den Alltag. In den Verein. In der Schule. Im Bus. In die Familie. Sexualisierte Gewalt gegen Mädchen ist kein Elitenproblem. Sie ist gesellschaftliche Normalität. Getragen wird sie von Verharmlosung, vom Schweigen und der ständigen Individualisierung der Betroffenen.
Was Mädchen und Buben dabei (nicht) lernen
Die Kommentare unter diesem Reel erzählen noch etwas anderes, das ebenfalls gut erforscht ist: die frühe und geschlechtsspezifische Sozialisation von Angst. Mädchen lernen früh, aufmerksam zu sein. Sie lernen, ihren Körper zu kontrollieren, ihre Wege zu ändern, ihre Kleidung zu hinterfragen. Sie lernen im Volksschulalter, Verantwortung für das Verhalten von erwachsenen Männern zu übernehmen. Aber wir verabsäumen es, den Buben beizubringen, Grenzen zu respektieren.
Was also ist zu tun?
Erstens: wir sollten endlich aufhören, überrascht zu sein. Die Daten liegen auf dem Tisch, die Geschichten werden seit Jahrzehnten erzählt. Dazu müsste man nur mal zuhören. Und das Gehörte nicht relativieren, nicht abwehren, nicht erklären. Dann erst verschieben wir die Verantwortung dorthin wo sie hingehört. Prävention darf nicht bei Mädchen ansetzen, sondern bei den Männern, in den Institutionen, den Machtstrukturen. Klare Regeln, echte Konsequenzen, Schutzkonzepte, die diesen Namen verdienen.
Wie viele Mädchen müssen noch bedrängt, belästigt, betatscht werden, bis wir anfangen, entsprechend zu handeln?
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