Liebe in Zeiten des Patriarchats
Die Fälle, die im März 2026 öffentlich verhandelt werden, sind juristisch nicht identisch und moralisch doch auf verstörende Weise verwandt: Collien Fernandes erhebt schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen und hat Anzeige erstattet; in Spanien laufen Vorermittlungen. ORF-Generaldirektor Roland Weißmann trat nach Vorwürfen sexualisierter Belästigung einer Mitarbeiterin zurück, er bestreitet sie. Gegen Christopher Seiler wird nach der Anzeige einer Frau ermittelt; er räumte ein, ihr Kokain auf die Lippen geschmiert zu haben, bestreitet aber Gewalt und sexualisierten Übergriff.
Sein Fetisch, seine Dämonen, seine Karriere
Im Ulmen-Komplex tauchte fast sofort das Wort “Fetisch” auf. Bei Christopher Seiler wurden angebliche “Dämonen” aufgerufen. Im ORF-Fall Roland Weißmann verschob sich die Aufmerksamkeit rasch auf angebliche politische Intrigen.
Drei verschiedene Fälle, drei verschiedene Formen männlicher Selbstverständlichkeit, drei Arten, den männlichen Zugriff nachträglich zu ummanteln: psychologisch, institutionell, rhetorisch. Dabei gilt in laufenden Verfahren selbstverständlich die Unschuldsvermutung. Und fast immer kippt die Aufmerksamkeit erstaunlich rasch weg von der Frau und hin zum Mann. Wir hören von seinem Fetisch, seinen Dämonen, seiner Karriere, seinem Sturz.
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Die "himpathy"
Die Philosophin Kate Manne beschreibt, warum öffentliche Debatten über solche Fälle so musterhaft ähnlich verlaufen: wegen „himpathy“, der übergroßen, unangemessenen Sympathie für männliche Täter oder mutmaßliche Täter. Himpathy heißt: Man sorgt sich um den Mann, sobald sein Ansehen, sein Amt, sein Werk, sein Album, seine Zukunft in Gefahr geraten. Man hört ihm beim Leiden zu. Man wägt ab, wie hart die Folgen für ihn wären. Man fragt, ob nicht auch er Hilfe brauche.
Bei Seiler kann man das wunderbar nachzeichnen. “Ich bin bei Gott kein perfekter Mensch”, “ich kämpfe auch mit Dämonen”: Schon ist man wieder mitten in der Erzählung von der gequälten Männlichkeit. Nicht mehr bei der Frau, sondern beim inneren Kampf des Mannes. Nicht mehr bei der Grenzverletzung, sondern bei seiner Gebrochenheit. Das ist eine der ältesten Entschuldungsstrategien überhaupt: Der Mann wird psychologisiert, bis die Frau aus dem Bild fällt.
Es sind keine Einzelfälle
Was an diesen Entschuldungserzählungen so praktisch ist: Sie stärken den Einzelfallcharakter. Ein Fetisch ist privat. Dämonen sind intim. Eine Krise ist persönlich. Alles klingt nach Sonderfall, nach Abweichung, nach einem dunklen Winkel der Seele. Und gerade dadurch verschwindet, was sichtbar werden müsste: die kulturelle Erlaubnis für alle Männer, sich Frauen zu nehmen. Ihre Zeit, ihre Aufmerksamkeit, ihre Körper, ihre Loyalität. Die Psychologisierung des Mannes entpolitisiert die Erfahrung der Frau.
Denn die Skandale um Ulmen, Weißmann und Seiler sind auch nicht bloß Geschichten über Übergriffe oder Vorwürfe. Sie sind Geschichten über weibliche Verfügbarkeit und männliche Dominanz. Im Fall Ulmen steht, wenn sich die Vorwürfe erhärten, sogar der eigene Name, das eigene Bild, der eigene Körper als digitale Projektionsfläche im Raum. In der Causa Weißmann zeigt sich die besondere Hässlichkeit institutioneller Hierarchie: Wenn der Chef dich bedrängt und eine ganze Organisation nicht davor schützt. Und im Fall Seiler sieht man das alte Elend der Grenzdebatte. Noch während eine Frau etwas erlebt hat, diskutiert die Öffentlichkeit schon darüber, wo exakt die Linie zwischen Enthemmung, Übergriff und Gewalt verlaufe. Als wäre weibliche Integrität ein Maßbandproblem.
Deshalb trifft mich an diesen Debatten am meisten die billige Sehnsucht nach dem Einzelfall. Der Einzelfall beruhigt. Er erlaubt es, den Mann vom System zu trennen, die Kultur von der Tat, die Liebe von der Macht. Aber das ist eine Lüge. Das, was Frauen in Beziehungen zermürbt, ist mit dem verwandt, was Frauen in Redaktionen, in Autos, in Hotelgängen, in Chatfenstern und auf Partys bedroht. Immer geht es um dieselbe Lektion: dass weibliche Grenzen dehnbar, weibliche Zeit verfügbar und weibliche Loyalität selbstverständlich seien.
Die große Gewalt und die kleine Gewöhnung
Frauen sollen lieben, aber auf eine Weise, die andere stärkt und sie selbst schwächt. Sie sollen Bindung herstellen, Frieden sichern, Bedürfnisse lesen, Kränkungen abfedern, Wäscheberge sehen, Kindertermine merken, Gespräche moderieren, Stimmungen managen und dabei nach Möglichkeit auch noch begehrenswert bleiben. Männer nennen das Beziehung. Für Frauen ist es Erschöpfung.
Man muss diese beiden Ebenen zusammen denken: die große Gewalt und die kleine Gewöhnung. Denn die Zumutung beginnt nicht erst dort, wo eine Frau Anzeige erstattet. Sie beginnt dort, wo ein Nein als Gesprächseinstieg behandelt wird. Wo Frauen systematisch lernen, dass sie nicht nur Grenzen ziehen, sondern deren Überschreitung auch noch begleiten müssen. Wo sie nach einem Übergriff zu Beweismittelverwalterinnen, Pressesprecherinnen ihrer eigenen Verletzung und Therapeutinnen männlicher Reue werden sollen. Die Frage ist nie nur: Was ist ihr passiert? Die Frage ist immer auch: Warum muss sie es denn jetzt erzählen, kann sie es sauber belegen, schafft sie es, sich widerspruchsfrei zu erinnern und alles, wirklich alles öffentlich auszuhalten?
Ich hasse Männer nicht
Amber Henry hat in Sprache gefasst, was viele Frauen spüren: “Ich hasse Männer nicht. Ich hasse, wie ihre Blicke Orte finden, an die sie nicht eingeladen wurden. Ich hasse, dass ein ‚Nein‘ oft zu einer Debatte wird, statt eine Antwort zu sein. Ich hasse, dass jede Frau, die ich kenne, eine Geschichte trägt, die sie nie erzählen wollte. Ich hasse die Loyalität, die sie Tätern schenken, und wie sie unsere Selbstbestimmung gegen ihr Begehren eintauschen.“ Mehr muss man über unsere Gegenwart eigentlich nicht wissen. In diesem Zitat steckt bereits der ganze Apparat: Die permanente Grenzüberschreitung, die männliche Komplizenschaft, die routinierte Abwertung weiblicher Erfahrung.
Wie sollen wir euch lieben?
Wie sollen wir euch also noch lieben? Sicher nicht mehr auf die alte Art. Nicht als Service. Nicht als moralische Gratisressource. Nicht als Bereitschaft, eure Unreife zu kuratieren und eure Gewalt zu psychologisieren. Nicht als Bewunderungsarbeit für Männer, die von Gleichheit sprechen, aber Anspruch meinen. Liebe, die diesen Namen verdient, wäre etwas anderes: kein Zugriff, keine Verfügbarkeit, kein stilles Einverständnis in männliche Bedürftigkeit mit Machtüberschuss. Sondern Gegenseitigkeit, Verantwortungsfähigkeit, die Fähigkeit, ein Nein als Nein zu hören und eine Kränkung nicht in Aggression zu übersetzen.
Vielleicht ist das die eigentliche Krise dieser Zeit: dass Frauen nicht mehr nur benennen, was Männer ihnen antun, sondern auch, was ihnen jahrzehntelang als Liebe verkauft wurde. Und dass immer mehr von ihnen die Rechnung nicht mehr akzeptieren. Nicht die Erzählung vom bedauernswerten Mann mit Fetisch. Nicht die Romantik vom gefallenen Mann mit Dämonen. Nicht das institutionelle Schulterzucken, das den Einzelfall beschwört, damit das System unsichtbar bleibt. Denn was Respekt verweigert, Verantwortung auslagert und Erkenntnis abwehrt, das mag Nähe sein, Gewohnheit, Bequemlichkeit, Besitzanspruch, Sehnsucht oder Angst vor dem Alleinsein. Aber Liebe ist es nicht.
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