Politische Gefangene im Schatten des Iran-Krieges: “Sie sind völlig schutzlos”
“Die Gefangenen sind völlig schutzlos. Sie können sich nicht verstecken, sie können nirgendwo hinlaufen”, sagt Kamran Ghaderi. Er war selbst ein politischer Gefangener im Iran. Die Bedingungen in den Gefängnissen waren schon in Friedenszeiten teils brutal - durch den Krieg haben sie sich weiter verschärft. “Die Versorgung mit Lebensmitteln und medizinischer Hilfe ist extrem gefährdet, weil auch die Infrastruktur des Landes bombardiert wird.”
Während des aktuellen Krieges unterdessen erneut zahlreiche Festnahmen wegen angeblicher Spionage. Nach Angaben des Geheimdienstministeriums wurden in den vergangenen Tagen Dutzende Menschen festgenommen, darunter auch ein ausländischer Staatsbürger, dem vorgeworfen wird, im Auftrag der USA und Israels Informationen gesammelt zu haben.
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Ghaderi betont zugleich die Rolle der internationalen Gemeinschaft, nach der viele Iraner:innen im Inland und in der Diaspora wegen der brutalen Niederschlagung der Proteste im Januar gerufen haben. “Wir wollen keinen Krieg, aber gleichzeitig wollen wir auch das System der Islamischen Republik nicht mehr, sondern eine Demokratie. Internationale Hilfe heißt nicht automatisch Krieg. Es bedeutet Druck auf das Regime, sowohl wirtschaftlich als auch politisch, damit die Menschen geschützt werden. Wir müssen verhindern, dass Zivilist:innen und Gefangene die Kosten dieses Krieges tragen.”
Der verschwundene Dichter
Auch Shailin Asadollahi kennt die Unsicherheit und Angst, die der Krieg für Gefangene und ihre Familien mit sich bringt. Sie berichtet von der Lage ihres Bruders Ali Asadollahi, einem preisgekrönten iranischen Dichter und Mitglied der Iranischen Schriftstellervereinigung. Am 24. Januar wurde er in seinem Zuhause ohne Angaben von Gründen verhaftet - bis zum Beginn des Krieges saß er im Evin-Gefängnis im Trakt 209 (Anmerkung d. Red.: dort kommen politische Gefangene in Isolationshaft, werden gefoltert und stehen unter Aufsicht des Geheimdienstes). “Wir haben lange nichts von ihm gehört. Vor etwa zwei Wochen wurde uns mitgeteilt, dass er gegen Kaution freikommen könne.”
Am nächsten Tag wollte die Familie zum Gefängnis, um die Kaution zu bezahlen - genau an dem Tag, an dem der Krieg begann. Beamten informierten die Familie, dass die Insassen der Abteilung von Herrn Asadollahi an einen unbekannten Ort verlegt worden seien. “Erst Dienstagabend konnte mein Bruder meine Familie kurz kontaktieren. Er weiß nicht, an welchem Ort er sich befindet. Das ist eine Art psychische Folter, sowohl für den Gefangenen als auch für die Familie”, sagt Asadollahi.
Verlegungen an unbekannte Orte
Viele willkürlich Verhaftete, wie Ali, werden anfangs nicht sofort in die regulären Hafttrakte gebracht, da kein Gerichtsverfahren stattfindet. Sie bleiben in Trakten wie Trakt 209, die dem “Ministerium für Nachrichtenwesen”, dem iranischen Geheimdienst, unterliegen und werden später verlegt. Shailin sagt, ihre Familie habe erfahren, dass sich Ali nordöstlich von Teheran befinden könnte. Die Familie befürchtet, dass diese Gegend besonders stark von den Angriffen der USA und Israels betroffen sein könnte.
Menschenrechtsorganisationen weisen seit Jahren darauf hin, dass solche Sicherheits- und Spionagevorwürfe häufig gegen politische Gefangene oder ausländische Staatsbürger erhoben werden.
Ghaderi selbst war mehr als sieben Jahre im berüchtigten Evin-Gefängnis inhaftiert (das bei israelischen Luftschlägen 2025 getroffen wurde). Auch ihm wurde Spionage vorgeworfen. Während seiner Haft lernte er viele andere politische Gefangene kennen, zu denen er heute noch Kontakt hält, darunter Studenten, Vertreter von Lehrer- und Arbeitergewerkschaften, Minderheiten wie Bahá’ís, Azeris und Kurden sowie Menschenrechtsaktivisten. “Durch diese Beziehungen wurde ich politisiert. Ich habe von diesen Menschen unglaublich viel gelernt”, sagt er. “Wir haben sehr viel über Iran und die Zukunft des Landes gesprochen und diskutiert.”
Die Gefahr neuer Repression im Krieg
Die Risiken für politische Gefangene im Krieg sind laut Ghaderi besonders hoch. Im Zuge der regimekritischen Proteste im Januar 2025 wurden laut der Menschenrechtsorganisation HRANA über 50.000 Personen willkürlich inhaftiert, darunter 555 Kinder und Jugendliche. Wie viele Personen inzwischen entlassen wurden, ist unbekannt.
Die in New York ansässige NGO Center for Human Rights in Iran (CHRI) warnt vor den gravierenden Risiken für politische Gefangene und willkürlich Inhaftierte während der militärischen Angriffe. Besonders alarmierend sei die Situation der Zehntausenden, die während der landesweiten Proteste im Januar festgenommen wurden und weiterhin verschwunden sind. Viele politische Gefangene des iranischen Regimes, die zuvor nach unfairen Prozessen zum Tode verurteilt wurden, sind von geheimen Hinrichtungen bedroht. Die NGO kritisiert auch die vagen und unbegründeten Anklagen wie “nationale Sicherheit” oder “Spionage”, um harte Strafen einschließlich der Todesstrafe zu rechtfertigen.
Historische Erfahrungen zeigen, dass das Regime in Zeiten von Krisen und Krieg auch innerhalb der Gefängnisse die Gewalt eskalieren lässt. Ein Beispiel ist das Jahr 1988: Im Schatten des Iran-Irak-Krieges wurden laut Amnesty International mindestens 5.000 Oppositionelle,vor allem aus den Reihen der Volksmujahedin aber auch aus dem linken Spektrum, ohne gerichtliche Verfahren hingerichtet und in anonymen Massengräbern verscharrt. “Das Risiko ist auch jetzt noch da”, warnt Ghaderi.
Einige Gefangene werden in das Gefängnis “Fashafuyeh“ verlegt, wo die Bedingungen ohne besonders schlecht sind: kleine Zellen mit fünf bis zehn Personen, wenig Nahrung, schlechte medizinische Versorgung. Die Situation hat sich in den letzten Tagen weiter verschärft. Das reguläre Gefängnispersonal ist geflohen und durch eine Anti-Terror-Spezialeinheit ersetzt worden. Die Inhaftierten wurden in ihren Abteilungen eingeschlossen, haben nur eingeschränkten Zugang zu Nahrung und medizinischer Versorgung und können kaum Kontakt zu ihren Familien aufnehmen.
Warnung von Menschenrechtsorganisationen
Die Gefangenen selbst bleiben größtenteils im Dunkeln über die militärische Lage. Während des “Zwölf-Tage-Krieges” im vergangenen Jahr, bei dem auch das Evin-Gefängnis angegriffen wurde, seien Insassen trotz bekannter Risiken nicht evakuiert worden. Einige wurden gewaltsam verlegt, andere verletzt oder misshandelt.
NGOs rufen Regierungen und internationale Organisationen dazu auf, Druck auf die iranischen Behörden auszuüben, um alle politischen Gefangenen freizulassen und zumindest sicherzustellen, dass während der Konflikte keine Hinrichtungen stattfinden. Auch Shailin Asadollahi appelliert an die internationale Öffentlichkeit: „Ich hoffe, dass alle Menschen und Organisationen weltweit handeln, die sich für Menschenrechte einsetzen. Sie müssen die Stimmen der Gefangenen hörbar machen, ehe es zu spät ist.“
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