Wie Männer sich davor drücken, über Männergewalt zu sprechen: Die Top 6 der Ausreden
Man kann derzeit kaum ein Soziales Netzwerk öffnen, ohne dem Thema Männergewalt zu begegnen. Hunderte, tausende Frauen posten, sharen und kommentieren. Es ist, als wäre da etwas kollektiv aufgebrochen. Als wäre da etwas, was wir nicht länger wegschieben können. Doch unterhalb all dieser Posts, in den Kommentaren dazu, da passiert etwas, das wir aus dem echten Leben nur allzu gut kennen. Die Gewalt gegen Frauen verschwindet. Sie wird aus der Debatte kollektiv hinausgeschoben.
Nun sind tausende Kommentare natürlich keine repräsentative Studie. Aber sie sind als Material sehr aufschlussreich. Sie zeigen die ganze Waffensammlung an sehr wirkungsvollen Abwehrstrategien.
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Zunächst einmal lohnt sich ein Blick auf die Ausgangslage.
#1 Die Flucht in die Ausnahme
Das häufigste Muster ist die Flucht in die Ausnahme. Man dürfe doch jetzt nicht verallgemeinern. Schlimmer noch, das sei ja sexistische Verallgemeinerung! Aus einer Analyse zu den strukturellen Mustern von Gewalt, wird flugs eine Debatte über die persönliche Schuld eines einzelnen - sicherlich fehlgeleiteten - Mannes. Die Strategie entlastet. Ein Einzelfall hat doch mit den meisten überhaupt nichts zu tun. Die Struktur hinter vielen Einzelfällen wird ignoriert - und deshalb muss man sich damit auch nicht mehr befassen.
Natürlich ist nicht jeder Mann ein Täter. Aber wenn man über das Patriachat spricht, dann spricht man ja nicht von Biologie. Es geht um die Gesellschaft. Es ist eine soziale Theorie über Macht, Glaubwürdigkeit, Verfügbarkeit, Anspruchsdenken und die ungleiche Verteilung von Verletzbarkeit.
Die eigentlichen Fragen sind: Wie wird Gewalt gegen Frauen gesellschaftlich mitorganisiert? Welche Muster begünstigen und normalisieren das auch noch? Aber genau deshalb ist der Einwand der Ausnahme und des Einzelfalles so bequem. Er ersetzt die eigentlichen Fragen: durch die Sorge, dass sich ein einzelner Mann zu Unrecht angesprochen oder kritisiert fühlen könnte.
Dabei ist Gewalt gegen Frauen ja kein Randphänomen, das sich aus ein paar besonders problematischen Einzelfällen zusammensetzt. In Europa hat etwa jede dritte Frau seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche oder sexualisierte Gewalt erlebt. In Österreich berichten rund ein Viertel der Frauen von entsprechenden Erfahrungen. Dazu kommt ein wachsender Bereich digitaler Gewalt, der zunehmend sichtbar wird, während gleichzeitig ein erheblicher Teil der Betroffenen nie darüber spricht.
#2 Die falsche Symmetrie
Das zweite Muster ist die Gegenrechnung. "Frauen sind auch schlimm." "Wie viele ätzende Frauen gibt es?" "Es gehören immer zwei dazu." Ja, auch Frauen können grausam sein. Aber Gewalt gegen Frauen ist nicht einfach eine Unterkategorie allgemeiner menschlicher Unfreundlichkeit. Sie ist eingebettet in Verhältnisse. Sie geschieht in einer Kultur, die es Männern oft leicht macht, Grenzen von Frauen zu ignorieren oder Frauen als verfügbar anzusehen.
Oft kippt die Gegenrechnung dann auch ins klassische Victim Blaming. Frauen präsentierten sich ja selbst sexualisiert, also solle man sich über männliche Reaktionen nicht wundern. Frauen provozieren, Männer reagieren.
Das zeigen Umfragen übrigens leider sehr klar: 17 Prozent der Befragten in der EU glauben, Frauen übertrieben häufig Berichte über sexualisierten Missbrauch oder Vergewaltigung; 27 Prozent der Männer halten sexualisierte Belästigung am Arbeitsplatz für akzeptabel.
#3 Die Umkehrung der Opferrolle
Das dritte Muster: Eigentlich sind die Männer die Opfer. "Feinster Männerhass." "Wo soll dieser entstehende Männerhass hinführen?" "Die Spaltung zwischen Mann und Frau ist voll im Gange." Aus der Benennung von Gewalt wird Hass gemacht. Aus der Kritik an einem Herrschaftsverhältnis wird so eine angebliche Kampagne gegen Männer.
Es ist einfacher, sich beleidigt zu fühlen, als über den eigenen Vorteil nachzudenken und sich selbst zu überprüfen. Wer sich als Opfer einer "Hetzjagd" sieht, muss sich nicht fragen, wo er selbst weggeschaut, geschwiegen, mitgelacht oder Gewalt verharmlost hat.
#4 Der schlechte Mann ist immer der andere
Patriarchale Gewalt wird bei vielen dann aber nicht grundsätzlich bestritten. Aber sie wird verlagert. Auf den anderen Mann. Den fremden, den "kulturell anderen", den, der nicht dazugehört, der ist der patriarchale Mann. Möglichst einer, an dem man zugleich noch eine Migrations-, Islam- oder Kulturkampfgeschichte festmachen kann.
Der freundliche, gebildete, bekannte, eigene Mann hingegen soll bitte nie als Teil eines Musters erscheinen, selbst dann nicht, wenn genau sein Verhalten zum Thema wurde. Das funktioniert politisch besonders gut, weil Sexismus und Rassismus hier zusammenarbeiten.
Die Gewalt "der anderen" bestätigt Vorurteile. Die hat Struktur.
Die Gewalt "der eigenen" wird relativiert, psychologisiert, entschuldigt. Die ist Einzelfall.
Diese Verschiebung erlaubt es, Sexismus zu relativieren und gleichzeitig andere Hierarchien, etwa rassistische, zu verstärken.
#5 Verfahrensrhetorik
Hier wird die Debatte in den Rechtsstaat verschoben. "Darf sich der Angeklagte überhaupt noch äußern?" "Unschuldsvermutung!" Was nach juristischer Fairness klingt, soll die Diskussion stoppen.
Natürlich gilt vor Gericht die Unschuldsvermutung. Dort wird geklärt, was ist beweis- und strafbar. Aber die gesellschaftliche Frage lautet auch: Welche Muster von Macht, Kontrolle, Erniedrigung und digitaler Gewalt werden sichtbar, wenn Betroffene sprechen?
#6 Tauschgeschäfte
Und dann gibt es noch den beleidigten Solidaritäts-Entzug. Das passiert, wenn Frauen Männer kritisieren, die sie angeblich eh unterstützen. Dann sollen sie ihren "Scheiß" künftig bitte allein regeln und auf kein Verständnis, keine Hilfe hoffen.
Das ist besonders aufschlussreich. Denn das zeigt, dass die Unterstützung hier eben keine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit ist. Keine tiefe Haltung. Sie ist ein Tauschgeschäft. Hilfe und Unterstützung gibt es nur gegen Dankbarkeit und Unterordnung.
Genau darin steckt aber der alte Kern patriarchaler "Fürsorge". Sie ist nie bedingungslos, sie war immer die Belohnung für Anpassung und Unterwerfung.
Was diese Strategien tun
All diese Strategien sollen Männer entlasten. Und sie funktionieren, weil sie drei Dinge retten: männliche Unschuld und Identität sowie patriarchale Normalität.
Sie retten die Unschuld, weil jeder einzelne Mann erleichtert sagen kann: Ich bin nicht gemeint, ich bin keiner von denen. Wenn das Problem nur "Idioten" sind, bin ich fein raus.
Sie retten die Identität, weil aus Verstrickung Kränkung wird. Wenn Kritik am Patriarchat in "Männerhass" umcodiert wird, kann ich mich als Angegriffener, als Opfer fühlen statt als jemand, der von einer Ordnung profitiert.
Und sie retten die Normalität, weil dank ihnen nichts am Selbstbild eines Mannes oder an Beziehungen umgebaut werden muss.
Alles kann nicht so bleiben, wie es ist
All diese Strategien helfen dabei, dass alles so bleibt wie es ist. Und all die Männer, die nicht in den Kommentaren unter den Postings von Frauen zu finden sind? Ihr seid auch nicht besser.
Das Rütteln am Status quo ist nicht allein die Aufgabe der Frauen. Die bequeme männliche Rolle der “guten” Männer, innerlich betroffen nicken und äußerlich schweigen, ist Teil des Problems. Wer es ernst meint mit der männlichen Solidarität muss auch selbst etwas riskieren - und zwar überall: im Freundeskreis, in den Kommentarspalten, in Redaktionen, Parteien, Unternehmen, Kulturinstitutionen. Und im eigenen Selbstverständnis.
Es ist auch euer Job die patriarchale Normalität zu unterbrechen. Sonst helft ihr mit, den Laden am Laufen zu halten, indem die Gewalt gegen Frauen zuerst verharmlost oder relativiert und dann auch noch beleidigt verteidigt wird.
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