Pflege: Danke sagen reicht nicht
Bis 2030 müssen in Österreich über 50.000 Pflege- und Betreuungskräfte neu gewonnen oder ersetzt werden. Bis 2040 fast 120.000. Schon heute fehlen Menschen im System, selbst diese Prognosen rechnen den aktuellen Mangel noch gar nicht vollständig ein.
Die Pflegekrise kommt nicht überraschend. Sie wird seit Jahren angekündigt, berechnet und dokumentiert. Österreich wird älter. Der Anteil der über 80-Jährigen wird sich bis 2050 verdoppeln. Aus heute rund einer halben Million hochbetagter Menschen werden mehr als eine Million. Das sind unsere Eltern, Partner:innen oder Nachbar:innen. Irgendwann sind wir es selbst.
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Trotzdem behandelt die Politik das Thema Pflege noch immer so stiefmütterlich und glaubt das System mit punktuellen Zuschüssen irgendwie stabil halten zu können. Schon heute wird ein gewaltiger Teil der Pflegearbeit aus den öffentlichen Budgets ausgelagert und in die Familien verschoben. Rund 950.000 Menschen in Österreich pflegen ihre Angehörige oder Bekannte. Der Großteil davon sind Frauen. Dazu kommen zehntausende Kinder und Jugendliche, die Pflegeverantwortung übernehmen.
Wenn der Staat Pflege nicht organisiert, verschwindet diese Arbeit ja nicht. Sie landet bei Töchtern, Ehefrauen, Partnerinnen und Kindern. Auch in der professionellen Pflege zeigt sich ein ähnliches Bild. Mehr als 80 Prozent der Beschäftigten in Gesundheits- und Krankenpflegeberufen sind Frauen. Die Pflege ist in Österreich Frauenarbeit. Bezahlt und unbezahlt.
Und genau diese Arbeit wird politisch systematisch romantisiert. Pflegekräfte gelten als besonders engagiert, besonders aufopfernd, besonders belastbar. Sie sollen Bedingungen aushalten, die man in anderen Branchen niemals akzeptieren würde. Dabei mögen viele Pflegekräfte ihren Beruf. Sie erleben ihn als sinnvoll und gesellschaftlich wichtig. Das Problem ist also nicht die fehlende Motivation. Das Problem sind die Arbeitsbedingungen, die Menschen kaputt machen.
Mehr als 60 Prozent der Pflegekräfte glauben heute nicht, dass sie ihren Beruf bis zur Pension durchhalten können. Genannt werden körperliche und psychische Belastung, Personalmangel, Zeitdruck und der andauernde Druck ausgelöst durch die permanente Verantwortung für andere. Das ist die eigentliche Pflegekrise: Nicht zu wenige Menschen wollen in der Pflege arbeiten. Aber zu viele halten die Bedingungen auf Dauer nicht aus.
Wer Pflege ernst nimmt, muss ins Handeln kommen. Pflegekräfte brauchen keine zusätzlichen Dankesreden. Sie brauchen Dienstpläne, die ein Privatleben zulassen. Ausreichend Kolleg:innen pro Schicht, damit sich die Arbeitsbelastung auf ausreichend Schultern verteilt. Sie brauchen Arbeitszeiten, die man bis zur Pension durchhält und Löhne, die Verantwortung und die Belastung tatsächlich widerspiegeln.
Ausbildung allein reicht nicht
Ja, die Zahl der Menschen in Pflegeausbildungen steigt. Das ist gut. Aber Ausbildung allein repariert kein System, das Beschäftigte nach wenigen Jahren wieder hinausdrängt. Wenn vorne mehr Menschen beginnen und hinten gleichzeitig immer mehr erschöpft aussteigen wollen, löst das unsere Pflegekrise nicht.
Dazu kommt ein österreichisches Dauerproblem, die zersplitterte Zuständigkeit. Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherung schieben die Verantwortung seit Jahren gegenseitig hin und her. Die Rechnung zahlen am Ende Beschäftigte, Angehörige und Pflegebedürftige. Was folgt daraus?
1. Pflege braucht einen echten Rechtsanspruch auf gute Versorgung.
Wer pflegebedürftig wird, darf nicht davon abhängig sein, in welchem Bundesland er lebt oder wie belastbar die eigene Familie ist. Österreich braucht verbindliche Standards, einen massiven Ausbau der Angebote und eine Finanzierung, die langfristig gesichert ist. Wer Vermögens- und Erbschaftssteuern kategorisch ausschließt, schiebt die Rechnung auf Beschäftigte und Angehörige ab.
2. Pflegepolitik ist Arbeitsmarktpolitik.
Wie können Menschen gesund in diesem Beruf bleiben? Dafür braucht es bessere Personalschlüssel, höhere Löhne, planbare Arbeitszeiten, mehr Mitsprache und kürzere Vollzeitmodelle in besonders belastenden Bereichen.
2. Pflegepolitik ist Frauenpolitik.
Solange Pflege vor allem privat organisiert wird, landen die Folgen bei Frauen. Sie reduzieren ihre Arbeitszeit, bekommen geringere Einkommen, tragen die psychische Überlastung allein. Wer mobile Dienste, Tageszentren, Kurzzeitpflege und stationäre Angebote ausbaut, stärkt nicht nur Pflegebedürftige. Man schützt auch Erwerbsbiografien von Frauen und verhindert ihre Altersarmut.
Die Pflege ist der Lackmustest des Sozialstaats. Wer Pflege ernst nimmt, muss sie planen, finanzieren und die Menschen schützen, die sie leisten.
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