“Ich hab's doch auch geschafft!”
Es ist ein schwerer Fehler zu vergessen, wie viel Glück heute dazugehört, den Weg aus der Armut zu schaffen. Ohne diesen entscheidenden Funken Glück hilft auch das Zähne zusammenbeißen nicht.
Kommentare von Menschen, die selbst von Armut betroffen waren, treffen mich noch mehr als andere. “Ich war ja selbst ganz unten. Aber aus eigener Kraft und durch harte Arbeit habe ich es alleine wieder rausgeschafft”, schreiben mir diese Menschen. Ich frage mich dann immer, an welchen Punkt auf dem Weg nach oben sie ihre Empathie verloren haben.
Wenn sogar andere Menschen es mit angeblich purer Willenskraft aus der Armut geschafft haben, war das für mich der endgültige Beweis dafür, dass ich eine Versagerin bin. Ich war lange gefangen in dem Glauben, ich müsste es nur mehr wollen, härter arbeiten. Erst als ich mich Armut auf gesellschaftlicher Ebene auseinandergesetzt habe, wurde mir klar, dass die Hoffnung und der Wille zwar wichtig sind, die größten Hürden aber politisch gelöst werden müssen. Erst dann konnte ich damit aufhören, mich selbst abzuwerten.
Es ist ein schwerer Fehler zu vergessen, wie viel Glück heute dazugehört, den Weg aus der Armut zu schaffen. Ohne diesen entscheidenden Funken Glück hilft auch das Zähne zusammenbeißen nicht.
Ohne Glück erfährst du nicht von dem Job, der nie ausgeschrieben wurde, sondern deine Bewerbung wandert nach ganz unten im Stapel. Oder du bekommst sogar die Arbeit, aber niemand kann deine Kinder betreuen, während du im Büro sitzt. Oder deine Gesundheit spielt nicht mit, und du kannst einen Vollzeitjob vergessen. Da hilft es nicht, es nur wirklich zu wollen.
Ich freue mich über jede einzelne Person, die es aus der Armut schafft. Ich weiß, dass das unheimlich schwierig ist. Aber für manche ist es unter diesen Umständen sogar unmöglich. Das dürfen wir nicht vergessen.
Das könnte dir auch gefallen
- Pensionserhöhung 2027: Wer bekommt wie viel und ist das gerecht?
- Sexuelle Bildung für Menschen mit Behinderungen: "Die Leute glauben, dass etwas mit ihnen nicht stimmt"
- Zwischenparken: Unternehmen lagern ihr Risiko auf die Allgemeinheit aus
- Zyklusorientiertes Arbeiten: Warum die Menstruation im Job kein Tabu bleiben sollte
- Prosfygika: Warum Menschen in Wien für einen Ort in Athen in Hungerstreik gehen
- Auf Spende folgt Strafe: Wenn die Hilfe von Mitmenschen bestraft wird
- Die Erbschaftssteuer und Omas Haus: Unser Rechner zeigt, wer wirklich betroffen wäre
- Sexualisierte Gewalt: Wie die Polizei Anzeigen aufnimmt und was sich dabei ändern sollte