Meine Quarantäne zeigt mir, wie sehr sich mein Leben verändert hat
Seit zehn Tagen ist Daniela Brodesser nur in Quarantäne. Das ist nicht sonderlich angenehm. Trotzdem ist sie dankbar. Sie weiß nämlich, wie schlimm eine Quarantäne noch vor drei Jahren ausgesehen hätte.
Es klingt vielleicht komisch, aber ich fühle mich gerade in dieser Situation sehr privilegiert. Wir leben knapp an der Schwelle zur Armutsgefährdung. Es darf nicht unvorhergesehenes passieren. Aber: Ich kann von zu Hause aus arbeiten, bin in Kontakt mit den KollegInnen. Vom Esstisch aus habe ich an einer Veranstaltung zu Kinderarmut teilgenommen, die wegen der Pandemie online stattfand. Eintritt, teure Zugkarten, all das ist entfallen.
Ein kleiner, großer Schritt und alles ist anders
Natürlich gibt es auch heute viele Dinge, die ich mir nicht leisten kann. Essen bestellen, zum Beispiel. Wenn die ganze Familie in Quarantäne wäre, könnten wir nicht bei einem Supermarkt bestellen, die Lieferung ist zu teuer. Das Haus würde uns kleiner vorkommen, wenn wir alle den ganzen Tag aufeinander hocken.
Vor drei Jahren hätte meine Quarantäne noch ganz anders ausgesehen. Damals waren wir so vereinsamt, ich hatte kaum soziale Kontakte. Ich wäre in der Wohnung ohne Heizung gesessen, hätte auf die Dachschrägen gestarrt und mir verzweifelt eine Ablenkung gesucht, um die Tage zu überstehen.
Daran merke ich: Der gleichzeitig kleine und riesige Schritt aus der Armut zur Armutsgefährdung hat mein Leben völlig verändert. Und dafür bin ich dankbar, gerade jetzt.
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