Schmerzen beim Einsetzen der Spirale: Was hilft wirklich, und warum nutzen wir es nicht?
„Die schlimmsten Schmerzen meines Lebens, eine Tortur“. „Entsetzlich, absolut entsetzlich.“ „Eines der traumatischsten körperlichen Erlebnisse, die ich je hatte.“ „Wirklich Horror, noch viel schlimmer als gedacht „Grell, elektrisch, als würde mein Körper nur noch aus Nervenendungen bestehen.“ „Ich habe mich übergeben vor Schmerz.“
Solche Erfahrungsberichte von Menschen, die sich eine Spirale einsetzen haben lassen, sind seit einigen Jahren überall zu finden. Ungefähr jede sechste Frau in Österreich verhütet mit Spirale – aber das Einsetzen ist für viele mit extremen Schmerzen verbunden.
In einer schwedischen Studie unter 224 Frauen, die noch kein Kind geboren hatten, gaben 9 Prozent an, das Einsetzen sei schmerzlos gewesen, 72 Prozent empfanden es als mittelmäßig schmerzhaft, und 17 Prozent nannten es „sehr“ schmerzhaft. In einer britischen Studie mit 117 Teilnehmerinnen ohne Kinder stuften 38 Prozent ihre Schmerzen auf einer Skala von 0 bis 10 mindestens bei 7 ein.
Geht das nicht anders?
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Ibuprofen und Misoprostol: Die üblichen Mittel helfen kaum
Längst Standard ist, einen Termin während der Menstruation für das Einsetzen der Spirale zu wählen, weil dann der Gebärmutterhals leicht geöffnet und weicher ist. Viele Gynäkolog:innen empfehlen außerdem, vor dem Eingriff eine Schmerztablette zu nehmen. Und/oder sie verschreiben Misoprostol, ein Medikament, das den Gebärmutterhals weicher und die Prozedur dadurch weniger schmerzhaft machen soll.
Adelheid Scholz ist Gynäkologin im Krankenhaus Floridsdorf und setzt in ihrer Praxis und in den Ambulanzen der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung (ÖGF) regelmäßig Spiralen ein. Sie schwört auf eine Kombi-Tablette, die Misoprostol und das Schmerzmittel Diclofenac enthält. Ihrer Erfahrung nach funktioniere das sehr gut.
Allerdings berichten auch Frauen, die Schmerzmittel und Misoprostol bekommen haben, oft noch von starken Schmerzen. Und die Studienlage zu beidem ist alles andere als überzeugend.
Es gibt zwei systematische Übersichtsarbeiten, die den Stand der Wissenschaft zu dem Thema nach hohen Qualitätsstandards zusammenfassen. Ihnen zufolge können die Schmerzmittel Tramadol und Naproxen dabei helfen, die Schmerzen beim Einsetzen der Spirale zu verringern, Ibuprofen hingegen hat keinen nennenswerten Einfluss. Misoprostol hilft ebenfalls kaum bis gar nicht, sondern löst sogar eher selbst Schmerzen oder Krämpfe aus.
Saugen statt zwicken? Wo Carevix helfen könnte – und wo nicht
Für Aufregung - insbesondere auf Social Media - sorgt immer wieder das Tenaculum, auch Kugelzange genannt. Das ist eine Zange mit spitzen Enden, mit der Ärzt:innen den Gebärmutterhals (Cervix) festhalten, um die Spirale durch ihn hindurch in die Gebärmutter zu schieben. Dass das schmerzt, wundert niemanden, der das Gerät einmal gesehen hat.
Abhilfe dagegen schaffen könnte ein Instrument namens Carevix. Entwickelt von einem Schweizer Unternehmen, fixiert es den Gebärmutterhals durch Ansaugen und soll so die Kugelzange ersetzen. Sie finde den Lösungsansatz grundsätzlich nachvollziehbar, sagt die Gynäkologin Mandy Mangler, Chefärztin zweier Berliner Kliniken, Podcasterin und Vorsitzende der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtsmedizin Berlin. Allerdings sei der Vorteil eines alternativen Instruments aus ihrer Sicht zu klein im Vergleich zu den Kosten, die die Patientin wohl selbst tragen müsste. Und eine Alternative zur Kugelzange könne auch nur einen Teil des Problems lösen.
Denn das Tenaculum mit den spitzen Enden ist nicht das Einzige, was beim Einsetzen der Spirale wehtun kann. Manche Gynäkolog:innen verwenden es auch gar nicht oder nicht bei allen Patient:innen. Und laut Mandy Mangler ist es nicht der hauptsächliche Grund für die Schmerzen.
Woher die Schmerzen beim Einsetzen der Spirale kommen
Der zweite und laut Mangler wichtigere Grund für die Schmerzen ist das Aufdehnen des Gebärmutterhalses und das Durchschieben der Spirale. Das kann außerdem auch eine sogenannte vasovagale Reaktion auslösen, erklärt Mirijam Hall, Gynäkologin an der Klinik Ottakring und Präsidentin der ÖGF (und politisch aktiv als SPÖ-Bezirksrätin): einen Nervenreflex, der zu einem Abfall des Blutdrucks führt. Den Betroffenen wird schwindlig oder übel, sie bekommen Schweißausbrüche, manche werden ohnmächtig. In der schwedischen Studie hatten sechs der 224 Befragten eine solche vasovagale Reaktion, zwei wurden ohnmächtig.
„Ich wünsche mir eine Lösung für das gesamte Problem, nicht nur für Teile davon“, sagt Mandy Mangler.
Spirale setzen unter örtlicher Betäubung
Mangler geht daher einen anderen Weg: Sie nutzt oft eine lokale Betäubung und findet, das sollte eigentlich Standard sein. „Auch eine Magenspiegelung kann man ohne Betäubung machen, aber das tut weh. Also gibt man standardmäßig eine Betäubung, außer die Person will es nicht.“ Sie verstehe gar nicht, „warum die Hersteller Spiralen ohne die dazugehörige Betäubung verkaufen“, sagt Mangler. „Bei näherem Nachdenken ist das total frauenfeindlich. So etwas sollte standardmäßig im Set mit dabei sein.“
Auch Mirijam Hall findet, eine örtliche Betäubung sollte standardmäßig zumindest angeboten werden. „Nicht alle Menschen haben beim Einsetzen der Spirale Schmerzen, und manche kommen mit dem Schmerz gut zurecht“, sagt sie. „Ich finde trotzdem, man muss die Patient:innen über die Möglichkeiten und Risiken aufklären und sie eine informierte Entscheidung treffen lassen.“ Wichtig sei dabei auch, dass die Entscheidung für eine Betäubung nicht als Schwäche dargestellt werde.
Sprays, Gels, Spritzen: Möglichkeiten der lokalen Betäubung
Für die örtliche Betäubung gibt es mehrere Möglichkeiten, erklärt Hall.
Die einfachste Variante seien betäubende Sprays, Gels und Cremes, die man auf den Gebärmutterhals aufbringen kann. In den Studien schneiden sie recht gut ab, solange sie nicht zu schwach dosiert sind. „Sie betäuben aber nur oberflächlich und helfen daher nur gegen den Schmerz durch die Kugelzange, nicht gegen den Aufdehnschmerz“, sagt Hall. Der Spray könne außerdem stark brennen, gibt ihre Kollegin Adelheid Scholz zu bedenken.
Die Gels kann man auch direkt in die Gebärmutter spritzen. Dafür, erklärt Hall, muss man aber wiederum mit einer Plastikkanüle durch den Gebärmutterhals durch. „Gerade bei den Frauen, wo man es am Dringendsten bräuchte, tut auch das Durchschieben der Plastikkanüle weh.”
Eine andere Variante ist der sogenannte Cervixblock, eine örtliche Betäubung, die direkt in den Gebärmutterhals gespritzt wird. Der Vorteil: „Der Gebärmutterhals ist dann komplett betäubt, man spürt das Aufdehnen und das Hineinschieben der Spirale nicht.“ Der Nachteil: Der Stich mit der Spritze in das sensible Gewebe des Gebärmutterhalses ist ebenfalls schmerzhaft. Wie sehr, darin sind sich die Expertinnen uneinig.
Grundsätzlich ist es auch möglich, in zwei Schritten vorzugehen – zuerst eine oberflächliche Betäubung, dann ein Cervixblock. Das hieße aber, dass man gleich zwei Mal auf die Wirkung der Betäubung warten müsste. „Ich kenne ehrlich gesagt niemanden, der das für eine Spirale macht“, sagt Mirijam Hall.
Perfekt ist also keine dieser Optionen. Es brauche bessere Möglichkeiten als die bisher verfügbaren, heißt es auch in einer der großen wissenschaftlichen Überblicksarbeiten.
Lachgas oder Dämmerschlaf
Eine Art der Betäubung, die in den Überblicksarbeiten nicht untersucht wurde, ist Lachgas. Das lasse sich besonders gut individuell dosieren, erzählt Mirijam Hall. Lachgas ist allerdings extrem klimaschädlich.
Hat eine Person besonders große Angst vor dem Eingriff oder hat sie schon einmal schlechte Erfahrungen damit gemacht, kann sie sich die Spirale auch im sogenannten Dämmerschlaf einsetzen lassen. Dafür muss allerdings ein:e Anästhesist:in anwesend sein. Diese Variante ist daher aufwändiger und teurer, und sie ist nicht in jeder Arztpraxis möglich.
Auch wenn jede davon Nachteile hat: Es gibt Möglichkeiten zur Betäubung. Warum werden sie dann in der Praxis so selten angewendet? Und warum erfahren viele Frauen gar nichts von dieser Option?
Mandy Mangler und Mirijam Hall sehen dafür im Wesentlichen drei Gründe.
In der gynäkologischen Ausbildung kommen Spiralen nicht vor
Erstens: Die Ausbildung. „In der gynäkologischen Ausbildung kommt das Einsetzen von Spiralen nicht vor“, sagt Mirijam Hall. Denn Spiralen werden vor allem in Ordinationen niedergelassener Ärzt:innen eingesetzt, die Facharzt-Ausbildung aber findet in den Spitälern statt.
Gynäkolog:innen müssen sich das Einsetzen von Spiralen also in Eigeninitiative selbst beibringen: „Es gibt Kurse, die man buchen kann, oder man setzt sich bei einer befreundeten Ärztin in die Praxis, schaut zu und lernt es von ihr“, erklärt Hall.
Heißt das, ein Gynäkologe oder eine Gynäkologin mit abgeschlossener Facharzt-Ausbildung könnte einer Patientin eine Spirale einsetzen, ohne je auch nur jemandem dabei zugeschaut zu haben, wie das geht? „Er ist dann ein fester Trottel“, sagt Hall, „aber ja, theoretisch ist das möglich.“
Der Faktor Zeit
Ein zweiter wichtiger Grund sei der zusätzliche Zeitaufwand, bis die Betäubung wirkt, vermutet Mandy Mangler. Besonders groß ist der zwar nicht, Mirijam Hall zufolge liegt er bei den meisten Methoden bei fünf bis zehn Minuten. Aber in überlasteten und überlaufenen Kassenordinationen kann das schon ein relevanter Faktor sein.
Das könnte auch zumindest teilweise erklären, warum Adelheid Scholz bei ihren Patient:innen so wenige Schmerzen wahrnimmt: Sie hat keinen Kassenvertrag. Als Wahlärztin kann sie sich mehr Zeit für ihre Patientinnen nehmen.
Es ist schwierig, sich selbst einzugestehen, dass man jahrelang etwas gemacht hat, was für die Patient:innen nicht so einfach war, wie man dachte.
„Wir geben der Patientin das Medikament, warten eine halbe Stunde, schauen, ob wir in den Muttermund reinkommen“, sagt sie. „Wenn das wehtut, wirkt das Medikament noch nicht ausreichend. Dann zieht sich die Patientin wieder an und setzt sich nochmal für eine halbe Stunde ins Wartezimmer. Danach ist der Muttermund fast immer offen, dann kommt man gut rein mit der Spirale und es klappt fast ohne Schmerzen.“
Habe die betroffene Person auch beim zweiten Versuch Schmerzen, verwende sie eine örtliche Betäubung, sagt Scholz. Aber das sei selten nötig. „Sich Zeit lassen und sofort aufhören, wenn jemand sagt, stopp, es tut weh“, das sei für sie „das Um und Auf“, sagt Scholz.
Der Gender Pain Gap: „Frauen und Schmerz, das gehört irgendwie zusammen“
„Die richtige Aufklärung, das richtige Setting, nicht Hudeln, die Patientin ernst nehmen“, das sind auch für Mirijam Hall wichtige Punkte. Gerade Letzteres passiere oft aber nicht, viele Kolleg:innen würden die Schmerzen der Betroffenen kleinreden.
„Das Problem wurde lange gar nicht diskutiert“, sagt Hall. „Und würden Sie einen Rundruf unter allen niedergelassenen Gynäkolog:innen Österreichs machen, würden sicher viele sagen, eine Betäubung ist nicht notwendig. Weil es schwierig ist, sich selbst einzugestehen, dass man jahrelang etwas gemacht hat, was für die Patient:innen nicht so einfach war, wie man dachte.“
Das ist der dritte Grund: Der Schmerz beim Einsetzen der Spirale „wird nicht als das grundlegende, krasse Problem gesehen, das es ist“, sagt auch Mandy Mangler. „Darin spiegelt sich der klassische Gender Pain Gap wider: Frauen bekommen weniger Schmerzmittel und warten länger in der Notaufnahme. Wir nehmen den Schmerz von Frauen nicht richtig ernst. Wir denken, Frauen und Schmerz, das gehört irgendwie zusammen, und die Frauen sollen das aushalten.“
„Nur sehr geringe Schmerzen“: Die Fachgesellschaften sehen kein Problem
Die Gynäkologie sei außerdem kein frauenfreundliches Fach, sagt Mangler. „80 Prozent der Gynäkolog:innen sind Frauen, aber der deutsche Berufsverband hatte noch nie eine Frau an der Spitze. Die Männer bleiben an der Macht, und die haben kein Verständnis für so etwas.“
Es gibt ein Dokument, das Ärzt:innen zu Rate ziehen können, wenn sie sich unsicher sind, wie sie beim Einsetzen einer Spirale vorgehen sollen: Die Leitlinie „Nicht-hormonelle Empfängnisverhütung“, gemeinsam herausgegeben von der Deutschen, der Österreichischen und der Schweizer Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe.
In der Patient:innenversion dieser Leitlinie, veröffentlicht 2025, heißt es zum Einsetzen der Spirale unter anderem: „Die meisten Frauen haben nur sehr geringe Schmerzen.“ Unter dem Punkt „Die Nachteile der Spirale“ tauchen Schmerzen beim Einsetzen gar nicht erst auf. Und in der an Fachpersonal gerichteten Langversion von 2024 werden im Kapitel „Aufklärung und Einwilligung“ Schmerzen ebenfalls nicht genannt.
MOMENT.at hat die Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (ÖGGG) Mitte Juli um ein Gespräch zu dem Thema angefragt. Erst auf den vierten Kontaktversuch zwei Wochen später mit konkreten Fragen und einer Frist meldete sich der Sprecher zurück – er verwies auf die Urlaubszeit und erklärte, er habe die Anfrage nun an das Präsidium weitergeleitet. Einen Terminvorschlag für ein Gespräch oder eine inhaltliche Rückmeldung gab es bis Redaktionsschluss dieses Textes einen Monat nach der ersten Anfrage nicht. Ob die zuständige österreichische Fachgesellschaft Schmerzen beim Einsetzen der Spirale als ein Problem ansieht, welche Lösungsansätze sie für am sinnvollsten hält und ob eine Änderung der Leitlinie geplant ist: Diese Fragen blieben daher unbeantwortet.
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