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Demokratie
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Ungleichheit

Warum wir so wenig über große Vermögen in Österreich wissen

Warum wir so wenig über große Vermögen in Österreich wissen
Österreich weiß wenig über die wirklich großen Vermögen im Land. Das ist kein Zufall. Und es hilft den Überreichen dabei, keinen gerechten Beitrag leisten zu müssen.

Beschäftigte sind in Österreich für den Staat weitgehend gläserne Personen. Die Sozialversicherung kennt Bruttolöhne und das Finanzamt weiß, wer viel Pendlerpauschale erhält. Wer einmal Sozialhilfe braucht, muss sein Vermögen offenlegen. Doch sobald es um größere Vermögen geht, schließen die Institutionen ihre Augen. Wir wissen nur wenig über die Villen, Luxusgüter und Aktienpakete der reichsten Familien des Landes.

Das ist kein technisches Versehen. Österreich leidet da an einer politisch gewollten Unwissenheit. So lassen sich Veränderungen zur Verteilungsgerechtigkeit im Keim ersticken.

Der Mythos der Einkommenstransparenz

Je mehr Geld jemand hat, desto weniger scheinen wir zu wissen. Das stimmt sogar schon bei den Einkommen der Beschäftigten. Die gut zuordenbaren Sozialversicherungsdaten bilden Einkommen nämlich nur bis zu einem gewissen Punkt ab (Höchstbeitragsgrundlage). Die höheren Einkommen wären zwar in der Lohnsteuerstatistik erfasst, aber von dort sind sie oft nicht verknüpfbar oder nur eingeschränkt zugänglich. 

Die Folge:

"Wir kennen die Einkommensverteilung in Österreich deutlich weniger genau, als es der öffentliche Diskurs oft nahelegt"

Pirmin Fessler, Verteilungsforscher der Oesterreichischen Nationalbank (ÖNB)

Noch nebliger wird es bei den Einkommen der extrem Vermögenden, erklärt Pirmin Fessler.

Für sie sind etwa Einkommen aus Selbstständigkeit wichtiger. Die haben aber Spielräume bei der Gewinnermittlung und sind dadurch schwer zu erfassen.

Kapitaleinkommen könne man wiederum unmöglich einer Person oder Haushalten zuordnen. Das liegt daran, dass sie an der Quelle besteuert werden - nicht beim Empfänger.

Eine echte Verteilungsanalyse sei so unmöglich. Deshalb sieht die Ungleichheit zwischen den Reichen und allen anderen in unseren Statistiken kleiner aus, als sie wirklich ist. 

Die Schwäche der Freiwilligkeit

Die Vermögen liegen dann fast komplett im Dunkeln. Um überhaupt eine Vorstellung vom Reichtum im Land zu bekommen, macht die Nationalbank das "Household Finance and Consumption Survey" (HFCS). Das ist eine groß angelegte Umfrage, wie sie im Euro-Raum überall gemacht wird. In Österreich ist es laut ÖNB "die erste Erhebung, die eine umfassende wissenschaftliche Analyse der finanziellen Situation privater Haushalte gemäß internationalen Standards ermöglicht".

Das sei ein wichtiges Service, sagt Jakob Kapeller. Er ist selbst Ökonom auf diesem Gebiet an der Johannes Keppler Universität Linz (JKU). Wir würden in der Öffentlichkeit viel weniger darüber reden, wie konzentriert die Vermögen sind, als über die Einkommensverteilung. Das HFCS sei ein wichtiger Beitrag, um etwas dagegen zu tun. 

Doch am HFCS nehmen Menschen freiwillig teil. Da es vergleichsweise wenig sehr reiche Haushalte gibt, kommen sie schon grundsätzlich selten bei solchen Umfragen vor. Wer wirklich reich ist, hebt dann auch noch weniger ab, wenn die Forscher:innen der Nationalbank anrufen. Kapeller sagt: Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand teilnimmt, sinkt rapide, je höher das Vermögen ist. Dazu kommt: Ein normaler Mensch kennt ungefähr seinen Kontostand. Wer viel hat, unterschätzt seinen Besitz im Interview oft - oder verschweigt Teile davon. 

"Die Vermögenskonzentration entzieht sich auch den generellen Dimensionen herkömmlicher Maße", erklärt Kapeller. Was er meint: Der mittlere österreichische Haushalt hat ungefähr 100.000 Euro an Vermögen - die Hälfte der Haushalte im Land hat weniger. Schon ein Haushalt mit 1,2 Millionen Euro Nettovermögen gehört zu den reichsten 5 Prozent der Bevölkerung. Ein Vermögen von 10 Millionen Euro ist im Vergleich dazu sehr viel. Aber im Vergleich zu den obersten Werten der Verteilung ist es praktisch nichts. Das Vermögen des reichsten Österreichers, dem Red Bull-Erben Mark Mateschitz, wird auf rund 37 Milliarden Euro geschätzt.

So sieht das aus, wenn man versucht, das in derselben Grafik darzustellen (nein, das ist kein Fehler):

ÖNB-Forscher Fessler ergänzt, dass man im HFCS den obersten Rand der Vermögensverteilung gar nicht direkt beobachten könne. Der muss geschätzt werden. Unser Wissen über Superreiche ist demnach sehr unsicher.

Welches Vermögen die oberen ein Prozent wirklich besitzen

Interessant ist für Fessler dabei aber weniger, ob das oberste Prozent nun 30 % oder 40 % des Nettovermögens hält. Es ist auch eine andere Art von Vermögen. “Für wesentlicher halte ich, dass es sich an der Spitze überwiegend um unternehmerisches Vermögen handelt”, sagt er. Damit verbunden ist, dass wichtige Unternehmen sehr stark im Eigentum weniger Menschen liegen. Für Fessler ein Hinweis, dass in vielen Bereichen der Wirtschaft "oligopolistische Strukturen" vorherrschen. 

Das bedeutet: Wenn sich wertvolle Unternehmen in den Händen sehr weniger Menschen befinden, kann das schwerwiegende Auswirkungen haben. Dann kann zum Beispiel ein Wettbewerb um die besten Preise ausbleiben. Die Produkte werden teurer. Die großen Vermögen der wenigen Überreichen würden damit das Leben aller Menschen teurer machen.

Das „Sparbuch der Oma“ als politisches Narrativ

Wenn man Vermögen in Österreich besser erfassen will, um etwas gegen diese Probleme zu tun, wird das aber oft als Tabubruch empfunden. Warum? Fessler sieht die Ursachen in der historischen Entwicklung. Während Einkommen von den Behörden seit langem erhoben werden und das gesellschaftlich akzeptiert sei, werden Vermögen sehr stark als etwas Privates empfunden.

Dieser Widerstand werde etwa durch Lobbyorganisationen mit gezielten Erzählungen verstärkt. Zum Beispiel, wenn sie Vermögen mit dem typischen "Sparbuch der Oma" verbinden, statt den Milliardenvermögen einiger weniger. Das behindere eine Wirtschaftspolitik auf Basis von erwiesenen Fakten. Es gebe aber einen Konsens innerhalb der volkswirtschaftlichen Forschung, dass Einkommen und Vermögen stets gemeinsam betrachtet werden müsse, gibt Fessler zu bedenken.

Fehlende soziale Treffsicherheit

Die österreichische Unwissenheit über Vermögensdaten ist kein akademisches Spielchen. "Vermögen wachsen schneller als die Wirtschaft an sich. Daher wäre eine Besteuerung sinnvoll, um soziale Ungleichheit zu bekämpfen", sagt Kapeller. Ohne Daten ist das schwer möglich.

Die Unwissenheit hat auch konkrete Folgen für die soziale Gerechtigkeit vieler staatlicher Leistungen. In Österreich entscheiden zum Beispiel vor allem Einkommensdaten über den Zugang zu Sozialleistungen. Wer in einer abbezahlten Villa wohnt, aber gerade ein geringes Einkommen hat, kann quasi als bedürftig durchgehen. Das geht auch anders. Das zeigt etwa ein Blick nach Italien: Dort nutzt man einen Indikator aus Einkommen und gewichtetem Vermögen.

Das österreichische Steuer- und Transfersystem ist hingegen sowohl beim Bezug als auch bei den Beiträgen sehr einseitig auf Einkommen und Konsum fokussiert. Bei allem immer Vermögen und Einkommen zusammenzuführen, ist wiederum nicht auch nicht nötig. JKU-Forscher Kapeller meint, das könnte sonst durchaus eine nicht zu unterschätzende “Bürokratiewulst” erzeugen.

Man sollte es auch von der Leistung abhängig machen. Wenn etwa Vermögenswerte gefördert werden, ist es widersinnig, nicht auf das bestehende Vermögen zu blicken. Plakativ gesagt: Eine durchschnittliche Arbeiterin zu besteuern, um einem Multimillionär die Wärmepumpe für das Wochenendhaus zu fördern, kann den Sinn verfehlen und ist jedenfalls nicht gerecht.

Vermögen: Transparenz gegen Steuerflucht

Ein Ausweg gegen die in Österreich selbstverschuldete Unwissenheit könnte auf europäischer Ebene liegen. Ein EU-weites Vermögensregister könnte laut Fessler die Intransparenz bei grenzüberschreitendem Vermögen verringern. Dann ließen sich auch bestehende Regeln besser durchsetzen - egal ob es um Geldwäsche, Steuerhinterziehung oder Terrorismus-Finanzierung geht.

Über so ein Register wird seit Jahren diskutiert. Absehbar ist es angesichts der Mehrheiten aus konservativen, rechten und liberalen Parteien in Europa derzeit nicht. Die Lobbyist:innen der Reichen machen zudem erfolgreich dagegen Stimmung. Wenn es um große Vermögen geht, geht plötzlich das Gespenst des "gläsernen Bürgers" um.

Datenschutzbedenken sind natürlich grundsätzlich ernst zu nehmen. Es brauche klare Regeln dafür, wer wann auf welche Daten zugreifen darf. Es komme auf die Gestaltung an. Den "gläsernen Bürger" zu schaffen sei ökonomisch nicht notwendig, sagt Fessler. Der Informationsgewinn überwiege gegenüber den Risiken deutlich. 

Die Rhetorik der Unsicherheit

Warum ändert sich in Österreich trotzdem nichts an dem großen Unwissen über die Schieflage in der Vermögensungleichheit? Weil das Unwissen für manche auch nützlich ist. Jakob Kapeller sieht die fehlende Datenlage als Mittel zum Zweck: “Gegner von Vermögenssteuern argumentieren selten mit der schlechten Datentransparenz – sie nutzen sie vielmehr aus, um Unsicherheit zu schüren.” Es werde behauptet, Investitionen würden unattraktiv oder Kapital würde ins Ausland flüchten.

Fessler sieht das Problem noch tiefer verwurzelt: Es sei nicht die fehlende Datenlage allein, die Reformen verhindere. Im wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream sei seit langem unbestritten, dass Steuern auf unbewegliche Faktoren, wie Grund und Boden, effizienter seien als Steuern auf Arbeit oder Konsum.

“Vor diesem Hintergrund ist die starke Fokussierung des österreichischen Steuersystems auf Einkommen und Konsum weniger als Resultat ökonomischer Rationalität, sondern vielmehr als Folge historisch gewachsener institutioneller und politischer Pfadabhängigkeiten zu interpretieren”, sagt Fessler und gibt zu bedenken:

“Der öffentliche Diskurs zu diesen Fragen wirkt vor diesem Hintergrund mitunter erstaunlich unreflektiert.”

Pirmin Fessler

Wer Wissen verhindert, verhindert Gerechtigkeit

Die aktuelle Situation in Österreich ist eine bewusste Entscheidung für die Unwissenheit. Solange der Staat den Reichtum nicht sieht, kann er ihn auch nicht gerecht besteuern. Die Folge ist eine fatale Schieflage: Die Steuerlast bleibt an jenen hängen, die für ihr Geld regulär arbeiten müssen – deren Daten sind ja vorhanden.

Für wirksame Politik wäre ein präzises Verständnis der Verteilung von Einkommen und Vermögen wichtig. 

“Wenn wir die anstehende sozial-ökologische Transformation – vom Heizungstausch bis zu Gebäudesanierungen – fair finanzieren wollen, müssen wir wissen, wer diese Lasten tragen kann und sollte.”

Jakob Kapeller, Sozioökonom der JKU Linz

Es ist Zeit, dass die Politik die Taschenlampe herausholt und mehr Licht in die dunkle und unbekannte Welt der Vermögen bringt. Denn nur wer die Fakten kennt, kann eine ehrliche Debatte über Verteilungsgerechtigkeit führen.

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