Frau sieht auf die Seite

Die SVA will ein gesundes Leben belohnen und verwendet dafür eine veraltete Messmethode: den BMI. Foto: Annie Spratt für Unsplash

/ Lisa Wölfl
/ 12. Dezember

Ein System, in dem die Kranken, die Ungesunden mehr zahlen und die absolut Fitten weniger - das ist für viele eine Schreckensvorstellung. Denn in Österreich gilt das Solidaritätsprinzip, das heißt: Wir alle zahlen unseren Teil, damit alle Menschen aufgefangen werden und niemand hunderte Euro fürs Krebsmedikament bezahlen muss. Ob Raucherin oder Spitzensportler - wir alle leisten unseren Teil.

Für Selbstständige gibt es allerdings ein Programm mit dem Namen “Selbstständig Gesund”, das zwar die Kranken nicht bestraft, die Gesunden allerdings begünstigt. So soll es zumindest gesehen werden. Wer fünf vordefinierte Gesundheitsziele erfüllt, zahlt beim Arztbesuch nur 10 statt 20 Prozent Selbstbehalt. Die Kategorien sind: Alkoholkonsum, Rauchen, Bewegung, Blutdruck und der Body-Mass-Index (BMI). Ausgesucht wurden sie, weil das jene Bereiche sind, wo alle selbst etwas für ihre Gesundheit tun können, sagt ein Pressesprecher der SVA.

Wenig Zusammenhang mit Lebenserwartung

Doch nicht nur das Bonussystem an sich, sondern auch zumindest die Aussagekraft des BMIs ist unter ExpertInnen umstritten. Der BMI ist ein vergleichsweise schlechter Parameter um den Gesundheitszustand eines Menschen zu beschreiben. Über einen weiten Bereich zwischen Untergewicht und Fettsucht sagt der BMI wenig über die Lebenserwartung eines einzelnen Menschen”, sagt Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser, die ausführlich zum Thema geforscht hat. “Der BMI mit der höchsten Lebenserwartung liegt bei Erwachsenen bei etwa 27, also im Bereich des Übergewichts.”

TeilnehmerInnen, die über dem Normalbereich liegen, werden dazu angehalten, abzunehmen. In einem Zeitraum von einem halben Jahr sollen sie ihr Gewicht um 5 Prozent reduzieren. “Es ist nicht schwierig, bei tatsächlichem Übergewicht sein Gewichtsziel auf normalem Weg zu erreichen”, heißt es von der SVA.

Chronisch krank und “prä-adipös”

Doch es gibt einige Menschen, die dem widersprechen. Eine davon ist Christina, die eigentlich anders heißt. Im Januar 2017 wurde ihr die Schilddrüse entfernt, darauf folgten Bestrahlungen. “In der Zeit habe ich 20 Kilo zugenommen”, sagt sie, “Kraft für Sport und Ernährung habe ich erst wieder seit diesem Jahr.”

Nach der Genesung machte Christina sich selbstständig. Im Mai 2019 meldete sie sich für das SVA-Programm “Selbstständig Gesund”, um ihren Selbstbehalt zu reduzieren. Im Gesundheitszentrum wurde Christina untersucht, sie erzählte ihre Krankengeschichte und am Ende setzte ein Arzt die Gesundheitsziele fest.

Christina sei “prä-adipös” und sollte bis zum nächsten Mal abnehmen. Sie schrieb sich in einem Fitnessclub ein, trainierte drei Mal die Woche und stellte ihre Ernährung um. “Ich wiege mich seit einem Jahr nicht mehr, weil ich weiß, dass mir das nicht gut tut. Weil ich viel für meine Gesundheit gemacht habe, bin ich davon ausgegangen, dass ich mein Gesundheitsziel erreichen werde.” Ihre Trainerin bescheinigte ihr Fortschritte, sie verlor Fett und gewann Muskeln.

Schlechtes Gewissen beim Essen

Ein halbes Jahr später war Christina zurück im Gesundheitszentrum. Dort kam die Überraschung: Sie hatte sogar leicht zugenommen. Christina erklärte, dass sie regelmäßig Sport mache und berichtete wieder von ihrer Schilddrüsen-Operation und der jahrelangen Unterfunktion. Sie dachte, die ÄrztInnen würden das berücksichtigen. Doch kurze Zeit später folgte ein Brief der SVA. “Leider haben Sie das Gesamtziel noch nicht erreicht.”

Nicht nur chronisch kranke Menschen haben Probleme mit dem BMI-Ziel. Marion (Name geändert) erzählt, dass sie sehr zufrieden mit ihrem Gewicht und ihrer Gesundheit war, als sie sich für das Programm meldete und plötzlich abnehmen sollte. “Ich war immer auf der etwas dickeren Seite”, sagt sie, “doch auch in den ‘dünnsten’ Zeiten der letzten fünf Jahre hätte ich mein Gesundheitsziel nicht erreicht.” Sie versuchte dennoch abzunehmen - ohne Erfolg. “Das war ein großer psychischer Stress für mich, weil Turbulenzen im Privatleben und im Beruf zusammenkamen. Ich habe mir bei jeder ungesunden Mahlzeit Stress gemacht, wodurch ich mehr gegessen habe. Im Endeffekt habe ich in der vorgeschriebenen Zeit das an Gewicht zugenommen, das ich hätte abnehmen sollen und habe mich täglich innerlich dafür geprügelt. Bis ich einen Schlussstrich gezogen und beschlossen habe, dass ich lieber den vollen Selbstbehalt weiter bezahle.”

“Es trifft die Falschen”

Laut SVA solle das Programm möglichst allen Versicherten “zu einem gesünderen Lebensstil verhelfen.” Ob eine Gewichtsabnahme der richtige Weg dafür ist? “Bisher gibt es keine aussagekräftigen Studien, die gezeigt hätten, dass eine Gewichtsabnahme bei gesunden Menschen im Bereich eines BMI zwischen 18,5 und 35 die Lebenserwartung verbessern könnte”, sagt Gesundheitswissenschaftlerin Mühlhauser.

Die Absicht der SVA, ihren Versicherten einen Anreiz für ein gesundes Leben zu geben, ist wohl gut gemeint. Doch zumindest mit dem BMI-Ziel tun sie vielen TeilnehmerInnen nichts Gutes. Dabei geht es nicht nur um die fragwürdige wissenschaftliche Grundlage des Gewichtsziels. Es geht auch darum, Gesundheitsthemen als rein individuelles statt gesellschaftliches Problem zu behandeln. Denn die Lebenserwartung hängt stark von unserem Einkommen und der sozialen “Schicht” ab. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass es Zeit und sowohl körperliche als auch psychische Ressourcen braucht, um sich mit der eigenen Gesundheit auseinanderzusetzen. Oder wie Mühlhauser sagt: “Die Belohnung von Menschen, die schlank sind und eine Bestrafung von Menschen mit Übergewicht lassen sich mit wissenschaftlichen Fakten nicht begründen. Es trifft die Falschen. Der soziale Graben in unserer Gesellschaft wird dadurch weiter verschärft.”

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