Antje Schrupp sieht in die Kamera und lächelt
Antje Schrupp hat die Fähigkeit schwanger werden zu können in einem philosophischen und sehr politischen Buch beleuchtet. Foto: privat
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/ 18. November

Wer schwanger werden kann, ist eine biologische Frage. Wie wir in der Gesellschaft damit umgehen, eine soziale und kulturelle. Über die politische Dimension von Schwangerschaften, Abtreibung und Elternschaft hat Antje Schrupp ihr Buch "Schwangerwerdenkönnen" geschrieben. Im Interview erklärt sie, warum Elternschaft nichts mit den Genen zu tun hat und wieso aus einem One-Night-Stand nicht zwangsläufig eine lebenslange Bindung werden sollte - auch wenn daraus ein Kind entsteht.

 

Hier findest du die 5 wichtigsten Argumente von Antje Schrupps Schwangerwerdenkönnen.

 

MOMENT: Nicht alle Menschen können schwanger werden. Gibt es trotzdem ein Recht darauf, die eigenen Gene weiterzugeben?

Antje Schrupp: Natürlich nicht. Wir haben das Recht, über unserem Körper selbst zu bestimmen. Wenn ich nicht schwanger werden kann, bleibt mir nur übrig, eine Person zu finden, die mit mir ein Kind zeugen will. Wenn ich dagegen schwanger werden kann, bin ich der Meinung, dass es keine Gesetze geben darf, die mich dabei behindern.

 

Das sind die zwei Aspekte des Schwangerwerdenkönnens, die Sie in ihrem Buch beschreiben. Einerseits das Recht darauf, nicht mehr schwanger sein zu müssen und das Recht darauf, ohne Einschränkung schwanger sein zu dürfen. Beides war und ist nicht selbstverständlich gegeben.

Das bekannteste Beispiel ist China mit der Ein-Kind-Politik. Dort war es bis 2015 verboten, mehr als ein Kind zu gebären. Es gab auch Zwangssterilisationen an der Schwarzen Bevölkerungen in den USA, es gab die Rassenpolitik der Nazis. Bis 2011 mussten trans Menschen, die ihren Personenstand ändern wollten, eine geschlechtsangleichende Operation machen, wodurch ihre reproduktiven Fähigkeiten zerstört wurden. Die Gesellschaft hat eben ein Interesse daran, Bevölkerungsgruppen zu kontrollieren. Da ist die Versuchung groß, das über die Körper von Menschen zu machen, die schwanger werden können.

 

Umgekehrt sind Schwangerschaftsabbrüche auch gesetzlich geregelt. Zentral ist dabei die Frage, ab wann der Fötus ein eigenständiger Mensch ist.

Der Fötus ist immer beides. Er ist Teil des Körpers der Schwangeren. Wenn man ihn zu früh rausholt, stirbt er. Trotzdem ist er auf eine Art selbstständig. Der schwangere Körper ist gleichzeitig zwei und eins. Das wurde in unserer philosophischen Tradition bisher nicht durchdacht, die vor allem von Menschen geprägt ist, die nicht schwanger werden können. Die haben das nicht beachtet. Aristoteles haben wir es zu verdanken, dass der schwangere Körper immer noch oft als Gefäß für den Samen eines Mannes gesehen wird. Die Frau ist dann nur die passive Umgebung für etwas, das eigentlich ihm gehört.

 

Sie schreiben in ihrem Buch, dass eigentlich niemand einen Vater braucht. Was meinen Sie damit?

Der Begriff Vater ist ganz eng mit der patriarchalen Herrschaftsordnung verknüpft. Der Vater war historisch gesehen nicht der Mensch, der sich um die Kinder kümmert, sondern der, der über sie und ihre Mutter verfügt. Heute wird Vaterschaft vor allem an die Gene geknüpft und nicht ans Kümmern. Ich finde nicht, dass Kinder so eine Herrscherfigur brauchen, sondern jemanden, der bedingungslos für sie da ist und Verantwortung übernimmt. Ich fände es sinnvoll, das begrifflich zu unterscheiden.

 

Manche verwenden den Begriff “Erzeuger” für ihre Väter, die sich nicht kümmern.

Das ist auch wieder falsch. Korrekt wäre Spermageber. Wenn jemand die “Erzeugerin” ist, dann die Schwangere. Meiner Meinung nach ist es völlig unerheblich, wer mit einer Ejakulation zu einer Schwangerschaft beigetragen hat. Daraus automatisch einen Anspruch abzuleiten, finde ich absurd. Elternteil ist, wer Verantwortung für das Kind übernimmt. Das wird in vielen Fällen zum einen die Person sein, die das Kind geboren hat. Das muss aber nicht sein, wenn sie die soziale Rolle der Mutter nicht annehmen will. Das kann auch ein Mann sein, der sich verpflichtet, sich die nächsten Jahre und Jahrzehnte um das Kind zu kümmern. Jedenfalls sollte das aber niemals ohne das Einverständnis der Mutter passieren.

 

Haben Sie da schon Konflikte mit Väterrechtlern gehabt?

Diese Konflikte habe ich lange gehabt, bevor ich das Buch geschrieben hab. Die haben sehr gute Lobby-Arbeit gemacht in den letzten Jahrzehnten. Die Freiheit, die Frauen kurze Zeit durch die Liberalisierung des Eherechts erreicht haben, ist heute wieder in Gefahr. In Deutschland gibt es mittlerweile prinzipiell das geteilte Sorgerecht, auch bei unverheirateten Paaren. Das bedeutet, wenn ich bei einem One-Night-Stand schwanger werde, muss ich entweder abtreiben oder ich bin 18 Jahre lang an den Spermageber gebunden, auch gegen meinen Willen. Ich finde, das ist eine soziale Katastrophe.

 

Wie soll es denn sonst gehen?

Wir könnten das relativ analog zum Adoptionsrecht machen. In Deutschland läuft das so: Wenn ich schwanger bin, dann kann ich die Adoption schon vorher ausmachen. Ich habe aber acht Wochen lang nach der Geburt Zeit, es mir anders zu überlegen. Ich schlage vor, wir führen acht Wochen nach der Geburt ein Ritual für Co-Elternschaft ein, wo bestimmt wird, wer sich um das Kind kümmert, also Elternteil wird. Das kann die lesbische Freundin der Schwangeren sein, der Mann, der mit der Mutter zusammenlebt, die Person, die das Kind mitgezeugt hat oder überhaupt wer anderer. Nach dem Ritual ist das dann besiegelt. Das kann man sich nicht jedes Jahr neu überlegen. Ein Kind braucht nämlich langfristig stabile Beziehungen. Eine Zuweisung der Vaterschaft darf aber nicht gegen den Willen der Mutter passieren. Das wäre fast so eine Art Zwangsheirat, weil Co-Elternschaft immer eine enge Beziehung ist. Ich verstehe nicht, warum es nicht mehr feministische Proteste dagegen gibt.

 

Es geht sogar in die andere Richtung. Wir arbeiten viel mehr daran, die Männer, die mitgezeugt haben, zu überzeugen, sich um das Kind zu kümmern oder zumindest finanziell beteiligen.

Und deswegen geben wir ihnen alle Rechte, in der Hoffnung, dass sie dann auch Verantwortung übernehmen. Das müsste doch andersrum sein: Männer, die sich um ein Kind kümmern, müssen auch Rechte haben, aber doch nicht Männer, die einmal ejakuliert haben.


Es gibt die Theorie, dass sich Männer eher um Kinder kümmern, wenn sie mithilfe eines DNA-Tests sicher sein können, dass sie genetisch mit ihnen verwandt sind.

Ja und es gibt vorkoloniale Gesellschaften, in denen Frauen Sex mit möglichst vielen verschiedenen Männern haben, damit ja kein eindeutiger, genetischer Vater feststeht. So sollen sich die Männer um alle Kinder kümmern, weil ja jedes ihres sein könnte. Ich finde, wer sich nur um ein Kind kümmert, weil es das genetisch eigene ist, sollte keine Verantwortung für Kinder haben. Man sollte sich um Kinder kümmern, weil man sieht, dass sie versorgt werden müssen und weil man sie liebt.

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