Menschen sitzen in einem Callcenter.

Wie gut haben Österreichs Länder das Contact-Tracing aktuell im Griff und wie sehen die Pläne aus?

Airlington Research/unsplash.com

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/ 4. Dezember 2020


Die österreichische Regierung lockert die Corona-Bestimmungen, gleichzeitig stehen Massentests in den einzelnen Bundesländern bevor. Vor allem durch diese Tests wird die Zahl der erkannten Corona-Fälle in den nächsten Wochen sprunghaft steigen. Aber auch danach wird die Situation durch die weiteren Öffnungsschritte und die Feiertage angespannt bleiben. 

Contact-Tracing - also zu verfolgen, woher die Infektion kam und wer noch angesteckt worden sein könnte - ist ein wichtiges Werkzeug, um dieses Infektionsgeschehen zu kontrollieren. Die Maßnahme ist nötig, um Cluster korrekt zuordnen und abschotten zu können. 

Bereits im Herbst gerieten die Länder dabei an ihre Grenzen: Ab Anfang Oktober sank die Aufklärungsquote, also der Wert der zugeordneten Corona-Fälle, österreichweit von 66 auf knapp unter 20 Prozent, in Oberösterreich lag er sogar zeitweise bei nur neun Prozent

Die Bundesländer waren also, ähnlich wie die Regierung, auf die steigenden Zahlen schlecht vorbereitet. Wir haben nachgefragt, wie gut sie für die kommenden Herausforderungen gerüstet sind:

 

Bei den Zahlen ist vor allem zu beachten, dass nicht alle MitarbeiterInnen in allen Ländern ausschließlich für das Contact-Tracing zuständig sind, sondern auch noch für andere Aufgaben herangezogen werden. Die Anzahl der “Stellen” bezieht sich zudem nicht auf einzelne Personen, sondern Vollzeitäquivalente (VZÄ). Die SoldatInnen des Bundesheers, die zur Unterstützung aktiv sind, sind bei den Zahlen eingerechnet. Diese Werte sind zwar nicht alleine für die Qualität des Tracings entscheidend, liefern aber einen wichtigen Anhaltspunkt.


So sieht die Situation in den einzelnen Bundesländern im Detail aus:

Burgenland


Anzahl Stellen: durchschnittlich etwa 58 auf 100.000 
Termin Massentest: 10.- 15. Dezember
Aktuelle Aufklärungsquote: 24%

Das Burgenland plant in den nächsten Wochen nicht damit, weiteres Personal für das Contact-Tracing einzustellen, man habe erst im Oktober 28 Stellen geschaffen. Für die Massentests werden möglicherweise weitere Landesbedienstete zum Contact-Tracing abgestellt, Details gab es dazu jedoch keine.

Kärnten


Anzahl Stellen: 64,1 auf 100.000
Termin Massentest: 11.-13. Dezember
Aktuelle Aufklärungsquote: 30%
Kärnten war lange Zeit das Land, das am wenigsten vom Virus betroffen war. Das hat sich in den letzten Wochen geändert, aktuell ist es laut AGES-Dashboard das Land mit der höchsten Inzidenz. 30% der Corona-Fälle konnten in Kärnten zuletzt zugeordnet werden - trotz des niedrigen Werts liegt man damit österreichweit an zweiter Stelle. Das Land plant, in den nächsten Wochen 40 Stellen aufzustocken, das würde eine Erhöhung auf 71,3 TracerInnen für 100.000 Menschen bedeuten.

Niederösterreich


Anzahl Stellen: 55,6 auf 100.000 
Termin Massentest: 12.-13. Dezember
Aktuelle Aufklärungsquote: 11%
Hinsichtlich der Massentests hat das Land Niederösterreich das Personal leicht aufgestockt. Zusätzlich will man in den nächsten Wochen 100 zusätzliche Stellen schaffen, darüber hinaus könnten 80 zusätzliche BundesheersoldatInnen aushelfen. Damit kämen in Niederösterreich 66,3 TracerInnen auf 100.000 Menschen. 

Oberösterreich


Anzahl Stellen: 47,9 auf 100.000 
Termin Massentest: 11.-14. Dezember
Aktuelle Aufklärungsquote: 15%
Die Anzahl der Stellen in Oberösterreich ist nicht eindeutig zuzuordnen, da das Personal nicht ausschließlich für Contact-Tracing eingesetzt wird. Die Werte stellen also das Maximum dar, schon damit ist das Bundesland jedoch am vorletzten Platz was die Anzahl der Stellen pro 100.000 betrifft. Allerdings wird das Land seit Mitte November zusätzlich von MitarbeiterInnen der AGES bei der Kontaktverfolgung unterstützt. 

Konkrete Pläne zur Aufstockung von Stellen wurden nicht genannt, es sollen jedoch “kontinuierlich und je nach Bedarf” Personen eingestellt werden. Das Land wurde Ende September scharf kritisiert, weil es nur 1.100€ für eine Vollzeitstelle als Contact Tracer zahlen wollte.

Salzburg


Anzahl Stellen: 173,8 auf 100.000.
Termin Massentest: 12.-13. Dezember
Aktuelle Aufklärungsquote: 8%
Salzburg hat die Zahl der Stellen stark erhöht: Waren es im Frühjahr 140 und zu Beginn des Herbstes noch 340, sind es mittlerweile 715. Der große Sprung ist auch damit zu erklären, dass das Land Anfang November Gemeindebedienstete für das Tracing verpflichtet hat. 
Durch diese Einbindung liegt das Bundesland mit den Zahlen relativ weit vor allen anderen, zudem wird das Land auch von der AGES unterstützt. Der Personalstand soll auch künftig weiter aufgestockt werden, konkrete Pläne wurden uns dazu jedoch nicht genannt. Salzburg ist aktuell bei den 7-Tages-Inzidenzen das Land mit der zweithöchsten Rate, die Cluster-Aufklärungsquote ist in der letzten Woche von 32% auf 8% abgestürzt.

Steiermark


Anzahl Stellen: 56,3 auf 100.000 
Termin Massentest: 12.-13. Dezember
Aktuelle Aufklärungsquote: 17%
Die Steiermark lag bei der Aufklärungsquote an der letzten Stelle, konnte sich diese Woche jedoch wieder etwas konsolidieren. Vor allem in den ländlichen Regionen kämpft man stark mit der Nachverfolgung. In manchen Gebieten mussten Menschen, die als Kontaktperson 1 galten, bis zu drei Wochen auf Tests und Absonderungsbescheide warten.
Für die Aufstockung der Stellen hat man in den letzten Wochen vermehrt Landesbedienstete herangezogen, seit September kamen pro Woche 15 bis 30 Stellen hinzu. Zusätzlich sollen in den nächsten Wochen Personalaufstockungen “im dreistelligen Bereich” erfolgen. 

Tirol


Anzahl Stellen: 86,1 auf 100.000 
Termin Massentest: 4.-6. Dezember
Aktuelle Aufklärungsquote: 18%
Tirol plant grundsätzlich damit, das Tracing-Team weiter auszubauen. In naher Zukunft stoßen etwa 30 Personen vom AMS dazu. Für die Phase nach den Massentests werden diese jedoch zu spät kommen, hier will man auch mit “internen Personalumschichtungen” reagieren. Zudem setze man auf technische Lösungen, die sich allerdings aktuell noch in Arbeit befinden.

Vorarlberg


Anzahl Stellen: 54,5 auf 100.000 
Termin Massentest: 4.-6. Dezember
Aktuelle Aufklärungsquote: 9%

Vorarlberg war das erste Bundesland, dass das Contact-Tracing wegen Überforderung massiv einschränken musste. Durch den kurzfristig stark erhöhten Einsatz von Landesbediensteten konnte der Rückstau jedoch abgearbeitet werden. Laut Angaben des Landes habe man das Contact-Tracing damit wieder in den Griff bekommen - die aktuelle Aufklärungsquote kann das nicht unterstützen. Eine Erhöhung des Personaleinsatzes ist nicht geplant, in Vorarlberg will man nur um eine Stelle aufstocken. Die Massentests sollen vollständig mit Contact-Tracing begleitet werden, das Land setzt dadurch auf die, nach eigenen Angaben, weit fortgeschrittene Digitalisierung in der Übermittlung. 

Wien


Anzahl Stellen: 31,6 auf 100.000 
Termin Massentest: 4.-13. Dezember
Aktuelle Aufklärungsquote: 50%
Wien hat, hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung, mit Abstand die niedrigste Anzahl an Stellen. Allerdings ist hier das gesamte Personal ausschließlich mit Contact Tracing beschäftigt, was die Zahlen im Vergleich zu anderen Ländern relativiert. Die Stadt plant zudem, bis Ende des Jahres um 100 Stellen aufzustocken, womit man auf knapp 37 TracerInnen für 100.000 Menschen käme.
Bei der Aufklärung der Cluster war Wien mit 50% zuletzt das Bundesland mit der höchsten Quote. Das zeigt, dass die Stellenanzahl alleine nicht unbedingt entscheidend für den Erfolg ist. Wien kommt hier auch das Fehlen ländlicher Räume zugute - diese Regionen waren in anderen Bundesländern für die Kontaktverfolgung oft problematisch. 

Contact-Tracing und die Massentests

Die anstehenden Massentests zeigen die Problematik in der Nachverfolgung klar auf. Verpflichtend ist das Contact-Tracing nicht. Der Grund ist praktischer Natur - die Ressourcen stehen dafür einfach nicht zur Verfügung. Der Linzer Bürgermeister Klaus Luger (SPÖ) hat in einem Gespräch mit den OÖN etwa erklärt, dass es nach Schätzungen in der Landeshauptstadt durch die Massentests in vier Tagen 900 neue Corona-Meldungen geben würde. Dies wären pro Tag mehr als 200 Fälle, die verfolgt werden müssten - bisher schafften die Contact TracerInnen dort gerade mal 150 Fälle am Tag. 

Ohne Contact-Tracing und weitere vorausschauende Maßnahmen könnten die Tests ihren Sinn verfehlen. Sie würden so zu einer PR-Aktion verkommen, die Behörden vor noch mehr Problemen stellt und die die Bevölkerung noch dazu in falscher Sicherheit wiegt. Denn sie sind nur Momentaufnahmen - dass man bis Weihnachten, wo man sich mit bis zu neun Personen treffen kann, negativ bleibt, ist damit natürlich nicht gesichert.

Der Überblick zeigt: Alle Länder haben über den Herbst beim Contact Tracing aufgestockt, das war aber auch dringend notwendig. Genügend vorbereitet für die nächste Phase sind sie nicht. Teilweise gibt es keine Pläne mehr, das Contact-Tracing auszubauen, wie etwa im Burgenland. In anderen Bundesländern gibt es wiederum den grundsätzlichen Willen, mehr Stellen zu schaffen, konkrete Zahlen konnten aber nicht alle nennen. In Vorarlberg sollen die Massentests engmaschig durch Contact-Tracing begleitet werden, auch in Wien sollen die positiven Fälle abgearbeitet werden. Andere Länder wollen die Tests zumindest begleiten. 

Auch wenn man kritisieren kann, dass die Vorlaufzeit für die Massentests nur sehr kurz war: Die Herausforderungen für die Kontaktverfolgung hätte es in den nächsten Wochen auch ohne sie gegeben. Laut WHO benötigt Österreich eigentlich 13.000 Contact TracerInnen, um das Infektionsgeschehen erfassen zu können. Aktuell gibt es nach unseren Recherchen etwa 4850 Stellen - nur die Fallzahlen zu beobachten und darauf zu reagieren, wird in den kommenden Monaten also zu wenig sein.
 

 

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