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Wo Alkohol verboten ist und Heroin erlaubt

In Österreich steigt die Zahl der Drogentoten. Drogenkonsumräume könnten helfen, sagen Fachleute – aber es gibt keine. Warum nicht? Und wie funktioniert so ein Raum überhaupt? Ein Besuch in Stuttgart gibt Antworten.

Als dann doch jemand kommt, um sich einen Schuss zu setzen, ist alles ziemlich unspektakulär. Die Mitarbeiter:innen begrüßen den Mann im grauen Hoodie mit Vornamen, ein kurzes gemurmeltes Gespräch, er wählt den blauen Filter, öffnet seine Faust, um dem Krankenpfleger Felix Ahlert vorschriftsgemäß das winzige Säckchen darin zu zeigen. Borgt sich eine Schere aus, schneidet die Spitze des Säckchens ab, geht in die linke Kabine, zieht den Vorhang so weit es geht zu. Dann passiert erst mal lange gar nichts. Nur das Dröhnen der Lüftung ist zu hören und Ahlerts Tippen auf der Tastatur, hin und wieder ein leises Rascheln aus der Kabine.

Seit Mai 2025 gibt es den „Konsumraum mit Beratung und Orientierung“, kurz KOMBO, in der Stuttgarter Innenstadt. Der Mann im Hoodie, nennen wir ihn Ercan, ist einer der gut 250 Menschen, die das Angebot bisher in Anspruch genommen haben.

In der Schweiz seit 40 Jahren, in Deutschland seit 30

Der erste Drogenkonsumraum in der Schweiz eröffnete 1986, die ersten von heute 35 Räumen in Deutschland 1994. In Österreich hingegen gibt es bis heute keinen einzigen. In den vergangenen Monaten ist die jahrzehntealte Debatte darum aber in mehreren Städten wieder in Fahrt gekommen.

Der Grazer Gemeinderat hat im Oktober 2025 einstimmig beschlossen, zu prüfen, ob und wo in der Stadt man einen Konsumraum nach deutschem Vorbild einrichten könnte. In Innsbruck wünscht sich der Leiter der Kinderschutzgruppe am Landeskrankenhaus speziell für eine kleine Gruppe besonders gefährdeter Jugendlicher einen Schutzraum, nachdem dort in kurzer Zeit mehrere Minderjährige an den Folgen von Drogenkonsum starben. Und in Wien hat zuletzt der Bezirksvorsteher des 15. Bezirks öffentlich die Einrichtung eines Drogenkonsumraums gefordert.


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Auf den ersten Blick kann die Idee eines Drogenkonsumraums absurd wirken. Ein eigener Raum, öffentlich finanziert, damit Leute in Ruhe illegale Substanzen konsumieren können?

Die Idee hinter Konsumräumen: Schadensminimierung

Viele Fachleute aus der Suchthilfe aber unterstützen die Idee. Denn die Fachwelt hat schon vor Jahrzehnten erkannt, dass Sucht keine schlechte Angewohnheit ist, sondern eine chronische Erkrankung. Dass das Ziel, ganz von Drogen wegzukommen, nicht für alle Erkrankten erreichbar ist. Und dass der sinnvollste Weg dann ist, zumindest die sozialen und gesundheitlichen Folgeschäden der Abhängigkeit in Grenzen zu halten.

Harm reduction heißt dieser Ansatz, Schadensminimierung. Viele heute kaum noch umstrittene Maßnahmen zielen darauf ab:

  • Spritzentausch-Programme sollen Ansteckungen mit HIV und Hepatitis C verhindern.
  • Drug Checking, also das Testen von Substanzen, soll Konsument:innen vor Vergiftungen mit gestrecktem Stoff bewahren.
  • Substitutionstherapie soll die Beschaffungskriminalität verringern und schwer suchtkranke Menschen so weit stabilisieren, dass sie im besten Fall sogar wieder arbeiten und eine Wohnung halten können.

All diese Programme kosten den Staat zunächst Geld. Aber sie ersparen ihm zugleich Rettungs- und Polizeieinsätze, Krankenhaus- und Gefängnisaufenthalte, Gerichts-, Sozial- und andere Folgekosten – und nicht zuletzt Todesfälle.

„Die Leute kommen nicht zum Spaß hierher“

Hier reihen sich auch Drogenkonsumräume ein. „Es geht dabei erstens darum, das Überleben von Menschen zu sichern“, erklärt Harald Ploder, Leiter zweier Suchthilfe-Angebote der Caritas in Graz. „Zweitens kann man damit Menschen erreichen, die ansonsten für das Hilfssystem schwer erreichbar sind. Und drittens entlastet ein Konsumraum den öffentlichen Raum – jede Spritze, die dort verwendet und entsorgt wird, ist eine weniger, die in einem Park oder einem öffentlichen WC liegt.“

Als eine Art Partyraum sollte man sich einen Drogenkonsumraum nicht vorstellen. Es geht hier nicht um Gemütlichkeit, sondern um Hygiene und Sicherheit. Wer den von der Caritas Stuttgart und der Suchthilfe-Organisation Release betriebenen Konsumraum KOMBO betritt, sieht einen Tresen mit einem Schreibtisch dahinter, Info-Plakate an den Wänden, eine Topfpflanze, ein Waschbecken – und entlang der rechten Wand einen Tisch mit drei Sitzplätzen für den intravenösen Drogenkonsum sowie eine kleine Kabine mit Glastür, Aschenbecher und extra Belüftung für das Rauchen von Crack oder Heroin.

Wer zum ersten Mal hierherkommt, muss zunächst die Hausordnung und die Konsumregeln unterschreiben: Kein Zutritt für Erst- und Gelegenheitskonsumierende oder Begleitpersonen. Freundlicher, respektvoller Umgang. Händewaschen vor und nach dem Konsum. Keine mitgebrachten Utensilien verwenden, nur die sauberen von hier. Den Konsumplatz nach dem Konsum desinfizieren. Kein Alkohol, kein Cannabis, keine Zigaretten. Keine Handynutzung. Kein Drogenhandel, kein Teilen oder Abpacken, kein Mitbringen größerer Mengen, keine gegenseitige Hilfe beim Konsum.

Für „Partykonsument:innen“ sei der Raum nicht gedacht, die verirrten sich aber ohnehin nicht hierher, erklärt die Sozialarbeiterin Sara Therburg. „Der Raum soll ein Schutzraum für vulnerable Menschen sein und bleiben.“ „Um so einen Laden aufzusuchen, muss man schon an einem gewissen Punkt sein“, ergänzt ihr Kollege Felix Ahlert. „Das sind Leute, deren Lebensrealität von Konsum und Sucht bestimmt ist und die so oder so konsumieren. Die kommen nicht zum Spaß hierher, sondern weil das ihre Erkrankung ist.“

Doppelt so viele Drogentote wie vor zehn Jahren

Im Jahr 2024 starben in Österreich 257 Menschen an den Folgen von Drogenkonsum. Die Zahl der drogenbezogenen Todesfälle steigt seit 2014 fast kontinuierlich an: Starben von 1993 bis 2020 pro Jahr zwischen 2,3 und 3,5 von 100.000 Einwohner:innen an Drogen, waren es 2023 und 2024 schon je 4,3 – und Harald Ploder geht davon aus, dass „die Kurve ab 2025 noch steiler steigen wird“.

Vor allem, weil Kokain heute leichter zu bekommen und deutlich reiner ist als noch vor ein paar Jahren. Die Menschen spritzen es sich daher auch eher als früher, sagt Harald Ploder – und sie setzten sich dabei zum Teil zehn oder zwanzig Mal am Tag einen Schuss statt zwei oder drei Mal am Tag wie bei Opiaten üblich. Das trage auch zu den beiden Problemen bei, die manche Politiker:innen jetzt wieder über Konsumräume nachdenken lassen: Mehr Menschen sterben. Und mehr Menschen fallen im öffentlichen Raum beim Konsum auf oder lassen Überbleibsel davon herumliegen.

Die meisten Drogentoten sterben nicht an einer klassischen Heroin-Überdosis, sondern an Mischkonsum: im Blut von ungefähr 90 Prozent aller gerichtsmedizinisch untersuchten Drogentoten findet sich eine Kombination aus Opioiden und anderen Substanzen. Meist sind Psychopharmaka beteiligt, oft auch Kokain, Alkohol oder aufputschende Mittel wie Amphetamine oder Ecstasy.

Unten Spritzen-Automat und Beratung, oben Konsumraum

Auch das winzige Säckchen des Mannes im grauen Kapuzenpulli, der vorhin den Konsumraum in Stuttgart betreten hat, enthielt Kokain. Er ist immer noch hinter dem Vorhang beschäftigt, „Bei dir alles klar?“, fragt Felix Ahlert nach zwanzig Minuten. „Alles gut“, tönt es aus der Kabine.

Während Ercan also weiterhin still werkelt, führt Felix Ahlert durch die restliche Einrichtung. Zeigt den Automaten vor dem Eingang des unauffälligen Straßenlokals, auf dessen Tasten statt Zigarettenmarken „Spritzenset“ steht oder „Glaspfeife, Mundstück, Natron, Löffel, Sieb“. Den Weg zu den Beratungsbüros. Den Kontaktladen im Erdgeschoß, ein paar Leute sitzen um einen Tisch und unterhalten sich, eine alte Frau isst zu Mittag und erzählt einer Mitarbeiterin ohne Punkt und Komma aus ihrem bewegten Leben. Durch das schmale Treppenhaus geht es in den ersten Stock, wo Ärzt:innen Substitutionsbehandlung anbieten, dann wieder zurück in den zweiten, zum Konsumraum.

Kommt jemand zum ersten Mal hier herauf, muss er oder sie nicht nur die Regeln akzeptieren, sondern sich auch registrieren. Die Mitarbeiter:innen fragen dann ab: Welche Drogen konsumierst du, wie oft, in welcher Form und wo? Wie alt warst du beim Erstkonsum? Was ist deine Wohnsituation? Welche Angebote der Drogenhilfe nutzt du schon? Dabei komme man auch schon ins Gespräch, erklären Therburg und Ahlert, man sehe, in welchen Bereichen die Menschen vielleicht noch Hilfe oder Beratung brauchen, könne sie weitervermitteln.

Aus der Statistik von KOMBO: Knapp 2.700 Mal nutzten Menschen den Raum in diesem Jahr bis September. Die häufigste Droge ist Crack (40 Prozent), gefolgt von Kokain (27 Prozent), Opioiden und Substitutionsmitteln. Acht von zehn Konsument:innen sind Männer. Es wird ungefähr gleich oft gespritzt wie geraucht.

„Draußen ist rucki zucki Scheiße passiert“

So lange Ercan fürs Spritzen seines Kokains braucht, so schnell war Daniel mit seinem Methadon. „Ich muss nur aufziehen, Nadel aufsetzen, abdrücken, rausziehen, fertig“, erklärt er. „Das geht fast so schnell, wie ich es jetzt gesagt hab.“

Daniel trägt einen schwarzen Pullover, er spricht langsam, ein bisschen schwerfällig, apathisch. Ihm fehlen ein Finger und fast alle Zähne, der Unterkiefer ist eingefallen. 40 Jahre alt sei er, sagt Daniel, seit 28 Jahren konsumiere er intravenös Drogen.

Daniel sagt, er habe starkes ADHS, sei schon als Kind straffällig geworden, „für mich war es interessant, mich selber nicht wahrnehmen zu können, einfach nicht da zu sein.“ Erster Entzug mit 16, „dann halt immer nur drauf, clean, drauf, clean, Knast, clean, Knast“. Die Substitutionsbehandlung helfe ihm, besser mit seinem ADHS und dem Leben insgesamt zurechtzukommen, zu funktionieren. Trotzdem brauche er den zusätzlichen Konsum. „Koks, Heroin, Methadon, Ketamin“, zählt er auf, während seine Hand mit einem Traubenzuckerpäckchen spielt.

Er komme mindestens einmal pro Tag in den Konsumraum, sagt Daniel. Früher habe er in Parkhäusern konsumiert, in Hinterhöfen, öffentlichen Toiletten. „Irgendwo findet sich immer ein Platz. Aber es ist halt zwischen Tür und Angel, immer schnell, immer stressig.“ Immer in der Sorge, erwischt zu werden und Ärger zu bekommen. Daniel spricht jetzt schneller als zuvor, seine Stimme ist energischer: „Wenn du draußen konsumierst, ohne Waage so Pi mal Auge, immer auf Zack sein musst, dann machst du auch nicht lang rum mit Filtern oder so, und dann ist rucki zucki Scheiße passiert.“ Schon deshalb sei die Sicherheit des Konsumraums Gold wert.

„Ich muss ja meinen Konsum nicht anderen vor die Füße legen“

Denn wenn hier mal „Scheiße passiert“, ist geschultes Personal zur Stelle. Im Schnitt kommt im KOMBO auf knapp 100 Konsumvorgänge ein Notfall, psychotische Krisen nicht mit eingerechnet. Drei Mal mussten die Mitarbeitenden 2026 schon „atemunterstützende Maßnahmen“ setzen, zwei Männern mussten sie Naloxon geben, eine Frau wiederbeleben.

Der Konsum auf der Straße sei aber nicht nur für ihn selbst, sondern „auch für die Gesellschaft schlecht“, sagt Daniel. „Ich muss ja meinen Konsum nicht anderen vor die Füße legen.“

Mit diesem Punkt – „Aufenthaltsqualität“, achtlos weggeworfene Spritzen – argumentieren auch die Anträge, die zuletzt im Grazer Gemeinderat und in der Bezirksvertretung Rudolfsheim-Fünfhaus beschlossen wurden.

Rudolfsheim-Fünfhaus wünscht sich einen Konsumraum

Interessantes Detail am Wiener Antrag: Die Bezirksvertretung wünscht sich einen Konsumraum ausdrücklich im eigenen Bezirk. Üblicherweise gilt bei dieser Art von Einrichtungen eher das Prinzip NIMBY, „not in my backyard“ – alle finden, es brauche so ein Angebot, nur halt bitte irgendwo anders. Aber Bezirksvorsteher Dietmar Baurecht (SPÖ) ist überzeugt davon, dass die Menschen in seinem Bezirk ein solches Pilotprojekt befürworten würden.

Denn im Nachbarbezirk Mariahilf, direkt an der Bezirksgrenze, steht Wiens größte und bekannteste Suchthilfe-Einrichtung, der Jedmayer. Er halte den Jedmayer für eine sehr wichtige Einrichtung, und die meisten Bewohner:innen täten das auch, betont Baurecht. Aber gewisse Parks in der Nähe seien in den letzten Jahren „zu illegalen Konsumräumen geworden“, und das überfordere viele Anwohner:innen. Weil ein Konsumraum also „allen was bringt, den Suchtbetroffenen und den Nachbar:innen“, rechnet er mit der Zustimmung der Nachbarschaft.

In Stuttgart habe es vor der Eröffnung des Konsumraums natürlich auch Sorgen und kritische Fragen gegeben, sagt Rainer Lang, bei der dortigen Caritas für die Suchthilfe zuständig. Die habe man aber durch Gespräche ausräumen können. Dabei hat vermutlich auch geholfen, dass das KOMBO in einer Gegend liegt, in der es auch viele Bars gibt, nicht weit entfernt von einem Rotlichtviertel und mehreren Hotspots der Drogenszene. „Wir gucken auch, dass wir keine Szenebildung vor der Tür haben“, sagt der Krankenpfleger Felix Ahlert. „Sobald sich eine Gruppe vor dem Café zu sammeln anfängt, sagen wir, hey Leute, ihr müsst jetzt mal weiter, entweder rein oder raus.“

Wien braucht keinen Konsumraum, sagt der Sucht- und Drogenkoordinator

Wenn also Drogenkonsumräume so viele Vorteile haben – warum gibt es dann in Österreich bis heute keine?

In Wien unter anderem deshalb, weil der Sucht- und Drogenkoordinator der Stadt, Ewald Lochner, sie hier nicht für notwendig hält. Grundsätzlich seien Drogenkonsumräume ein wirkungsvolles Mittel der Sucht- und Drogenarbeit, sagt Lochner, der nebenbei auch SPÖ-Bezirkspolitiker ist. Aber erstens sei ihr Nutzen sowohl in Bezug auf Todesfälle als auch auf den Konsum im öffentlichen Raum weniger groß, als Befürworter:innen sagen. Und zweitens decke Wien viele positive Aspekte eines Konsumraums anders ab: Es gebe ein großes Netzwerk an Tageszentren und viele Standorte, an denen man Spritzen tauschen könne. In Wien werde außerdem in der gesamten Wohnungslosenhilfe der Konsum toleriert, weshalb die meisten Suchterkrankten ohnehin zuhause konsumierten.

Und abseits von Wien? Woran sind alle bisherigen Anläufe anderswo gescheitert?

Das Innenministerium beruft sich auf die Rechtslage

Die übliche Erklärung dafür lautet: An der österreichischen Rechtslage. Daran, dass die Polizei, wenn sie von einem solchen Raum wisse, quasi gar nicht anders könne, als sich vor dem Eingang aufzustellen und alle Ankommenden zu durchsuchen. Dass daher für die Einrichtung eines Drogenkonsumraums eine Gesetzesänderung auf Bundesebene nötig sei und es dafür noch nie eine politische Mehrheit gegeben habe.

In diesem Sinne beantwortete auch der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit im Innenministerium im Jänner 2026 eine Anfrage der Stadt Graz: Das sogenannte Offizialprinzip verpflichte die Polizei, allen Hinweisen auf strafbare Handlungen nachzugehen. Und weil „in Bezug auf Drogenkonsumräume keinerlei rechtliche Ausnahmebestimmung bestehen“, lasse sich ein solcher Raum „mit den derzeit geltenden rechtlichen Regelungen nicht vereinbaren“.

Aber stimmt das so überhaupt?

Auch in Deutschland und der Schweiz gelte das Offizialprinzip, sagt Heino Stöver, langjähriger Leiter des Instituts für Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences. Trotzdem habe die Polizei ja Spielräume bei der Entscheidung, wo sie eingreife und wo nicht.

Deutschland: Informelle Abmachungen mit der Polizei

Eine ausdrückliche gesetzliche Grundlage für Drogenkonsumräume wurde in Deutschland erst im Jahr 2000 geschaffen. Da gab es die Räume in Frankfurt, Hamburg, Hannover und Saarbrücken bereits seit bis zu sechs Jahren. Illegale, aber stillschweigend tolerierte Konsumräume bestanden in mehreren Städten sogar schon seit den 80er Jahren, erzählt Stöver.

„In Hannover zum Beispiel hat sich die Drogenhilfe damals mit der Polizei auf den informellen Deal geeinigt, dass auf den eineinhalb Kilometern zwischen dem Bahnhof und dem Konsumraum die Menschen nicht angehalten und durchsucht werden.“ Weil der Polizei eben der gesundheitliche Nutzen des Konsumraums klar gewesen sei und sie ihn nicht zerstören habe wollen.

Die Polizei darf sehr wohl wegschauen, sagt ein Strafrechtsprofessor

Auch der emeritierte Innsbrucker Strafrechtsprofessor Klaus Schwaighofer widerspricht dem „Die Polizei darf nicht wegschauen“-Argument. In einem von der Caritas Graz beauftragten Gutachten von Ende 2025, das MOMENT.at vorliegt, schreibt er unter anderem, nach dieser Logik dürfe es auch keine Spritzentausch- oder Drug-Checking-Projekte geben. Beides existiert in Österreich seit vielen Jahren.

Die Polizei müsse zwar einen Verdacht auf eine Straftat aufklären, schreibt Schwaighofer – aber sie sei nicht verpflichtet, nach möglichen Verdachtsfällen zu suchen.

Auch die Annahme, dass bei sämtlichen Besucher:innen eines Drogenkonsumraums ein Anfangsverdacht auf eine Straftat vorliege, sei falsch. Umso mehr, wenn der Raum in eine bestehende Suchthilfe-Einrichtung integriert werde.

Ohne das Innenministerium geht es nicht

Das Problem scheint also weniger die Rechtslage an sich zu sein als deren Auslegung durch die Polizei – oder anders gesagt: die Kooperationsbereitschaft der Polizei und letztlich des Innenministeriums.

In zahlreichen deutschen Städten gibt es diese Kooperationsbereitschaft längst. In Stuttgart seien die Polizei, die Staatsanwaltschaft und das Amt für öffentliche Ordnung schon bei der Planung des Konsumraums eingebunden gewesen, sagt Rainer Lang von der Caritas. Mit der Polizei hat KOMBO eine Abmachung, wonach Menschen nicht ohne konkreten Grund in nächster Nähe der Einrichtung kontrolliert und durchsucht werden.

„Eine Zeit lag war schon auffällig, wie oft die Polizei vorbeigefahren ist und geguckt hat“, sagt die Sozialarbeiterin Sara Therburg. Aber insgesamt funktioniere die Abmachung, „es ist ja auch in deren Interesse, dass es hier gut läuft“.

„Selbsternannte law-and-order-Drogenkrieger wie aus den 80er Jahren“

Ob eine solche Kooperationsbereitschaft der Polizei auch in Österreich vorhanden ist, das bezweifeln allerdings viele.
Im Sozial- und Gesundheitsministerium ist Staatssekretärin Ulrike-Königsberger-Ludwig (SPÖ) für Drogenthemen zuständig. Ihr Sprecher schreibt auf MOMENT.at-Anfrage, man stehe „wissenschaftlich begleiteten Pilotprojekten zu Drogenkonsumräumen grundsätzlich offen gegenüber.“ Es seien dazu aber viele rechtliche und praktische Fragen zu klären, bei denen es „eine sorgfältige Abstimmung insbesondere mit dem Innen- und dem Justizministerium“ brauche, und „die dafür notwendige politische Einigkeit sehen wir derzeit nicht.“

In Bezug auf das Innenministerium ist auch Ulf Zeder skeptisch. Zeder war 25 Jahre lang Suchtkoordinator der Stadt Graz und hat als solcher schon 2009 ein Konzept für einen Drogenkonsumraum ausgearbeitet. Soeben ist er in Pension gegangen. Auch er sagt, ohne grünes Licht aus dem Innenministerium habe ein solches Projekt wenig Sinn – aber dort säßen an den entsprechenden Stellen „teilweise so selbsternannte law-and-order-Drogenkrieger, wie man sie aus den 80er Jahren kennt“.

Geldprobleme und politische Mehrheiten

Ein weiteres Problem: Das Geld. Bevor Sozial- und Gesundheitsprogramme Geld sparen, kosten sie erst einmal etwas. „Konsumräume brauchen ausgedehnte Öffnungszeiten, idealerweise sollten sie 24 Stunden am Tag offen haben“, sagt der Grazer Sozialarbeiter Harald Ploder. „Dadurch sind sie personalintensiv, man müsste also mit durchaus nennenswerten Kosten rechnen.“ Wie realistisch ist es, dass irgendjemand in Österreich Geld für ein solches Projekt zur Verfügung stellt, in einer Zeit, in der Bund und Länder überall im Sozialbereich kürzen und einsparen?

Will man trotz allem ein Indiz dafür finden, dass Österreich irgendwann doch noch einen Drogenkonsumraum bekommen könnte, dann kann man sich in lokalen Parlamenten umsehen. Traditionell werden Projekte der schadensminimierenden Drogenarbeit von linken und progressiven Parteien vorangetrieben und beschlossen, während Konservative und Rechte auf der Bremse standen. In Stuttgart aber, erzählt Rainer Lang von der Caritas, habe letztlich auch die konservative CDU der Einrichtung des Konsumraums zugestimmt. Der einstimmig beschlossene Antrag in Graz 2025 kam nicht etwa von der KPÖ oder den Grünen, sondern von der FPÖ-Abspaltung KFG – „das hätte es so vor 17 Jahren noch nicht gegeben“, sagt Ulf Zeder. Und dem Antrag der SPÖ in der Bezirksvertretung Rudolfsheim-Fünfhaus haben Bezirksvorsteher Dietmar Baurecht zufolge alle Parteien außer der ÖVP zugestimmt.

Im Stuttgarter Drogenkonsumraum hat es nach einer Stunde auch Ercan geschafft, sich sein Kokain zu spritzen. Er kommt aus der Kabine mit dem Vorhang hervor, „Bei dir alles okay, Ercan?“, fragt die Sozialarbeiterin. „Ja, alles passt“, antwortet er mit kratziger Stimme. Sie wechseln noch ein paar Worte, die Sozialarbeiterin bietet ihm ein Glas Wasser an. Er lehnt ab, „vielen Dank“, sagt er, „dann bis zum nächsten Mal!“.


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