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/ 7. September 2020

Zwei Wochen vor Schulbeginn startete in Österreich die "Sommerschule". Kinder, die während des Corona-Unterrichts zuhause den Anschluss verloren hatten, sollten unterstützt von Lehramts-Studierenden und LehrerInnen mit Deutsch-Förderunterricht "aufwärmen". Die Skepsis, dass das zum Ausgleich der Probleme genügt, ist groß. Jedenfalls sollten die Kinder aber eine positive Lernerfahrung mitnehmen. Ein Lehrer einer Neuen Mittelschule erzählt aus der ersten Woche des Experiments.

Es ist Mitte Juli, ich telefoniere mit dem Organisator der Sommerschule. Es gibt nicht genügend Studierende, die in Zweiergruppen durchgehend die Kids unterrichten können. Wir Lehrkräfte werden also selbst auch unterrichten müssen, statt die Studierenden nur zu begleiten und ihnen Feedback zu geben.

August. Montag der 17.

Es gibt ein Vorbereitungstreffen mit drei unserer fünf "Studis" und dem Organisator der Sommerschule. Wir machen erste Planungen, besichtigen das Schulgebäude. Zur Kommunikation wird eine WhatsApp-Gruppe angelegt. 

Die Studis scheinen sehr motiviert, ihre Vorstellungen aber eher unrealistisch. Sie gehen davon aus, dass die Kids ein durchgehend gutes Deutschniveau haben. Wir bereiten sie auf große innere Differenz vor. Unsere gemeinsamen Ziele lauten: ein positives Lernklima schaffen, die Kinder nicht stressen, uns nicht stressen, den Kids durch die Sommerschule vor allem positive Erfahrungen ermöglichen.

Freitag der 21.

Ich sitze in der Schule. Die Technik streikt. Am Vortag haben wir über Zoom den ersten Tag der Sommerschule geplant. Am Montag geht es los. Heute ruft der Organisator der Sommerschule an und meint, es sei wieder alles anders, weil zu wenig Geld da sei. Eventuell müsse der Stundenplan umgestellt werden.

Kurze Zeit später: Entwarnung, der Stundenplan bleibt.

Es geht los

Am ersten Tag der Sommerschule wird klar: Es gibt weniger Lehramtsstudierende als erhofft, dafür mehr Kinder als erwartet, Lehrkräfte, die sich freiwillig melden, um zu unterrichten und ein großes Fragezeichen, was alle erwartet.

Tag 1: Montag der 24.

Der Tagesbeginn ist etwas chaotisch, Kinder warten in Gruppen mit Abstand vor dem Schulgebäude und werden einzeln eingelassen. Um 8:30 Uhr sind endlich alle in der Klasse, schneller als angenommen. 55 von 75 Kindern sind da. Einige sind weggezogen, andere entschuldigt, andere kommen gar nicht. 

Die Gruppe mit den Kids der 8. Schulstufe ist schwer zu motivieren. Im Gegensatz dazu sind zwei Studis von der jüngsten Gruppe völlig überrascht, weil sie so wissbegierig und lerneifrig sind. Trotz der Verzögerung in der ersten Stunde konnten sie das Programm für vier Stunden in weniger als drei durchziehen. Es steht den KollegInnen der Schweiß auf der Stirn, als sie es mit leuchtenden Augen erzählen. 

Besonders stechen zwei Zwillinge heraus, deren Mutter dachte, es sei bereits der Beginn des Regelunterrichts.  Sie wollte ihre Töchter vor allem in Mathematik gefördert sehen. Die Reaktion der Zwillinge: "Wir wollten zwar Mathe lernen, aber Deutsch ist auch super!"

Einige der Kids können sich sehr gut im Unterricht einbringen, sind wortgewandt und gewitzt. Andere tun sich noch sehr schwer, sich auszudrücken. Klar ist: Es wird eine Herausforderung, so zu differenzieren, dass alle etwas davon haben.

Die Studis schlagen sich am ersten Tag wacker, jene mit Erfahrung fühlen sich schon ganz wohl. Andere sind noch unsicher. Wir Lehrkräfte sind vorsichtig im Gespräch mit den Studis, um nicht arrogant und aufdringlich zu wirken, aber dennoch hilfsbereit zu sein. Ich versuche, den Studis, die zum Teil noch keine Erfahrung im Unterrichten haben, möglichst viel Raum zu lassen. Am ersten Tag überprüfen wir die Anwesenheit, machen Kennenlernspiele, dann lassen wir die Kinder auf einem Emoji-Spektrum bewerten, wie gern sie gewisse Dinge (Pizza, Schwimmen, TikTok, Capital Bra etc) haben, indem sie auf der Laufbahn zum richtigen Emoji laufen. Ich lasse die Kinder erzählen, damit sie merken, dass es hier um sie geht.

Danach werden Regeln gemeinsam erarbeitet, besprochen, aufgeklebt, eigene Wünsche noch platziert und das Regelplakat unterschrieben. Der Tag endet mit einer aufgeweckten Runde Tabu. Nach Unterrichtsende folgt dann die erste Nachbesprechung, in der das Kollegium die Erlebnisse reflektiert und einheitliche Regeln und Vorgangsweisen ausmacht.
 

 

Tag 2: Dienstag der 25.

Ein paar Kinder, kommen neu dazu. Die Anrufe des Organisators haben Wirkung gezeigt. Eine Klasse ist voll, hat sogar eine zusätzliche Schülerin. Ich habe Begrüßungsdienst, sorge also vor Unterrichtsbeginn dafür, dass vor dem Schulgebäude der Abstand eingehalten wird und sich die Kinder gleich die Hände desinfizieren. Ich frage sie, ob sie traurig sind, dass die Schule wieder beginnt. Nein, sagen sie. Zuhause sei es stinklangweilig.

Der Tag verläuft aufregend, vor allem die arbeitswütige Klasse stellt sich für die Studierenden als sehr herausfordernd dar. Sie haben zum Teil Mühe, die Kids im Zaum zu halten. Der Lärmpegel ist hoch, die Erschöpfung am Ende des Tages groß.

Tag 3: Mittwoch der 26.

Wieder kommt eine neue Schülerin dazu. Die anonymen Rückmeldungen der Kinder sind durchgehend positiv. Sie gehen gerne in die Sommerschule gehen. 

Der Lehramts-Kollege, der gestern aus Erschöpfung und Überforderung schon seinen Berufswunsch hinterfragt hatte, ist heute wieder hellauf begeistert. Ein notorisch schwieriger Bursche mit ADHS hat ihm gesagt, zum ersten Mal in seinem Leben freue er sich auf die Schule. Bei einigen Lehramts-Studis ist bewundernswerte Zusammenarbeit erkennbar. Andere scheinen eher EinzelkämpferInnen zu sein.

Eine Kollegin bemerkt kritisch, dass in Gruppen von zwölf bis 15 Kinder nicht genügend auf die diversen Bedürfnisse der Kinder eingehen können. Um die Kinder zu motivieren und aufzubauen, setzen wir auf das Thema HeldInnen und Vorbilder. Als Endprodukt sollen sie eine "Leserolle" in einer verzierten Pringles-Dose haben, in der alle gemachten Arbeitsblätter enthalten sind. Zusätzlich arbeiten wir an einem Stempelpass, der Fortschritte auch in den Sozialkompetenzen dokumentieren soll. 

Tag 4: Donnerstag der 27.

Am Beginn des Schultages kommt eine Mutter vorbei. Es sei ihr bewusst, dass das Niveau sehr unterschiedlich sei, doch sie bittet, mehr auf die Bedürfnisse ihres Sohns zu achten. Der habe wegen Legasthenie vor allem bei der Groß- und Kleinschreibung Schwierigkeiten. Wir sagen selbstverständlich zu, ihren Sohn gezielter zu fördern und überlegen uns zusätzliche Aufgaben für ihn. Das fällt bei der vielen Vorbereitungsarbeit kaum mehr ins Gewicht.

Wie im normalen Schulalltag verfliegt auch hier die Zeit. "Was, schon wieder Donnerstag vorbei?"

Tag 5: Freitag der 28.

Die Kinder sind am letzten Tag der ersten Woche immer noch voller Energie. Wir haben zwar täglich mindestens ein Lernspiel mit Bewegung im Freien eingeplant, die Kinder wünschen sich aber trotzdem mehr Sport und Bewegung. Wir müssen sie bremsen, wegen der Hygieneregeln. Ich verspreche, mit den KollegInnen zu besprechen, was wir unter den gegebenen Umständen tun können. Wir kommen überein, dass eines der Kinder einen Fußball mitnehmen soll und wir schauen, was wir damit machen. Elfmeterschießen in Verbindung mit Wortschatzübungen bietet sich an. Auf der "Wünsche-Wand" kleben Post-Its mit Wünschen nach Fußball.

Und wie hat den Kindern die erste Woche gefallen? Das Feedback auf den bunten Notizzetteln spricht eine klare Sprache:

"Die Woche war ganz super :)"

"Das war gut und hat Spaß gemacht."

"Es war schön."

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Über Schulgschichtn: Schulgschichtn ist ein Projekt von drei jungen NMS-LehrerInnen, Verena, Simone und Felix. Sie sagen: "Der gesellschaftliche und politische Diskurs über die Neue Mittelschule (NMS) ist uns zu einseitig, zu negativ, zu destruktiv. Deswegen sammeln wir auf unserem Blog schulgschichtn.com konstruktive Schulgeschichten! Wir bieten einen realistischen Einblick in sogenannte 'Brennpunktschulen' und schaffen eine Plattform, auf der echte ExpertInnen zum Thema Schule zu Wort kommen.' Auf dem Blog finden Erfolgs- und Alltagsgeschichten genauso Platz wie das Aufzeigen von Problemen und systemischen Veränderungsvorschlägen. Die besten Geschichten erscheinen monatlich auf MOMENT.

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