Die GameStop-Aktie versetzt dank Reddit Hedgefonds und Wall Street in Panik

Die GameStop-Aktie versetzt dank Reddit Hedgefonds und Wall Street in Panik

Foto: Mike Mozart/Flickr/Creative Commons 2.0 BY-Lizenz

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/ 28. Januar 2021

Die Gamestop-Aktie steigt, Blackberry boomt: Eine Gruppe an BenutzerInnen der Foren-Plattform Reddit investiert an der Börse in Aktien, die andere Investoren fallen lassen wollen. Das sorgt für Chaos an der Wall Street und bringt Hedgefonds ins Wanken.

Zunächst haben Hedgefonds darauf spekuliert, dass die GameStop-Aktie weiter sinkt. GameStop ist eine weltweit tätige Kette für Computer- und Konsolenspiele. 50.000 Menschen arbeiten für sie. Sie leidet aber darunter, dass immer mehr Spiele einfach als Download gekauft werden.

Die Spekulation gegen Gamestop haben GamerInnen (und andere, die spekulative Hedgefonds kritisch sehen) in einem öffentlichen Online-Forum auf Reddit zum Anlass genommen, in die GameStop-Aktie zu investieren. Statt zu sinken, wie von den Hedgefonds erwartet, ist der Aktienkurs daraufhin stark gestiegen. Auch in Aktien anderer vermeintlich schwächelnder Unternehmen wurde investiert: etwa den Handy-Hersteller Blackberry.

Die gestiegenen Kurse können große Verluste für die spekulierenden Hedgefonds bedeuten. Das kann bis zur Insolvenz führen. Was ist da los?


Warum genau ist die steigende GameStop-Aktie ein Problem für die Hedgefonds?

Hedgefonds arbeiten sehr riskant und mit unterschiedlichen Strategien. Eine davon ist der Leerverkauf (auch Shorten und Shortselling genannt). Sehr einfach gesagt, wetten SpekulantInnen dabei auf fallende Aktien-Kurse. Sie leihen sich Aktien dabei nur aus, verkaufen sie dann aber. An irgendeinem verabredeten Termin müssen die Aktien aber wieder zurückgegeben werden. Ist der Kurs dann tatsächlich gefallen, machen die Hedgefonds mit ihrer Spekulation einen Gewinn. Tut er das nicht, kommt der Hedgefonds in Probleme.

Ein US-amerikanischer Hedgefonds namens "Melvin Capital" hatte nun gegen die GameStop-Aktie gewettet. Er hat als Folge des Investment-Aktivismus rund um Gamestop im Jänner mehr als 30% seines Werts verloren. "Melvin Capital" verwaltete zuvor über 12 Milliarden Dollar und setzt stark auf Short-Strategien.


Betrifft das nur die GameStop-Aktie oder sind auch Kurse anderer Unternehmen betroffen? 

Nachdem erfolgreich für den Kauf von GameStop-Aktien mobilisiert worden war, teilten NutzerInnen im Online-Forum Listen von anderen Aktien, bei denen Hedgefonds auf fallende Kurse gewettet haben. Seither gibt es weitere Aktien, zum Beispiel jene der kriselnden Kinokette AMC, die starke Steigerungsraten aufweisen und deshalb Hedgefonds in finanzielle Schwierigkeiten bringen. Auch das kanadische Unternehmen Blackberry - ein ehemals großer Player bei Handys, der seit einiger Zeit schwächelt - ist stark gestiegen. 

Gleichzeitig profitieren jene, die an dieser "Gegenspekulation" teilnehmen, selbst finanziell von den steigenden Kursen. Sie können ihre Aktien mit teilweise großem Gewinn an Hedgefonds zurückverkaufen.  


Aber dürfen diese Reddit-User das? Ist es überhaupt legal, sich in einem Online-Forum zum Kauf von Aktien zu verabreden?

Manipulation von Börsenkursen ist verboten und in den USA sogar strafbar. Die US-Börsenaufsicht SEC hat deshalb auch bereits eine Untersuchung des Falles angekündigt. Diese Situation ist aber nicht so einfach, da hier nichts im Geheimen ausverhandelt, sondern in öffentlich einsehbaren Online-Foren ohne erkennbar zentrale Steuerung über Kursentwicklungen diskutiert wird.


Gab es so etwas schon einmal?

Es gibt sogar eine Bezeichnung dafür, dass Firmen, die auf fallende Kurse wetten, in Bedrängnis geraten: “Short Squeeze”. SpekulantInnen, die auf Kursverluste wetten ("shorten") werden dabei "ausgepresst" ("squeeze"), wenn die Kurse doch steigen.

In Deutschland war das zum Beispiel 2008 bei der VW-Aktie der Fall. Damals hatten Hedgefonds auf fallende Kurse gesetzt und dafür 12% der VW-Aktien geliehen, obwohl weniger als 6 % der VW-Aktien frei handelbar waren. Als Hedgefonds danach Aktien einkaufen wollten, trieb die große Nachfrage die Preise immer weiter nach oben und erhöhte die Verluste der SpekulantInnen.

 

Setzen sich hier endlich einmal die KleinanlegerInnen gegen die großen, institutionellen Investoren durch?

Jein. Wie inzwischen auch orf.at berichtet, ist ein wesentlicher Treiber für die Teilnahme von KleinanlegerInnen an Börsenspekulation die Möglichkeit, ohne Gebühren mit Aktien zu handeln. Das Geschäftsmodell von (vermeintlich) kostenlosen Finanzdienstleistern wie Robinhood basiert aber wiederum darauf, Daten über das Kleinanlegerverhalten auszuwerten und an institutionelle Anleger und eben auch wieder Hedgefonds weiterzuvermarkten. Diese sind dann in der Lage, frühzeitig Trends im Kaufverhalten von KleinanlegerInnen zu erkennen, entsprechend Aktien im großen Stil einzukaufen und dann mit Gewinn an ebendiese KleinanlegerInnen weiterzuverkaufen. Selten hat es mehr bzw. unmittelbarer gestimmt, dass Menschen die Nutzung eines kostenlosen Dienstes "mit ihren Daten bezahlen" bzw. die Preisgabe ihrer Daten die Preise erhöht, die sie bezahlen.


Ist das nur ein Streich von ein paar Computer-Nerds oder hat das auch eine politische Dimension?

Ganz allgemein illustriert das Beispiel, wie stark Börsenwerte von Unternehmen von Herdentrieb und kollektiven Erwartungen und Erwartungserwartungen abhängen: auch wer nicht an die langfristige Stabilität eines Börsenwerts glaubt, hat trotzdem Anreize in eine Aktie zu investieren, solange kurzfristige Kurssteigerungen wahrscheinlich sind. 

Konkret wirft das Beispiel aber die Frage nach notwendiger Regulierung von Hedgefonds sowie spekulativen Investments auf. Vor allem, wenn jetzt Untersuchungen bis hin zu Strafverfolgung von Kleinanlegern in Online-Foren diskutiert werden, während vergleichbare spekulative Aktivitäten von Hedgefonds weiterhin als legal betrachtet werden. 


Ist es nicht ironisch, dass Hedgefonds jetzt nach staatlicher Regulierung rufen, die ansonsten vor allem für möglichst unregulierte Märkte lobbyieren?

Ja, das ist es. 

Update, 28.01.2021: Text um eine Frage zu vermeintlich kostenlosen Finanzdienstleistungsunternehmen ergänzt.

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