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Arbeitswelt

Jana Costas: „Reinigungskräfte sind stolz darauf, hart zu arbeiten“

Jana Costas Foto: (C) Privat
Reinigungskräfte erfüllen eine wichtige Arbeit für unsere Gesellschaft. Selbst bleiben sie aber oft unsichtbar. Spielen sie ausnahmsweise eine Rolle im öffentlichen Diskurs, wird ihre Arbeit oft sogar abgewertet. Wirtschaftswissenschaftlerin Jana Costas hat sich für ihre Forschung ein halbes Jahr lang unter Reinigungskräfte gemischt. Dabei ist das Buch "Im Minus-Bereich: Reinigungskräfte und ihr Kampf um Würde" entstanden. Im Gespräch mit MOMENT.at teilt sie ihre Erfahrungen und Ergebnisse.

MOMENT.at: Können Sie sich als Universitätsprofessorin überhaupt in Reinigungskräfte hineinversetzen? 

Jana Costas: Das ist wichtig, zu betonen: Ich gehe nicht davon aus, dass ich mich in sie hineinversetzen kann. Ich kann ja nicht abstreifen, dass ich Wissenschaftlerin und keine Reinigungskraft bin – auch wenn ich die Uniform trage. Jedoch erlauben mir meine teilnehmenden Beobachtungen gewisse Dinge besser nachvollziehen zu können, wie die körperlichen Aspekte, den Stress, die Unsichtbarmachung.  

MOMENT.at: Warum wollten Sie sich speziell mit Reinigungskräften befassen? 

Costas: Reinigungskräfte stehen sinnbildlich für stigmatisierte, niedrig bezahlte Dienstleistungstätigkeiten. Diese sind einerseits essenziell für unsere Gesellschaft, bleiben gleichzeitig aber oft unsichtbar. Zugleich bekommen Reinigungskräfte interessanterweise Zugang zu Räumen von Gesellschaftsschichten, die weit von ihnen entfernt sind, sodass Begegnungen zwischen ganz unterschiedlichen Gruppen unserer Gesellschaft entstehen. 

MOMENT.at: Können Sie die typische Reinigungskraft beschreiben?  

Costas: Statistisch gesehen ist in Deutschland die typische Reinigungskraft älter als andere Arbeiter:innen, weiblich, hat keinen Bildungsabschluss und überdurchschnittlich oft einen sogenannten Migrationshintergrund. Bei meiner Forschung am Potsdamer Platz habe ich jedoch sehr unterschiedliche Menschen angetroffen: Menschen, die eine Ausbildung als Gebäude- und Glasreiniger machen; Menschen, die aus einem anderen Beruf in die Reinigungsbranche gewechselt sind; Menschen, die nach Deutschland immigriert sind, für die das ein Anfang im deutschen Arbeitsmarkt ist; Menschen, die aus schwierigen Verhältnissen kommen: Arbeitslosigkeit, Drogenabhängigkeit, sogar Obdachlosigkeit. Was sie alle eint: sie kommen nicht aus der Ober- oder Mittelschicht. 

MOMENT.at: Haben Sie sich die Reinigungskräfte im Vorhinein so vorgestellt? 

Costas: Es fiel mir schwer, im Vorhinein ein Bild zu haben. Aber so divers habe ich sie mir nicht vorgestellt. Ich habe Frauen und Männer, Junge und Ältere, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund getroffen. 

MOMENT.at: Wie haben die Reinigungskräfte, mit denen Sie gearbeitet haben, auf Sie reagiert?  

Costas: Unterschiedlich. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich von der Universität komme und eine Studie durchführe. Zu meiner Überraschung waren die meisten offen und sogar positiv. In der ersten Frühstückspause hat eine Person gesagt: ”Na endlich kommt mal jemand und schaut sich an, was wir hier machen.” Ich glaube, das hatte auch damit zu tun, dass ich mitgearbeitet habe. Ich habe manchen assistiert, wie eine Praktikantin. Das hat, glaube ich, geholfen. Andere waren mir gegenüber skeptisch, zum Beispiel weil ich eine bessere Reinigungsuniform trug als andere. Ich hatte zum Beispiel von Anfang an ein T-Shirt in passender Größe, so etwas ist nicht selbstverständlich für die Reinigungskräfte, mit denen ich gearbeitet habe. Sie haben gemerkt, die muss jetzt nicht um die Uniform betteln. Es gab Anzeichen, dass ich über Kontakte zu anderen in der Hierarchie verfüge, die nicht jeder hat. Deshalb waren einige misstrauisch. 

Als ich die Reinigungsuniform trug, sind mehrfach Personen, die ich kenne, an mir vorbeigelaufen.

MOMENT.at: Mit welchen Stigmata haben Reinigungskräfte zu kämpfen?  

Costas: Ein Stigma ist, dass sie nicht wirklich arbeiten wollen. Reinigen ist eine Arbeit, die mit Schmutz zu tun hat, die wolle doch niemand wirklich machen. Das andere gängige Stigma ist, dass sie ungebildet seien und nichts Besseres gefunden hätten. Es gilt also: Das ist eine Arbeit, die niemand freiwillig machen würde, aber jede:r tun kann.  

MOMENT.at: Haben Sie diese Stigmatisierung selbst erlebt? 

Costas: Ich habe in meiner Rolle als Forscherin nur Momentaufnahmen erlebt. Aber was mir schon passiert ist: als ich die Reinigungsuniform trug, sind mehrfach Personen, die ich kenne, an mir vorbeigelaufen. Sie haben mich in der Uniform nicht wahrgenommen. Das war schon auffällig. Oder eine Begegnung mit einem Kunden, der sich aufgeregt hat und Reinigungskräfte vor mir herabgewürdigte. In solch einer Begegnung kommt eine Reinigungskraft gar nicht zu Wort, soll sie auch nicht. Sie wird einfach fertig gemacht.   

MOMENT.at: Wie gehen Reinigungskräfte damit um? 

Costas: Reinigungskräfte beschäftigen sich nicht jede Stunde ihres Lebens mit den ihrer Arbeit anlastenden Stigmata. Sie haben ihr eigenes Wertesystem. Im Milieu, aus dem sie kommen, ist es etwas sehr Wichtiges, eine Arbeit zu haben. Ihre Arbeit verleiht ihnen einen gewissen Status, sie verdienen Geld, sind unabhängig, zum Beispiel vom Ehemann oder vom Staat. Und sie sind stolz darauf, hart zu arbeiten. Reinigungskräfte halten den Stigmata ein starkes Arbeitsethos entgegen. 

Dabei entsteht, was ich als Dramen der Würde beschreibe: Reinigungskräfte wenden sich ihrer Arbeit zu, um Würde zu erlangen. Das gelingt zum Teil auch. Sie sind stolz auf ihre Arbeit. Andererseits wird ihnen in Begegnungen mit Kund:innen und anderen Menschen genau diese Würde abgesprochen.  

MOMENT.at: Wie kommen Reinigungskräfte zu mehr Status in der Gesellschaft und zu Gehör für ihre politischen Anliegen? 

Costas: Das ist sehr schwierig. Ich hoffe, durch mein Buch ein größeres Bewusstsein für Dienstleistungen wie die Reinigung und die Beschäftigten in dieser Branche zu schaffen. Momentan sind sie in einer Situation, die ihnen das schwer macht. Auch sind höhere Löhne für ihre Anerkennung wichtig. Und die Arbeit der Reinigungskräfte sollte mehr gesehen werden – sie arbeiten oft zu Randzeiten und werden so unsichtbar gemacht. Das bekräftigt auch ihre Abwertung. 

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