Lobbyismus an Schulen: Wie Unternehmen den Unterricht beeinflussen

/ Redaktion
/ 22. Januar

Wie viele Unternehmen mithilfe von Unterrichtsmaterialien an österreichischen Schulen Lobbyismus betreiben, ist nicht bekannt. Eine Recherche zeigt: Die größten ATX-Unternehmen haben schon einmal Unterrichtsmaterial oder sonstige Kooperationen mit Schulen angeboten. Von Lisa Wölfl und Sebastian Panny

“Du kaufst dir neue Schuhe bei HUMANIC und zahlst aufgrund eines Kratzers einen geringeren Preis. Wie heißt dieser Preisabzug?” Wenn du richtig antwortest, darfst du ein Unternehmen kaufen, darin investieren oder zu einer AG umwandeln.

Die richtige Antwort lautet “Rabatt”, das passende Brettspiel “Businessmaster”. Laut Homepage ist es eine Kombination aus Trivial Pursuit und Monopoly. Einen gravierenden Unterschied gibt es aber: Bei “Businessmaster” haben 33 österreichische Unternehmen für ihre Namensnennung bezahlt und lobbyieren so spielerisch an Schulen.

Eine Frau und ein Mann spielen das Brettspiel Businessmaster

Die Redaktion hat das Spiel ausprobiert. Foto: Lisa Wölfl/MOMENT

Ein weiteres Beispiel: “Du hast einen Freund für eine offene Stelle weiterempfohlen. Dadurch konnte Raiffeisen einen neuen Mitarbeiter gewinnen und bedankt sich mit einem Bonus von EUR 200.”

Das Brettspiel wird kostenlos an Schulen geschickt und im Unterricht verwendet. Es richtet sich an Kinder und Jugendliche. Nach eigenen Angaben erreicht “Businessmaster” rund 330.000 SchülerInnen in Österreich und Deutschland.

“Das ist eine dramatische Form von Lobbyismus”, sagt der deutsche Forscher und Experte für Lobbyismus an Schulen, Tim Engartner. Kinder und Jugendliche seien leichter beeinflussbar als Erwachsene und müssen deswegen besonderen Schutz genießen - gerade in der Schule.

Engartner forschte 2019 zu den deutschen DAX-Unternehmen. Er fand heraus, dass 20 der 30 größten Firmen Unterrichtsmaterialien anbieten. Daimler etwa veranstaltete kostenlose Verkehrssicherheitstrainings und bot Arbeitsblätter zum Aufbau von Autos an. Alle abgebildeten Fahrzeuge waren von der Marke Mercedes-Benz. “Versteckter Lobbyismus von Unternehmen an Schulen ist kein Nischen-, sondern ein Massenphänomen”, sagt er.

Jakob Frey ist Geschäftsführer der freyspiel GmbH, welche das Brettspiel “Businessmaster” verantwortet. “Dass es sich um Lobbyismus handelt, wollen wir gar nicht in Abrede stellen”, sagt er, “Aber wir sind davon überzeugt, dass es uns damit gelingt eine positive Veränderung zu bewirken.”

Konkret würden Unternehmen das Spiel nutzen, um Jugendliche als potenzielle MitarbeiterInnen anzusprechen, nicht aber, um ihre Produkte zu verkaufen. “Wir haben beispielsweise McDonald's, Coca Cola und RedBull abgelehnt”, sagt Frey. Das stimmt für “Businessmaster”, auf der Homepage seines Unternehmens befinden sich allerdings Unterlagen von Red Bull für Fächer wie Physik und Geografie.

Viele Fragekarten beziehen sich auf konkrete österreichische Unternehmen, ihr pädagogischer Wert ist fragwürdig. Foto: Lisa Wölfl/MOMENT

Um im Spiel vorzukommen, bezahlen Unternehmen zwischen 5.000 und 15.000 Euro pro Jahr. “Wir wissen, dass SchülerInnen durch unsere Spiele eine positive Einstellung zu unseren Unternehmenspartnern aufbauen”, sagt Frey, “Mit einem Projekt, das versucht, SchülerInnen zu manipulieren, könnte ich mich aber nicht identifizieren.”

Aufklärungsunterricht dank Pharmafirmen

Seit 1997 ist Werbung an österreichischen Schulen erlaubt, “wenn die Erfüllung der Aufgaben der österreichischen Schule hiedurch nicht beeinträchtigt wird”. Die Formulierung ist schwammig und öffnete Schulen für Unternehmensinteressen. “Das ist damals ein wenig ausgeartet”, sagt Ulrike Docekal, Expertin für Verbraucherschutz beim Verein für Konsumenteninformation (VKI).

Ulrike Docekal sieht vorbei an der Kamera und gestikuliert

Ulrike Docekal ist Expertin für Werbung und Sponsoring an Schulen für den VKI. Foto: Lisa Wölfl/MOMENT

Erst 2015 konkretisierte das Bildungsministerium das Gesetz. Praktiken, wie etwa Werbung während des Unterrichts wurden verboten. “Wir hatten etwa den Fall, dass Materialien für den Aufklärungsunterricht von Pharmafirmen gesponsert wurden, und die waren mit der jeweiligen Pillenmarke gebrandet. Das geht heute nicht mehr”, sagt Docekal. 2016 weichte das Bildungsministerium die Verbote teilweise wieder auf.

Kein Kläger, kein Richter

Der Spielraum für Werbung wurde zwar eingeschränkt, weil es aber nur generelle Richtlinien gibt, muss von Fall zu Fall entschieden werden. “Die endgültige Entscheidung treffen die DirektorInnen. Dafür müssen sie alle Gesetze kennen - das ist nicht immer der Fall”, sagt Docekal. Und wo es keine Beschwerden gibt, da gibt es auch keine Konsequenzen.

Wie viele Unternehmen mithilfe von Unterrichtsmaterialien an österreichischen Schulen Lobbyismus betreiben, ist nicht bekannt. Eine schnelle Recherche zeigt: Die fünf größten ATX-Unternehmen haben schon einmal Unterrichtsmaterial oder sonstige Kooperationen mit Schulen angeboten. Die Erste Bank hat einen ganzen Komplex gebaut, der kostenfrei von SchülerInnen besucht werden kann. Dazu gibt es Arbeitsblätter und sogar einen Podcast. Die OMV bot zumindest 2004 eine Lern-CD an. Voestalpine und Raiffeisen sind beim Brettspiel “Businessmaster” vertreten.

David gegen Goliath

Auch gemeinnützige Vereine und NGOs wollen ihre Inhalte im Unterricht platzieren, doch gibt es dabei einen großen Unterschied: das Budget. Die Deutsche Bank gab 2018 fast 10 Millionen Euro für Aktivitäten im Bildungssektor aus, die Deutsche Telekom Stiftung sogar mehr als 18 Millionen Euro. “Es ist schon frappierend, wie viel Geld Privatunternehmen in die Hand nehmen, um Unterrichtsmaterial zu entwickeln, Lehrkräfte fortzubilden und Schulen auszustatten”, sagt Engartner, “Das ist wie David gegen Goliath.”

Alle Aktionskarten sind mit dem Logo der Raiffeisen Bank versehen. Foto: Lisa Wölfl/MOMENT

Jedes Unternehmen kann in Österreich Unterrichtsmaterial anbieten, egal, ob die Informationen gefärbt, mit Werbung versehen oder schlichtweg falsch sind. Es gibt keine Qualitätssicherung.

Dass das auch anders geht, zeigt Deutschland. Dort finanziert der Bund den Materialkompass, für den ExpertInnen Unterrichtsmaterial mit Sternen bewerten. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2014 ergab, dass unter den rund 450 frei verfügbaren Unterrichtsmaterialien etwa die Hälfte bloß mit “ausreichend” oder sogar “mangelhaft” bewertet wurden.

Politischer Wille

Eine Möglichkeit wäre, einzelne Werbemöglichkeiten einfach konkret zu erlauben oder zu verbieten. Das würde Klarheit schaffen, einerseits für Lehrkräfte, andererseits für Eltern und natürlich für die Unternehmen.

Anderenfalls könnte man etwa Werbung an Schulen generell verbieten. Die Chancen dafür stehen aber schlecht, sagt Docekal: “Politisch ist dazu momentan nicht der Wille da.”

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