Eine sitzende Katze hat die Pfoten über ihr Gesicht gelegt.

"Geh bitte, oida!" - Bild: Сергей Корчанов/Pixabay

 
/ 1. September 2020

Für den Sozialpsychologen Karl Fallend sind Witze nicht harmlos. Vor allem dann nicht, wenn sie rassistische, sexistische, homophobe oder antisemitische Inhalte transportieren. 

Wenn wir einen Witz erzählen, wollen wir, dass unser Gegenüber darüber lacht. Wer den Inhalt eines Witzes jedoch hinterfragt, wird schnell als "SpaßverderberIn" abgestempelt. So geht es Karl Fallend, seitdem er sich näher mit Witzen beschäftigt. "Früher habe ich Witze gehasst. Jetzt interessieren sie mich umso mehr", sagt der Psychologe. Denn die Witze sagen oft viel mehr über uns aus, als uns lieb ist. Sie verweisen direkt auf das Unbewusste.

Witze dürfen Tabus aussprechen

Unsere Lieblingswitze sind eine Botschaft darüber, wie wir denken und welche Werte wir vertreten. In der bekannten Einleitung „Kennt ihr den?“ steckt für Fallend  auch immer die Frage: „Kennt ihr diesen Teil meines Unbewusstens, von dem ich euch erzählen möchte?“ Deshalb findet Fallend es nicht verwunderlich, dass Witze-ErzählerInnen mitunter aggressiv auf ihre KritikerInnen reagieren. Die Sache ist nur scheinbar harmlos, aber in Wahrheit zutiefst persönlich.

Witze dürften Tabus aussprechen, die in unserer Gesellschaft verpönt seien. Dinge, die man besser nicht im vollen Ernst sagen sollte, werden so "im Spaß"” offengelegt. Bedenklich seien deshalb vor allem Witze, die eine aggressive Tendenz haben. Ein Beispiel: judenfeindliche Witze. Sie seien ein Ausdruck einer nach wie vor antisemitisch geprägten Gefühlswelt. "Das öffentliche Tabu ist so groß, dass es einen Witz braucht, um die unterdrückte Aggression auszusprechen," sagt Fallend.

Keine Witze sind auch keine Lösung

Im Gegensatz dazu scheint es aber nicht immer gut zu sein, wenn über eine Gruppe keine Witze existieren. Fallend: "Mir ist noch kein Witz über Flüchtlinge untergekommen." Der Grund dafür sei aber nicht, dass es gegen diese Gruppe weniger Aggressionen gebe. Fallend vermutet sogar das Gegenteil: "Die Abneigung gegen Flüchtlinge wird gesellschaftlich toleriert. Es braucht keine Witze."

Aber: "Nicht alle, die antisemitische Witze erzählen, sind gleich Nazis oder Antisemiten", gibt Fallend zu bedenken. „Sie sind jedoch in einem antisemitisch geprägten Umfeld aufgewachsen.“ Witze, Floskeln – und sogar Kinderlieder – würden die unbewusste Abneigung gegen jüdische Menschen über Generationen am Leben erhalten. So verwenden wir auch heute noch Sätze, die von den Verbrechen der Nazis geprägt wurden. Und wenn wir sie nicht kritisch hinterfragen, können sie unser Denken auf negative Art beeinflussen.

Witze als Widerstand

Witze verfolgen zumeist eine aggressive Tendenz. Es kommt darauf an, gegen wen sich die Aggression richtet. So kann die Witzerzählung auch ein Akt des Widerstandes sein. Wenn sie sich eben gegen UnterdrückerInnen und Herrschende richtet.

In der Zeit des Nationalsozialismus richteten sich etwa sogenannte "Flüsterwitze" gegen das Verbrechensregime. Ein überliefertes Beispiel aus der Zeit, als die Niederlage der Nazis im Krieg langsam absehbar wurde, ist dieses:

Hitler, Goebbels und Göring sitzen in einem sinkenden Boot. Wer überlebt? Deutschland!

Anders als bei Halbstarken-Witzen gegen Minderheiten und Wehrlose musste man sich dafür wirklich etwas trauen. Wenn die falschen Leute zugehört haben, war so ein Witz für Erzählerin oder Erzähler ein lebensgefährliches Risiko. 

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