Pflegende Angehörige müssen sich oft auch um Kinder kümmern, in Oberösterreich startet nun ein Pilotprojekt, sie anzustellen

Pflegende Angehörige müssen sich oft auch um Kinder kümmern, in Oberösterreich startet nun ein Pilotprojekt, sie anzustellen

Foto: Polina Tankilevitch/Pexels

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/ 10. September 2021

Pflegende Angehörige geben oft vieles in ihrem Leben auf. Auch die finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit. Im Burgenland stellt das Land seit einiger Zeit Menschen einfach an - pünktlich vor der Landtagswahl startet trotz Widerstand der ÖVP auch in Oberösterreich ein Testprojekt. Es soll die Angehörigen entlasten. Aber hat dieser Ansatz Zukunft? Welche Probleme löst er? Welche nicht? 

Seit seiner Geburt vor 21 Jahren pflegt Simone ihren stark autistischen Sohn Marvin. Damit kann sie umgehen. Sie kann damit umgehen, dass sie Marvin nicht umarmen kann, weil er körperliche Nähe nicht erträgt, dass er aufgrund seines Autismus nicht sprechen kann, dass sie ihn rund um die Uhr betreut, ihre Beziehung daran scheiterte und sie auf ihre Karriere verzichten musste.

Womit sie jedoch nicht umgehen kann, ist das Pflegesystem, von dem Simone als Mutter eines Kindes mit Behinderung bisher wenig Unterstützung erhielt. „Mein Einkommen bestand 20 Jahre lang aus Notstandshilfe, Familienbeihilfe und Pflegegeld. Das waren insgesamt circa 1.100 Euro im Monat. Mit zwei Kindern wusste ich oft nicht, wie ich den Kühlschrank füllen soll“, erzählt die 50-Jährige.

Angestellte pflegende Angehörige: Das Oberösterreich-Modell

Mit 1. September, kurz vor der Landtagswahl am 26. September, startete in Oberösterreich nun ein Pilotprojekt, das speziell Menschen wie Simone anstellen und absichern soll.  Von Oberösterreichs Soziallandesrätin Birgit Gerstorfer (SPÖ) wird das als „wichtigen Meilenstein in Sachen Pflege“ bezeichnet. Das Projekt ist mit 1 Million Euro Budget und 30 unterstützen Familien aber vorerst noch klein. 

Vorbild ist das burgenländische Anstellungsmodell, für das 2020 5,4 Millionen Euro budgetiert wurden. Wie im Burgenland werden Angehörige beim Land (in Oberösterreich über den gemeinnützigen Verein IA) angestellt und pensionsversichert. Der Unterschied: In Oberösterreich fokussiert man sich auf pflegende Angehörige von Kindern mit Behinderungen zwischen 4 und 16 Jahren. 

So wie das Projekt selbst, läuft die Anstellung der Angehörigen ein Jahr lang. Geplant ist danach, dass das Modell ausgewertet und auf andere Pflegegruppen wie Senior:innen ausgeweitet wird. Ob es dazu kommt, ist ungewiss. Die in Oberösterreich starke ÖVP (Landtagswahlen 2015: 36,4 %) stimmte dem Start nach einigen Anpassungsforderungen erst spät zu.

Sie kritisiert das Anstellungsmodell vor allem bei der Pflege von Senior:innen. In einer Aussendung im Juli heißt es von Oberösterreichs ÖVP Landesgeschäftsführer Wolfgang Hattmannsdorfer, das Modell würde in der Altenbetreuung schnell an seine Grenzen stoßen.   Es gäbe im Burgenland blinde Flecken in Bezug auf „arbeitsrechtliche Fragen sowie Fragen der Betreuung außerhalb der Dienstzeiten.“ Die ÖVP will stattdessen zum Beispiel einen Pflege-Daheim-Bonus. Dieser sieht vor, den Angehörigen einen Aufschlag von 1.500 Euro jährlich zu zahlen.

Stärkere finanzielle Absicherung als bisher

Was das Anstellungsmodell im Gegensatz dazu auf den ersten Blick bringt, ist ein sichereres Einkommen. Bis August 2022 entlohnt das Land Oberösterreich Angehörige mit bis zu 1.966 Euro (brutto bei maximal 30 Arbeitsstunden).

Anders als beim burgenländischen Modell, wo bei einer Anstellung bis zu 90 Prozent des Pflegegeldes abgezogen werden, sind es in Oberösterreich 50 Prozent. "Das finde ich gerechtfertigt. Denn das Pflegegeld ist grundsätzlich dafür da, um die Pflege zu finanzieren, wer immer diese Pflege auch übernimmt", sagt SPÖ-Politikerin Gerstorfer. „Außerdem gibt es durch die Pensionsversicherung auch einen frauenpolitischen Aspekt. Viele Frauen, die ihre Kinder jahrelang pflegten, standen bisher im Alter ohne Pension da.“

Pflegende Angehörige leisten mehr als ein 30-Stunden-Job zahlt

Wer die Pflege übernimmt, dafür gibt es vor allem bei der Betreuung von Kindern mit Behinderungen meist keine Wahl. Oft sind es Mütter, die sich um ihre behinderten Kinder nicht selten ein Leben lang kümmern.

Den von Gerstorfer angesprochenen frauenpolitischen Aspekt sieht Heidemarie Staflinger von der Arbeiterkammer Oberösterreich deswegen auch von einer anderen Seite: „Man muss genau darauf achten, dass Frauen nicht aus der Erwerbstätigkeit und noch stärker in die Familien gedrängt werden. Männer könnten sich noch stärker aus der Verantwortung ziehen und starre Rollenbilder könnten fortschreiten.“  

Martin Nagl-Cupal, Pflegewissenschafter der Universität Wien erkennt das Modell als positiven Schritt in Richtung finanzielle Sicherheit, es gäbe jedoch einen Preis: "Es nimmt Druck heraus und ist in jedem Fall besser als nichts. Zu beachten ist aber, dass vor allem bei der Betreuung von Kindern mit Behinderungen die Betreuung ja nach 30 Stunden nicht aufhört. Man geht anders als wie bei einer wirklichen Anstellung nach der Arbeit ja nicht einfach nach Hause. Viele Familien leisten viel mehr, als sie bezahlt bekommen." 

Versteckte Kosten könnten entstehen

Hinzu kommt auch, dass Angehörige von Kindern mit Behinderungen ohnehin stärkere Zusatzausgaben für Medikamente, Therapien, Rollstühle und andere Geräte haben. Viele dieser Familien schlittern in die Armut oder sind auf Förderungen angewiesen, um über die Runden zu kommen. Simone etwa hat die Sorge, dass sie durch eine Anstellung und ein höheres Einkommen Fördergrenzen überschreiten könnte. Dann könnte sie etwa Medikamente oder die Tageswerkstätte für Marvin, für die jetzt großteils das Land aufkommt, selbst bezahlen müssten. 

Die Angehörigen müssen vorab eine Ausbildung für Alltagsbegleiter:innen absolvieren. Sie nimmt 152 Theorie- und 80 Praxis-Stunden in Anspruch. Laut Landesrätin Gerstorfer "ein geringes Stundenausmaß." Für Simone wäre das trotzdem nicht einfach: "Für die Betreuung während dieser Zeit müsste ich erst wieder eine externe Hilfe suchen, die ich selbst bezahlen muss." 

Was es brauchen würde

Ein Projekt wie in Oberösterreich eröffnet einen Diskurs, gibt eine gewisse Wertschätzung gegenüber der pflegenden Angehörigen sowie ein Stück mehr Absicherung. Aber Entlastung? "Entlastung ist hier relativ", sagt Nagl-Cupal. "Pflege passiert ja aufgrund von Liebe, um etwas zu geben oder zurückzugeben. Die emotionale Bindung, aber auch die Belastung bleiben bei der Anstellung gleich." Laut Nagl-Cupal wäre es wichtiger, die mobile professionelle Kinderpflege auszubauen, sodass Eltern im Alltag Unterstützung bekommen. 

Eine Entlastung wäre es für Simone echten Urlaub machen zu können. Die teils geförderten Angebote des Landes für Kuraufenthalte genügen ihr da nicht. Das Projekt in Oberösterreich sieht zwar 5 Wochen bezahlten Urlaub vor. Das ist aber eher eine arbeitsrechtliche Formalität. Denn von der Pflege eines Kindes kann man sich nicht einfach frei nehmen oder in Krankenstand gehen. Externe (Zusatz-) Betreuung finanziert das Projekt in dieser Zeit nicht.

Während Oberösterreich die Anstellungen startet, arbeitet Simone deshalb auch noch an einem eigenen Pilot-Projekt. Sie möchte Ferienwohnungen für andere Familien mit Kindern mit Behinderungen aufbauen. Sie sucht nach Bauern und Bäuerinnen, die einen leerstehenden Bauernhof dafür bereitstellen möchten. Dort soll es Betreuung für die Kinder, Aktivitäten für Jugendliche, Zeit zum Verschnaufen für die Eltern geben. Eine Möglichkeit, um gemeinsam mit dem Kind einmal aus dem anstrengenden Alltag auszusteigen. Ohne schlechtem Gewissen. Und das wäre nicht nur für Simone, sondern auch für Marvin eine echte Entlastung.

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