Polizist stalkt Ex-Freundin: Warum hassen alle Flock-Kameras?
„Had an abortion, search for female.“ Das schrieb ein Polizist aus Texas in ein Suchfeld und durchsuchte damit 83.345 Kameras aus 6.809 einzelnen Netzwerken. Die Suche reichte durch die gesamten USA, auch in Bundesstaaten, in denen Abtreibungen legal sind. Als der Fall öffentlich wurde, behaupteten die zuständige Polizeibehörde und der Kamera-Hersteller Flock, man habe lediglich nach einer vermissten Frau gesucht und sich um ihre Sicherheit gesorgt. Später veröffentlichte Gerichts- und Polizeiunterlagen zeigen allerdings: Die Behörde nannte es eine “Todesermittlung” wegen eines „nicht lebensfähigen Fötus“. Sie werteten Nachrichten der Frau aus und klärten mit der Staatsanwaltschaft, ob sie wegen der Abtreibung angeklagt werden könne. Die Staatsanwaltschaft kam schließlich zu dem Schluss, dass das texanische Gesetz eine Strafverfolgung der Frau in diesem Fall nicht zuließ.
Die Nutzung des Flock-Systems muss grundsätzlich nicht von einem Gericht genehmigt werden und so ist das auch in dieser Suche der Fall. Sie fiel nur deshalb auf, weil der Polizist ungewöhnlich offen in das Protokoll schrieb, wonach er suchte. Hätte dort nur „Ermittlung“ gestanden, wäre der wahre Zweck der Suche wesentlich schwerer zu erkennen gewesen und vielleicht nie öffentlich geworden.
Was sind Flock-Kameras?
Flock Safety ist ein privates US-Unternehmen, das KI-Überwachungstechnik an Polizeibehörden, Gemeinden, Schulen, Wohnanlagen und Unternehmen verkauft. Sein bekanntestes Produkt sind automatische Kennzeichenleser: kleine, meist solarbetriebene Kameras an Straßenrändern und Parkplatzeinfahrten. Sie zeichnen jedes Fahrzeug auf, das ihr Blickfeld passiert. Eine KI-gestützte Software liest das Kennzeichen und erkennt zusätzliche Merkmale wie Marke, Modell, Farbe, Fahrzeugtyp, Aufkleber oder sichtbare Schäden. Gemeinsam mit Ort und Uhrzeit wird daraus ein durchsuchbarer Datensatz. Die Aufnahmen werden standardmäßig 30 Tage gespeichert. Jedoch sind unter bestimmten Voraussetzungen auch längere Fristen möglich.
Die Kennzeichenkameras verwenden laut Flock keine Gesichtserkennung. Das bedeutet aber nicht, dass das System keine Menschen verfolgen kann. Wer weiß, welches Auto eine Person fährt, kann nachvollziehen, wann es vor einer Arztpraxis, einer Moschee, einem Gewerkschaftstreffen oder einer Abtreibungsklinik stand.
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Der Unterschied zu einer Verkehrskamera
Eine Radarkamera zeichnet dich auf, weil du gegen die Verkehrsordnung verstoßen hast. Sie dokumentiert einen konkreten Vorfall. Flock-Kameras erfassen dagegen alle vorbeifahrenden Fahrzeuge, unabhängig davon, ob jemand gegen ein Gesetz verstoßen hat oder überhaupt verdächtigt wird. Erst später entscheiden Behörden, nach welchem Kennzeichen oder Fahrzeug sie suchen.
Die Kameras sind über Flocks Plattform miteinander verbunden. Aus vielen lokalen Kameranetzen entsteht so eine landesweite Bewegungsdatenbank.
Wenn eine legale Fahrt verdächtig wird
Wie eine völlig legale Autofahrt nachträglich zum Verdacht wird, zeigt der Fall um Edward Abrams-Phillips. Im April 2025 nutzte die Polizei in Wisconsin Flock-Kamerabilder, um ihn auf seiner Fahrt nach Michigan und zurück zu verfolgen. In Michigan ist Cannabis legal, in Wisconsin nicht. Die Polizei hielt in den Gerichtsunterlagen fest, sein Fahrzeug fahre regelmäßig nach Michigan, einem „bekannten Herkunftsstaat für Marihuana“. Diese legalen Fahrten wurden Teil der Begründung, sein Auto nach der Rückkehr anzuhalten und zu durchsuchen.
In Madison Heights in Michigan ging die Überwachung noch weiter: Eine Cannabis-Verkaufsstelle musste als Voraussetzung für ihre Lizenz eine Flock-Kamera an der Einfahrt ihres Parkplatzes installieren und der Polizei Zugang zu den Daten gewähren. Als das Geschäft die Kamera mit einem „No Flock Zone“-Schild blockierte, drohte die Stadt innerhalb 48 Stunden mit Sanktionen. Daraufhin nahm das Geschäft das Schild runter und wies in einem offiziellem Statement seine Kund:innen auf die 32 “flock-free” Filialen in Michigan hin.
Flock-Kameras gegen Protestierende
Kennzeichenkameras erfassen nicht nur Menschen, die einer Straftat verdächtigt werden. Sie erfassen zwangsläufig auch Menschen, die ihre politischen Rechte ausüben. Die Menschenrechtsorganisation “Electronic Frontier Foundation” wertete mehr als zwölf Millionen Flock-Suchen von über 3.900 Behörden aus. Darunter fanden sich Hunderte Abfragen im Zusammenhang mit Demonstrationen, etwa den „Hands Off“- und „No Kings“-Protesten sowie Aktionen gegen Abschiebungen.
Polizisten stalkten ihre Ex-Partnerinnen
Jede Abfrage wird einem Account zugeordnet und kann nachträglich kontrolliert werden. Diese Protokolle zeigen inzwischen mehr als ein Dutzend Fälle, in denen Polizist:innen das System für private Nachstellungen verwendet haben.
Ein Beamter in Florida suchte das Kennzeichen seiner Ex-Freundin mindestens 69-mal. Das Auto ihrer Mutter suchte er mindestens 24-mal, jenes ihres Vaters 15-mal. Andere Beamte nutzten Flock ebenfalls, um Frauen aus ihrem persönlichen Umfeld zu verfolgen.
Ein Protokoll kann später zeigen, wer eine Frau überwacht hat. Es verhindert aber nicht, dass der Beamte davor bereits ihren Wohnort, ihren Arbeitsplatz und ihre täglichen Wege herausgefunden hat.
ICE findet Wege zu den Daten
Auch die US-Abschiebebehörde ICE profitierte vom Flock-Netzwerk. Öffentlich zugängliche Suchprotokolle zeigen, dass mehr als 4.000 Flock-Abfragen in Zusammenhang mit ICE oder Migration durchgeführt wurden. In den Suchgründen standen Angaben wie „ICE“, „immigration“ oder „ICE warrant“.
Teile des US-Heimatschutzministeriums hatten zeitweise auch direkten Zugang. Customs and Border Protection konnte während eines Pilotprogramms selbst mehr als 80.000 Kameras durchsuchen. Auch Homeland Security Investigations, eine Abteilung von ICE, testete das System. Flock erklärt, diese Pilotprogramme im August 2025 beendet zu haben. Bundesbehörden seien seither aus den landesweiten Suchfunktionen entfernt und könnten nur noch Zugriff erhalten, wenn eine lokale Stelle ihre Daten ausdrücklich freigibt.
Peter Thiels Investmentnetzwerk verdient mit
Ein antidemokratischer, privater Technologiekonzern, der Menschen überwacht und Behörden wie ICE in die Karten spielt - vermutlich ist hier niemand überrascht, dass das Unternehmen Verbindungen zu Peter Thiel aufweist. Der beteiligte sich mit einem Großteil der Anfangsinvestitionen, die Flock überhaupt erst den Startschuß lieferten.
Was hat Flock dazu zu sagen?
Flock weist den Vorwurf der Massenüberwachung zurück. Das Unternehmen betont, seine Kameras würden nur Fahrzeuge erfassen, die auf öffentlichen Straßen ohnehin sichtbar seien. Die klassischen Kennzeichenkameras verwendeten keine Gesichtserkennung, Daten würden standardmäßig nach 30 Tagen gelöscht und jede Suche protokolliert. Flock verweist auf Fälle, in denen gestohlene Autos gefunden, vermisste Menschen lokalisiert oder Tatverdächtige nach schweren Gewaltverbrechen festgenommen wurden.
Warum ist Flock in den USA möglich?
In den USA gibt es kein einheitliches, umfassendes Bundesgesetz für automatische Kennzeichenleser. Regeln zu Speicherfristen, Datenweitergabe und richterlicher Genehmigung unterscheiden sich je nach Bundesstaat und Gemeinde.
Dazu kommt ein Rechtsverständnis, nach dem ein Kennzeichen auf einer öffentlichen Straße grundsätzlich sichtbar ist. Eine einzelne Beobachtung eines Autos gilt deshalb nicht automatisch als Eingriff in die Privatsphäre.
Flock verändert jedoch den Maßstab. Polizist:innen sehen nicht zufällig ein Fahrzeug an einer Kreuzung. Sie können rückwirkend Zehntausende automatisierte Beobachtungen durchsuchen und daraus ein Bewegungsprofil zusammensetzen, ganz ohne Durchsuchungsbefehl. Ob und ab welchem Umfang das die US-Verfassung verstößt, wird von Gerichten bisher unterschiedlich bewertet.
Wie so oft also, ist die Technik schneller etabliert als die Gesetze, die sie regulieren sollen.
Auch in Österreich gibt es automatische Kennzeichenerkennung, bei der Autos ohne vorherigen Verkehrsverstoß erfasst werden können. Der entscheidende Unterschied zu Flock: Das Kennzeichen muss hier unmittelbar automatisch mit Fahndungsdatenbanken abgeglichen werden. Gibt es keinen Treffer, müssen die Daten sofort wieder gelöscht werden. Ein wochenlang durchsuchbares Archiv der Bewegungen unverdächtiger Autos, wie bei Flock, ist nach dieser Regelung nicht vorgesehen. Personen, die auf den Bildern mitaufgenommen werden, müssen außerdem unkenntlich gemacht werden.
Ziviler Widerstand gegen die Flock-Kameras wächst
In den USA wächst der Widerstand gegen Flock und die Kameras. Die Bürgerrechtsorganisation ACLU hat die Kampagne „Get the Flock Out“ gestartet. Sie unterstützt Gemeinden dabei, Verträge offenzulegen, neue Kameras zu verhindern und strengere Regeln für Speicherung, Weitergabe und polizeiliche Nutzung durchzusetzen. Mehr als 80 Kommunen hatten Verträge gekündigt, abgelehnt oder neu überdacht.
Daneben werden Kameras illegal beschädigt, mit Farbe besprüht oder abgesägt. Der Guardian dokumentierte mindestens 33 solcher Fälle in 23 Bundesstaaten. Ende Juli verschwanden in Winona im Bundesstaat Minnesota schließlich alle acht Flock-Kameras der örtlichen Polizei. Unbekannte hatten die Masten durchgesägt und die Geräte mitgenommen. Übrig blieben nur die abgetrennten Pfosten.
Zu aller Ironie verbreitet die Google-AI seit kurzem die Falschinformation über die angebliche Menge an Gold und anderen wertvollen Metallen innerhalb der Kameras. Ob damit ein KI-System dazu beiträgt, ein anderes zu zerstören, soll mal dahingestellt werden.
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