Lebensmittelverschwendung: Die Daten sind da, die Politik wartet

Auslöser war das Volksbegehren „Essen nicht wegwerfen". 127.000 Menschen forderten darin 2024 unter anderem strengere Regeln für den Umgang mit überschüssigen Lebensmitteln. Der Nationalrat behandelte daraufhin die Initiative und forderte Mitte 2025 die Bundesregierung zum Handeln auf - einstimmig.
So ein Entschließungsantrag ist ein politisches Signal, rechtlich ist er nicht bindend. Auf die Frage, was seither wirklich passiert ist, sagt das zuständige Ministerium zu MOMENT.at: Es wird Bestehendes evaluiert und überarbeitet, was vorher schon da war. Weder die Überarbeitung des Aktionsplans für nachhaltige öffentliche Beschaffung noch ein EU-gefördertes Projekt zu Lebensmittelabfällen im Großhandel entstanden nach dem Parlaments-Antrag und Volksbegehren.
Verantwortlich für das Thema ist Norbert Totschnig (ÖVP). Die bisherige Untätigkeit erklärt sein Umweltministerium (BMLUK) damit, dass der Entschließungsantrag „keine gesetzlichen Maßnahmen" vorsehe – „daher besteht auch kein Zeitplan für eine gesetzliche bzw. legistische Umsetzung“. Einen Zeitplan könnte das Ministerium sich natürlich auch selbst setzen.
Denn der politische Handlungsdruck wächst. Die Europäische Union verpflichtet ihre Mitgliedstaaten inzwischen zu verbindlichen Zielen bei der Verringerung von Lebensmittelabfällen bis 2030. Österreich muss die Richtlinie bis spätestens 17. Juni 2027 in nationales Recht umsetzen und seine Programme zur Lebensmittelabfallvermeidung bis 17. Oktober 2027 überprüfen und aktualisieren. Welche zusätzlichen Maßnahmen dafür gesetzt werden, hat die österreichische Politik bislang jedoch nicht beantwortet.
Lebensmittelverschwendung entsteht bei weitem nicht nur bei einzelnen Menschen, zeigt sich in der Praxis. Sozialorganisationen berichten von steigender Nachfrage nach Lebensmittelhilfe, während gleichzeitig überschüssige Lebensmittel nicht immer dort ankommen, wo sie dringend gebraucht würden. Umweltorganisationen kritisieren fehlende politische Gesamtstrategien. Selbst Handelsunternehmen räumen ein, dass die erst seit 2023 verpflichtende Datenerhebung über die Abfälle bisher kaum Auswirkungen auf ihre Abläufe hatte – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Mehr Daten – aber was folgt daraus?
Lange fehlte in Österreich ein systematischer Überblick darüber, welche Mengen an Lebensmittelabfällen und Weitergaben bei großen Handelsunternehmen tatsächlich anfielen. Seit 2023 müssen bestimmte große Unternehmen des Lebensmittelhandels ihre Lebensmittelabfälle sowie die Weitergabe überschüssiger Lebensmittel quartalsweise an das Ministerium melden. Ziel der Meldepflicht ist es, eine belastbare Datengrundlage zu schaffen, auf deren Basis politische Maßnahmen entwickelt und deren Wirkung künftig überprüft werden können.
Für das erste Quartal 2026 gingen laut BMLUK Meldungen über 14.950 Tonnen Lebensmittelabfälle und 5.795 Tonnen weitergegebene Lebensmittel ein. Das liegt leicht unter dem Quartal davor (aus rund 4.200 Verkaufsstellen wurden 15.416 Tonnen Lebensmittelabfälle und 6.241 Tonnen weitergegebene Lebensmittel gemeldet).
Zahlen mit fragwürdiger Aussagekraft
Ob diese Zahlen bereits genügen, um politische Entscheidungen zu begründen, wird unterschiedlich bewertet. „Es gibt noch keine einheitliche Methodik, nach der der Handel meldet. Dadurch sind die gemeldeten Zahlen nicht wirklich aussagekräftig", sagt Dominik Heizmann, Programmmanager für nachhaltige Ernährung beim WWF Österreich. Denn deshalb können die Zahlen derzeit nur bedingt zeigen, ob Maßnahmen tatsächlich Wirkung entfalten.
Wann immer Unternehmen etwas an den Staat melden müssen, folgt meist ihr Protest. Auch die Daten zu Lebensmittelabfällen sind keine Ausnahme. „Diese Daten haben nichts bewirkt. Sie sind einzig und allein ein zusätzlicher bürokratischer Aufwand“, sagt SPAR-Unternehmenssprecherin Nicole Berkmann. Der Handel wolle ohnehin schon genug tun. SPAR verweist darauf, bereits seit vielen Jahren eigene Maßnahmen gegen Lebensmittelverschwendung umzusetzen – daran habe die gesetzliche Meldepflicht nichts geändert. Ähnlich argumentieren auch BILLA und Lidl Österreich: Beide betonen, entsprechende Maßnahmen unabhängig von der seit 2023 geltenden Berichtspflicht zu setzen, die sie vor allem als zusätzlichen administrativen Aufwand beschreiben. Was sie intern konkret verändert hätten, führen die drei Unternehmen nicht auf die Meldepflicht zurück.
Für den WWF zeigt sich darin ein grundsätzliches Problem: Daten allein verringern eben noch keine Lebensmittelverschwendung. Entscheidend sei, welche politischen Konsequenzen daraus gezogen würden. Genau hier sieht die Umweltorganisation bislang eine Lücke. Österreich habe bisher kein System, um Maßnahmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu verbinden: von der Ernte über den Transport und Handel bis zum Teller.
Wenn Lebensmittel nicht dort ankommen, wo sie gebraucht werden
Was die politische Debatte in der Praxis bedeutet, erlebt Alexandra Gruber jeden Tag. Als Geschäftsführerin der Tafel Österreich koordiniert sie gemeinsam mit ihrem Team die Weitergabe überschüssiger Lebensmittel an soziale Einrichtungen. Sie handelt also dort, wo unser politisches und wirtschaftliches System versagt: rund 85.000 von Armut betroffene Menschen werden derzeit über etwa 170 Einrichtungen in ganz Österreich mit Lebensmitteln versorgt.
Der Bedarf an Lebensmittelhilfe steige seit Jahren – getrieben durch die Teuerung, sagt Gruber. Immer weniger Spenden kommen aus dem Handel. Das habe auch positive Gründe: Supermärkte haben ihre Bestell- und Warenwirtschaftssysteme verbessert und dadurch Überschüsse abgebaut. Für Organisationen wie die Tafel bedeute das jedoch, dass sie Lebensmittel heute aufwändiger aus unterschiedlichen Quellen beschaffen müssen – etwa aus der Landwirtschaft und von Großmärkten.
Dabei sind längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Gerade in Betriebsküchen, Kantinen oder Cateringbetrieben bleiben jeden Tag große Mengen verzehrfähiger Speisen übrig, sagt Gruber. Davon könnten noch viel mehr weitergegeben werden. Die Tafel schätzt das Potenzial auf zusätzlich rund 200.000 Tonnen Lebensmittel pro Jahr.
Warum das bisher nicht passiert? Rechtliche Unsicherheiten entlang der Lieferkette sind für Gruber das Problem. „Der Caterer sagt natürlich: Ich garantiere dafür, dass die Ware gut ist, wenn ich sie übergebe. Aber ich sehe nicht, wo sie dann wann und wie weitergeht." Viele Unternehmen scheuten deshalb die Weitergabe überschüssiger Speisen, auch wenn das Lebensmittelrecht nicht dagegen spricht. Gruber sieht eine Haftungserleichterung als mögliche Maßnahme.
Bestätigt wird sie von einem Partnerbetrieb aus der Gemeinschaftsverpflegung. Sodexo Österreich und die Tafel Österreich testen derzeit an drei Wiener Standorten die Lebensmittelweitergabe. Weitergabe, Transport und Kühlkette seien eine Herausforderung. Haftungsfragen und die Dokumentation entlang der Kette müssten eindeutig geregelt sein – und einfacher, urteilt Sodexo. Andere geben aufgrund dieses Aufwands und der Verantwortung für die Lebensmittelsicherheit derzeit keine Lebensmittel weiter – das sagt etwa das Universitätsklinikum des AKH Wien. Bereits an Stationen gelieferte Speisen, die übrigbleiben, dürften zum Beispiel gar nicht mehr weitergegeben werden.
Während sich das Problem in Kantinen und Caterings eher im Verborgenen abspielt, sucht eine andere Branche in der Debatte demonstrativ die Öffentlichkeit: der Handel.
Die politische Verantwortung ist klar – die nächsten Schritte nicht
Der Lebensmittelhandel verweist auf zahlreiche Maßnahmen, mit denen Lebensmittelabfälle bereits heute vermieden werden. SPAR, BILLA und Lidl nennen unter anderem digitale Bestellsysteme, Preisrabatte kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums, Kooperationen mit Sozialorganisationen sowie Initiativen wie Rettersackerl oder den Verkauf von Obst und Gemüse mit optischen Mängeln. BILLA gab an, 2025 gemeinsam mit PENNY Lebensmittel im Ausmaß von mehr als 25 Millionen Mahlzeiten für soziale Zwecke bereitgestellt zu haben. Lidl Österreich nennt rund 1,6 Millionen Kilogramm gespendete Lebensmittel. SPAR verweist auf die Zusammenarbeit mit Sozialmärkten, die seit mehr als 20 Jahren besteht.
Was der Handel zu weiteren Gesetzen sagt? BILLA wolle „entsprechende Vorschläge „zu gegebener Zeit sorgfältig prüfen“. Lidl will dazu nichts sagen. SPAR lehnt ein Verbot der Vernichtung noch genießbarer Lebensmittel ab. Niemand im Handel habe ein Interesse daran, Lebensmittel wegzuwerfen. Zudem entstehe ein großer Teil der Lebensmittelabfälle nicht im Handel, sondern in Haushalten, Gastronomie und Industrie.
Statistisch stimmt das, trotzdem braucht es Einordnung. Denn auch für Haushalte und Gastronomie würde das Argument gelten, dass niemand ein Interesse daran hat, Lebensmittel wegzuwerfen.
Was die Statistik nicht zeigt
Nur weil ein Haushalt Lebensmittel wegwirft, hat er das ursprüngliche Problem eben nicht verursacht. Wenn im Handel Lebensmittel nur in Verpackungen mit zu viel Inhalt angeboten werden, oder nur in großen Mengen billiger sind, landet der Müll zuhause – aber der Grund liegt im Ladenregal. Das sagt auch Gabriele Zgubic-Engleder, Leiterin der AK-Abteilung Konsumentenpolitik. Insbesondere vorgegebene Mengen, aber auch Mengenaktionen bei leicht verderblichen Produkten, XXL-Angebote und abgepacktes Obst und Gemüse verleiten Konsument:innen, mehr zu kaufen, als sie verbrauchen können.
Die Verantwortung des Handels geht auch für Umweltschutzorganisationen über die direkt dort anfallenden Abfälle. Der WWF verweist darauf, dass Produktanforderungen, Lieferverträge und Vermarktungsstrategien entlang der gesamten Wertschöpfungskette wirken können. Dazu zählen etwa optische Anforderungen an Obst und Gemüse, durch die ein Teil der Ernte im Müll landet, bevor er je in den Verkauf gelangt. „Auch freie Retouren bei Backwaren werden der Produktion zugerechnet, obwohl sie als Überschüsse im Handel anfallen“, heißt es von der Umweltschutzorganisation über die Fallstricke der Statistik, auf die der Handel gerne verweist.
Was machen andere Länder?
Aus Sicht des WWF fehle Österreich eine Gesamtstrategie, die Produktion, Handel, Außer-Haus-Verpflegung und Konsum gemeinsam betrachtet. Andere Länder gehen das Problem konkreter an. Frankreich verpflichtet seit 2016 größere Supermärkte dazu, genießbare Lebensmittel weiterzugeben. Lebensmittel dürfen nicht absichtlich unbrauchbar gemacht werden. Tschechien führte 2018 eine vergleichbare Spendenpflicht für größere Handelsbetriebe ein.
Italien setzt an einem anderen Punkt an: Statt einer Spendenpflicht wurden bürokratische Verfahren vereinfacht, steuerliche und kommunale Anreize für Lebensmittelspenden geschaffen und rechtliche Unsicherheiten für Spender:innen verringert. Die Lebensmittelspenden nahmen seither um rund 20 bis 30 Prozent zu.
Gemeinsam haben die drei Ansätze, dass sie – anders als in Österreich – über reine Datenerhebung hinausgehen und konkrete rechtliche oder finanzielle Anreize beziehungsweise Verpflichtungen für den Umgang mit überschüssigen Lebensmitteln schaffen.
Alte Ideen, neu verkauft
Österreich verfolgt bislang einen anderen Ansatz. Das Ministerium verweist vor allem auf Evaluierungen, Förderungen und Pilotprojekte – etwa den Aufbau der Plattform „Kostbar Markt“, die Lebensmittelspender mit sozialen Einrichtungen vernetzen soll. Die Plattform wurde von Minister Totschnig erst kürzlich mit einem Kick-off „offiziell gestartet“. In der Pilotphase konnten rund 824 Tonnen Lebensmittel vermittelt werden.
Kommt also doch endlich Bewegung in die Politik? Das könnte man meinen - fast. Bei genauerem Blick hat sich die ÖVP allerdings schon in der Parlamentsdebatte zum „Essen nicht wegwerfen“-Volksbegehren auf den „Kostbar Markt“ berufen. Denn auch diese Idee ist nicht neu, sondern war schon unter dem Klimaministerium von Leonore Gewessler (Grüne) in Vorbereitung. „Ohne gesetzliche Vorgaben wird auch eine Vermittlungsplattform keinen grundsätzlichen Wandel im Umgang mit Lebensmittelüberschüssen bringen“, sagt der WWF dazu.
127.000 Unterzeichner:innen des Volksbegehrens, ein einstimmiger Antrag im Parlament und der Hausverstand, dass Lebensmittel nicht im Müll landen sollen, würden sich endlich auch einige neue Antworten verdienen.









