Praktikum in der Pflege: “Eine Frechheit!”: Eine Pflegerin in grünem Anzug sitzt erschöpft an einem Klinik-Gang

Vladimir Fedotov via unsplash.com

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/ 18. Mai 2022

250 Stunden Arbeit und mehr pro Semester im Pflegepraktikum, Lohn gibt es aber keinen. Studierende im Gesundheitsbereich müssen Pflichtpraktika in Krankenhäusern und Pflegeheimen absolvieren. Dabei arbeiten sie oft eigenständig und ohne Aufsicht. MOMENT.at hat mit Studierenden gesprochen und sie nach ihrer Situationbefragt.

“In der Früh war ich fürs Essen und die Medikamentenversorgung der Patient:innen zuständig. Ich musste sie waschen, umziehen, mobilisieren und ihre Inkontinenz-Unterwäsche wechseln. Während Corona war ich außerdem enge Bezugspartnerin für die Patient:innen. Sie hatten wenig Besuch und ich habe mich um ihre Anliegen und Probleme gekümmert, mir alles angehört. Das habe ich ab der zweiten Woche alles alleine gemacht.” Eine junge Praktikantin berichtet von ihren Erfahrungen in einem Pflegeheim. Dort absolvierte sie ihr erstes Pflichtpraktikum für ihr Bachelorstudium an einer Fachhochschule für Gesundheitsberufe. Das war am Ende ihres ersten Semesters. “Ich war schon ziemlich überfordert”, äußert sich die Studentin gegenüber MOMENT.at. “Und bezahlt bekam ich auch nichts.”

Die Crux mit dem Ausbildungsverhältnis

Studierende im Gesundheitsbereich müssen ein gewisses Ausmaß an Pflichtpraktika absolvieren. Etwa einen Monat pro Semester verbringen sie so in Betrieben, um dort die Arbeit mit Menschen hautnah zu erleben und von den erfahrenen Pfleger:innen zu lernen. Dabei sollen sie eine möglichst große Bandbreite an Stationen und Einrichtungen durchlaufen: Von der Altenpflege über die Chirurgie bis hin zur Geriatrie - Studierende sollen so eine gute Grundlage für ihr späteres Berufsleben aufbauen. 

Für ihre Praktika bekommen sie so gut wie nie etwas bezahlt. Pflegepraktika werden als Ausbildung betrachtet. In Ausbildungsverhältnissen steht der Lern- und Ausbildungszweck im Vordergrund. Die Praktikant:innen dürfen demnach nicht in den betrieblichen Ablauf bzw. Organisation eingebunden werden. Außerdem müssen Praktikant:innen in einem Ausbildungsverhältnis nur jene Tätigkeiten ausführen, die sie für die Ausbildung als relevant erachten. 

Pflege: Praktikantin als Arbeitskraft

Für einen Studenten im 4. Semester passt das alles nicht zusammen: “Lediglich ein Sechstel meines Praktikums ist richtige Ausbildung. Den Rest davon arbeite ich wie eine normale Arbeitskraft. Bezahlt bekomme ich dafür nichts, obwohl ich ja eigentlich arbeite.” Ähnliches berichten uns auch drei andere Studierende. Niemand von ihnen hat je etwas dafür bekommen, dass Sie den Pfleger:innen Arbeit abnehmen. Eine Studentin berichtet uns sogar, dass sie einmal einen vollen Dienst einer Pflegerin übernehmen musste: “Ich wurde als Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin eingesetzt, obwohl ich noch mitten in der Ausbildung stand.” 

Das alles dürfte so nicht sein. MOMENT.at hat die Verantwortlichen beim in dem Fall betroffenen Wiener Gesundheitsbund mit den Vorwürfen konfrontiert. Diese negieren, dass Studierende Arbeitskräfte teilweise ersetzen würden. Weiter heißt es: “Die Tätigkeiten richten sich nach dem Ausbildungsstand der Auszubildenden und erfolgen erst unter Anleitung, im zweiten Schritt unter Aufsicht und im nächsten Schritt selbständig. Dies entspricht dem Ausbildungskonzept.”

Arbeitsverhältnis statt Ausbildungsverhältnis

Die Aussagen des Gesundheitsverbunds sind nur schwer mit den Beobachtungen der Studierenden vereinbar. Denn: Ihren Aussagen nach zu urteilen, liegt ein Arbeitsverhältnis vor. Damit wäre eigentlich eine Entlohnung nach Kollektivvertrag vorgesehen. Mit ihren Tätigkeiten nehmen die Praktikant:innen den Pfleger:innen nämlich Arbeit ab und sind somit Teil des Organisationsablaufs. 

“Teilweise musste ich auch Infusionen wechseln und Blut abnehmen. Dabei war ich ganz alleine”, so eine Studentin, die auch schon ein Praktikum auf einer Krebsstation absolviert hat. Damals sei sie mit der Situation oft sehr überfordert gewesen: “Eine Pflegerin sagte mir damals, ich solle einem Patienten ohne Aufsicht Zytostatika spritzen. Das sind Krebsmedikamente. Wenn die Flüssigkeit ihr Ziel verfehlt und in Gewebe gelangt, kann das Gewebe absterben. Ich habe dann gesagt, dass ich mich das nicht traue.”

Pflege: Umgang mit Praktikant:innen

Um genau solche Situationen zu vermeiden, sind auf jeder Station eigens ausgebildete Pflegekräfte, die im Umgang mit Auszubildenden geschult sind. Einige Studierende berichten uns davon, dass diese am Ort ihres Praktikums aber nicht vorhanden waren. “Man hat uns gesagt, dass die Person mit Praxisanleiter-Ausbildung auf Urlaub ist oder dass generell niemand diese Ausbildung hat”, so eine Studentin. 

Eine Studienkollegin machte ähnliche Erfahrungen: “Oft wusste das Stationspersonal nicht einmal, dass jetzt Praktikant:innen zu ihnen kommen.” Auch hierzu hat MOMENT.at die Verantwortlichen befragt. ”Auf allen Stationen verrichten Pflegekräfte Dienste, die die Weiterbildung zur Praxisanleitung absolviert haben”, heißt es vonseiten eines zuständigen Sprechers.

Einige Betroffene erzählen uns auch, dass ihnen aufgetragen worden sei, die Räumlichkeiten zu putzen. “Du sitzt ja nur herum. Frag einmal die Putzfrau, ob sie Hilfe braucht”, soll eine Studentin einmal zu hören bekommen haben. Doch das sei nicht der Sinn und Zweck des Praktikums, so die Studentin. Auch hierzu gibt der Wiener Gesundheitsverbund eine Stellungnahme ab: “Keine Auszubildenden werden als Putzkräfte eingesetzt!”, heißt es da.

Neben vielen negativen Beispielen berichten uns Betroffene aber auch immer wieder von Praktika, in denen der Umgang mit Praktikant:innen toll und das Betreuungsverhältnis professionell war. “Auf meinen Stationen waren immer Praxisanleiter:innen. Viele Pfleger:innen sind oft sehr gestresst, der Umgang ist deswegen auch manchmal etwas rau. Grundsätzlich war das gegenseitige Verhältnis aber immer wertschätzend”, berichtet uns ein 23-jähriger Student. 

Pflegepraktikum: Finanziell sehr angespannt

Die befragten Studierenden berichten uns allesamt, dass sie während ihres Studiums von ihren Eltern unterstützt werden. “Nebenbei arbeite ich auch als Tester in einer Apotheke”, erzählt uns ein Student. Ertragreichere Nebenjobs sind den Studierenden aber nicht möglich. Sie arbeiten ja schon im Pflegepraktikumraktikum. “Wir sind fast den ganzen Tag auf der FH, für Prüfungen lernen müssen wir auch. Auch in der Praktikumszeit müssen wir abends und an Wochenenden lernen”, erzählt uns eine Studentin. “Ein ordentlicher Lohn für das Praktikum wäre deswegen auch fair! Alles andere ist eine Frechheit!”

Glaubt man den Ankündigungen der Bundesregierung, soll sich hier auch etwas ändern. Auszubildende in der Pflege sollen künftig 600€ pro Monat bekommen. Das soll auch für die Praktikumsmonate gelten. “Das wäre so eine Erleichterung”, gibt uns eine Studentin zu verstehen. Eine andere fordert darüber hinausgehend die Abschaffung des FH-Beitrags. Studierende an Fachhochschulen müssen nämlich 363€ Studienbeitrag pro Semester leisten. Dieser sei angesichts der finanziell angespannten Lage vieler Studierender eine hohe Belastung.

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