Ein weißes Mädchen und ein Mädchen mit schwarzer Hautfarbe blicken direkt in die Kamera.

Krankheiten sehen auf dunkler Haut oft ganz anders aus, als auf weißer. Überhaupt können sie viel leichter übersehen werden. In der Medizinlehre wird darauf viel zu wenig eingegangen: Die meisten Bücher zeigen fast nur Beispiele anhand weißer PatientInnen. Ein Medizinstudent aus London will das nun ändern: Credit: Pexels.com/Anna Shvets

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/ 22. September 2020

Ein Londoner Medizinstudent will auf ein großes Problem im Gesundheitssystem aufmerksam machen: In Fachlehrbüchern oder bei Vorlesungen werden meist nur Fotos von weißen PatientInnen gezeigt. Tatsächlich können Krankheiten auf unterschiedlichen Hautfarben ganz anders aussehen. Seine neue Plattform soll aufklären.

 

Schon zu Beginn des Studiums machte der Londoner Medizinstudent Malone Mukwende eine Entdeckung, die ihn verstörte: In allen Lehrbüchern waren fast ausschließlich weiße Patienten zu sehen, anhand derer typische Krankheitsbilder erklärt wurden. Mukwende ist selbst ein Schwarzer und fragte sich schnell: “Würde ich diese Krankheiten an mir selbst diagnostizieren können? Würden andere Ärzte sie problemlos erkennen und würde ich dann die schnellste und beste Behandlung erhalten?” Die Antwort war klar: Nein.

 

Patienten mit dunkler Hautfarbe nachweislich schlechter medizinisch versorgt

Viele Symptome, die JungärztInnen im Studium lernen, sind an dunkler Hautfarbe gar nicht zu erkennen: Bei Menschen mit heller Hautfarbe deuten etwa blaue Fingerkuppen auf einen niedrigen Sauerstoffgehalt im Blut hin, oder eine gelbe Hautfarbe auf Leberprobleme. Innere Blutungen können sich an Blässe äußern, bei Menschen mit dunkleren Hauttönen müssen Ärzte hier die Augenlider oder das innere des Mundes untersuchen - doch das wissen viele nicht. 

Auch die Überlebensraten nach einer Hauptkrebserkrankung sprechen in den USA für sich: Bei Patienten mit heller Hautfarbe hat  sich die 5-Jahres-Überlebensrate seit den 1970ern von 68 auf 90 Prozent verbessert, bei Schwarzen  nicht. 

 

Unterschiedliche Krankheitsbilder bei dunkler Hautfarbe: Unwissen kann tödlich sein

Mukwende erklärt gerne anhand der sogenannten Kawasakii-Krankheit, wie fatal sich mangelndes Wissen auswirken kann. Dabei handelt es sich um eine Entzündungskrankheit, die vor allem bei Kleinkindern auftritt: Neben starkem Fieber und Schnupfen tritt ein Ausschlag ähnlich wie bei Masern auf - der jedoch bei heller Hautfarbe ganz anders aussieht als auf dunkler. Eine Fehldiagnose oder Verzögerung der Behandlung kann in diesem Fall tödlich sein.

 

Der typische Ausschlag, den die Kawasaki-Krankheit auslöst, ist auf heller Haut viel einfacher zu diagnostizieren. 

Lehre fokussiert auf PatiententInnen mit weißer Hautfarbe

Eine Untersuchung von vier US-amerikanischer Medizinlehrbüchern, die zur Standardliteratur gehören, ergab bereits im Jahr 2018, dass nur jedes zwanzigste Foto Menschen mit dunkler Hautfarbe zeigt. In der US-Bevölkerung stellen sie jedoch rund ein Drittel. Der Vorteil liegt sprichwörtlich auf der Hand: Auf weißer Haut sind Ausschläge oder Rötungen eben einfacher zu sehen. Auf dunklerer Hautfarbe sind sie dann aber noch schwerer zu diagnostizieren, wenn StudentInnen sie nie zu Gesicht bekommen haben.

 

Lehrbuch entstand in Freizeit

Als Mukwende erfuhr, dass sogar afrikanische Medizinstudenten in ihren Lehrbüchern fast nur Abbildungen mit weißen Patienten vorfanden, war er so schockiert, dass er etwas tun wollte. Er suchte um ein Stipendium an und schrieb mit zwei Co-Autoren ein Handbuch, das klinische Symptome auf verschiedenen Hauptfarben zeigt. Für den Medizinstudenten hat das Projekt auch eine symbolische Bedeutung: “Es ist mehr als nur ein Handbuch. Es ist eine Bewegung um etwas zu verändern.” Das Buch kann im Internet kostenlos heruntergeladen werden.

 

Neue Plattform vernetzt Wissen

Bei dem Buch ist es nicht geblieben. Mukwende hat nun eine Internet-Plattform ins Leben gerufen, auf der sich ÄrztInnen vernetzten und Fotos hochladen können. Weiters können Patienten mit dunkler Hautfarbe ihre Krankheitsgeschichten teilen, die viele Fehldiagnosen erlebt haben oder deren Symptome bis heute ungeklärt blieben. Es soll eine weltweite Datenbank entstehen, die ständig aktualisiert wird. Auch die Corona-Krise soll beleuchtet werden, denn die Pandemie hat in den USA überproportional Schwarze Menschen getroffen. Die Plattform soll helfen, für sie besser Diagnosen zu entwickeln.

 

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