Eine Frau mit Mund-Nasen-Schutz blickt in die Kamera und hat die Arme hinter dem Kopf zusammengeschlagen.

Die Corona-Krise trifft Menschen, die im Schatten arbeiten - für sie gibt es keine Hilfsfonds. Engin Akyurt, Unsplash

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/ 8. Mai 2020

Während der Corona-Krise haben Hunderttausende Menschen ihren Job verloren, Unternehmen kämpfen ums Überleben. Eine Gruppe steht allerdings komplett alleine da - Menschen, die unangemeldet in der Schattenwirtschaft arbeiten. Für sie gibt es kein Auffangnetz. Wir haben eine Putzkraft, einen Fußballer und eine Gesangslehrerin gefragt, wie es ihnen geht.

Carla* arbeitet illegal als private Putzkraft neben ihrer Babykarenz. Seit Mitte März hat sie zwei der drei Haushalte verloren, für die sie bisher regelmäßig gearbeitet hat. "Sie haben Angst vor Corona und durch Kurzarbeit selber weniger Geld", sagt sie. Auch Carla macht sich Sorgen, gehört sie doch selbst wegen einer schweren Vorerkrankung zur Risikogruppe.

Putzkräfte und Fußballspieler - Schattenarbeit hat viele Gesichter

Seit kurzem geht sie trotzdem wieder putzen: "Wir brauchen das Geld." Doch die Konkurrenz ist seit der Krise groß, beobachtet Carla. "Es sind sehr viele Menschen auf der Suche nach einem Putzjob. Ich habe auf einige Anzeigen geantwortet, alle Jobs waren aber schon vergeben." Außerdem wird schon jetzt der Preis gedrückt, erzählt sie. Von mindestens 10 Euro die Stunde vor der Krise auf rund 8 Euro. Eigentlich hat Carla zwei legale Jobs, sie befürchtet allerdings, dass diese wegen der Krise in Gefahr sind. "Ich bin verzweifelt", sagt sie, "Vielleicht muss ich bald zum ersten Mal in meinem Leben zum Sozialamt."

Die Schattenwirtschaft hat viele Gesichter. Nicht alle sind wie Carla auf das Einkommen aus der illegalen Beschäftigung angewiesen, um die eigene Familie zu ernähren. Laut Friedrich Schneider von der Johannes Kepler Universität Linz sind zwei Drittel der Schattenwirtschaft auf Überstunden zurückzuführen, die im legalen Job unter der Hand abgerechnet werden. Für viele ist Schattenarbeit außerdem nur ein Zuverdienst, den sie nicht unbedingt benötigen.

Stefan* ist Fußballspieler in der 4. Liga. Vor der Corona-Krise hat er während der Saison von seinem Verein pro Monat bis zu 2.000 Euro erhalten - in einem Kuvert. "Die Praxis ist weit verbreitet", sagt er. Ausnahmen gäbe es kaum und oft nur, wenn wichtige Spieler auf Anmeldung bestehen würden.

"Mir ist ein großer Teil meines Einkommens weggefallen. Das schmerzt natürlich, aber ich bin das Risiko eingegangen." Mittlerweile hat er einen legalen Job angenommen, um sich sein Leben zu finanzieren. Bereuen tut er den Deal mit seinem Verein dennoch nicht: "Ich weiß nicht, ob sich das sonst rechnen würde. Das wird dann alles so bürokratisch. Fußball ist der schönste Nebenjob, den es gibt. Es fühlt sich nicht nach Arbeit an und du verdienst trotzdem eine beachtliche Summe", sagt Stefan.

Experte erwartet enormen Anstieg

"Nach dem Lockdown wird die Schattenwirtschaft gewaltig zunehmen", sagt JKU-Professor Schneider. Laut seiner Hochrechnung wird die Wertschöpfung daraus von Februar bis Jahresende auf 24,3 Milliarden Euro ansteigen. Laut Schneider hängt das mit der starken Arbeitslosigkeit zusammen. Wenn es weniger offizielle Jobs gibt, suchen sich die Menschen andere Verdienstmöglichkeiten. Wegen der wirtschaftlich guten Lage ist die Schattenwirtschaft seit 2015 stetig geschrumpft. Nun erwartet er ein Plus von 6,3 Prozent. "Das ist der höchste Anstieg seit 2001."

"Ich bin zwischendurch wieder zu meinen Eltern gezogen, um Geld zu sparen", sagt Andrea*, die durch die Corona-Krise von einem Tag auf den anderen ihr Einkommen verloren hat. "Das fühlt sich nicht gut an mit 26 Jahren." Die Studentin lehrt privaten SchülerInnen Gesang, das Geld versteuert sie nicht. Auch Gesangsauftritte sind bis auf Weiteres abgesagt. Übrig bleibt ihr die Studienbeihilfe. "Die deckt meine Fixkosten ab, Miete, Handyrechnung. Essen und andere Einkäufe habe ich mir durch den Unterricht finanziert." Für Selbstständige gibt es zwar Corona-Härtefallfonds, Andrea glaubt aber nicht, dass sich eine Anmeldung im Nachhinein rentiert hätte. Sieben Wochen nach den ersten Corona-Maßnahmen gibt Andrea wieder Unterricht. Die erste Schülerin hat allerdings schon angekündigt, dass sie sich die Gesangsstunden in Zukunft nicht mehr leisten können wird.

Die dunkle Seite der Schattenwirtschaft

Carla, Stefan und Andrea haben gemeinsam, dass sie österreichische Staatsbürgerschaft und weitere Einkommensquellen haben. Im schlimmsten Fall wird der Staat sie auffangen. Wenn alle Stricke reißen, können sie Mindestsicherung beantragen. Es gibt aber auch die andere Seite der Schattenwirtschaft, die auf Machtmissbrauch und Ausbeutung beruhen kann. Hier kommt die Beratungsstelle UNDOK ins Spiel.

Die Einrichtung betreut Menschen, die ganz ohne Papiere oder mit eingeschränktem Zugang zum Arbeitsmarkt in Österreich leben. Das sind Asylwerbende, die faktisch vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, StudentInnen, die keine Arbeitserlaubnis haben und Menschen, die zwar eine Beschäftigungsbewilligung haben, allerdings nur für einen bestimmten Arbeitgeber.

Eigentlich eh in Ordnung

"Es gibt eine Vielzahl an Konstellationen", sagt Susanne Kimm, die als Beraterin bei der UNDOK-Anlaufstelle arbeitet. Die Personen, die zu ihr kommen, haben allerdings oft Angst, etwa vor der Fremdenpolizei. Die Jobsuche gestaltet sich mit einem einschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt ebenfalls schwierig. All das schwächt ihre Position als ArbeitnehmerInnen. "Dieses Machtgefälle lässt sich nicht wegdiskutieren", sagt Kimm. "Aber auch Menschen ohne Papiere haben Rechte." Kollektivverträge und arbeitsrechtliche Mindeststandards gelten für alle, auch für nicht-angemeldete ArbeitnehmerInnen, erklärt sie. Kimm muss mit ihren KlientInnen abwägen, ob sich das Risiko auszahlt, auf ihre Rechte zu bestehen. UNDOK fordert vollen Arbeitsmarktzugang für alle AsylwerberInnen und eine unbürokratische Existenzsicherung, die unabhängig vom Aufenthaltstitel ist.

Man kann Menschen, die in der Schattenwirtschaft arbeiten, moralisch verwerflich finden. Dem Staat entgeht dadurch immerhin viel Geld - geschätzt bis zu 3,5 Milliarden Euro pro Jahr. Etwa 6 von 10 ÖsterreicherInnen halten den “Pfusch” allerdings für in Ordnung.  Viele Häuslbauer und Autobesitzerinnen nehmen Schattenarbeit in Anspruch. Sie ist allerdings Realität. Daher braucht es in Sondersituationen wie jetzt auch für jene, die in der Schattenwirtschaft arbeiten, Lösungen.

 


 

*Die Namen der Betroffenen wurden geändert

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