Warum Pflegerinnen und Kindergärtner bald streiken könnten
Sie arbeiten in der Altenpflege, mit Menschen mit Behinderung, in Jugendzentren oder der Kinderbetreuung. Die Beschäftigten in der Sozialwirtschaft kümmern sich um die Bedürfnisse der Menschen, wenn es niemand anderer macht. Ihr Idealismus und ihre Leidensfähigkeit sind hoch, ihr Gehalt oft niedrig.
Jetzt könnte ihre Kaufkraft sogar noch weiter sinken. In den Verhandlungen zu ihrem neuen Kollektivvertrag bieten die Arbeitgeber ein Lohnplus von 1,72 Prozent – bei einer Inflation von 3,2 Prozent bedeutet das einen Reallohnverlust.
Die Verhandlungen laufen seit Herbst, am 26. Jänner ist die vierte Verhandlungsrunde.
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Am vergangenen Mittwoch trafen sich die Betriebsrät:innen der Sozialwirtschaft in den Räumen der Arbeiterkammer in Graz. Sie sind bereit, für mehr Geld zu streiken. Denn so voll wie der Saal ist auch die Schnauze der Beschäftigten im Gesundheits-, Sozial- und Pflegebereich. Ein paar Wortmeldungen:
„Wir in der Nachmittagsbetreuung sorgen dafür, dass die Eltern arbeiten können!“
„Wir verteilen die ganze Zeit von unten nach oben, jetzt ist es an der Zeit, Stopp zu sagen!“
„Es heißt immer 'sparen', aber das ist zu positiv. Wir werden zusammengeschnitten und gekürzt!“
Schwere Arbeit, wenig Geld
Besonders betroffen ist die Pflege, wo in wenigen Jahren rund 50.000 Arbeitskräfte fehlen könnten. „Ich arbeite in einer Pflegeeinrichtung und kann die Klient:innen in der vorgegebenen Zeit eigentlich nicht versorgen“, erzählt Eva, die eigentlich anders heißt, in einer Pause des Betriebsrats-Treffens. Manchmal müsse sie Personen, die über 100 Kilogramm wiegen, alleine bewegen, weil das Personal fehlt.
„Aber seien wir uns ehrlich“, wischt sie die Arbeitsbedingungen zur Seite, „ich bin alleinerziehende Mutter, arbeite 25 Stunden für 1.500 Euro. Wenn ich für zwei Personen Toast, Schinken, Käse, Kaffee, Zucker und Getränke einkaufen gehe, brenn' ich gleich 30 Euro. Es kann sich von denen da oben ja keiner vorstellen, wie es ist, wenn du dir manchmal überlegen musst, ob du oder dein Kind etwas isst!“
Die Sparmaßnahmen treffen die Schwächsten der Schwachen, meint sie weiter. Sie für mehr als 25 Stunden anzustellen, sei ihrem Arbeitgeber nicht möglich. Nach Abzug der Kosten für Miete, Strom, Heizung und Co. bleibe ihr nicht viel übrig. Ihre Lösung: in der Gastronomie noch etwas dazuzuverdienen, damit sich alles irgendwie ausgeht.
Die Forderungen: Kürzer arbeiten, mehr Urlaub, mehr Lohn
Eva ist nicht alleine mit diesem Problem. 70 Prozent der Stellen in der Sozialwirtschaft sind Teilzeit-Stellen. Die meisten Beschäftigten in dem Bereich sind Frauen. Nicht zuletzt deshalb geht es ihren Vertreter:innen in den Verhandlungen auch darum, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Um eine Arbeitszeitverkürzung von 37 auf 35 Stunden, um höhere Zuschläge oder mehr Urlaub.
Ihre Kernforderung aber ist ein Lohnplus von vier Prozent.
„Die Beschäftigten setzen sich für die Klient:innen ein und zählen ohnehin nicht zu den Spitzenverdiener:innen – jetzt ist der Bogen einfach überspannt“, erklärt die Verhandlerin Eva Scherz von der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA) im Gespräch mit MOMENT.at. Und es brauche die Leistungen der Beschäftigten im Sozialbereich mehr denn je.
Aus dem allgemeinen staatlichen Spardruck ergeben sich paradoxe Situationen: Einerseits fehlen Arbeitskräfte. Andererseits gibt es für die, die einen Job haben, einen Reallohnverlust. Und weil öffentliche Stellen ihre Förderungen kürzen oder streichen, werden auch noch Projekte gestrichen. Früher war das anders, erzählt die erfahrene Gewerkschafterin: Es war üblich, dass ein Fördergeber „einspringt“, wenn ein anderer keine Mittel mehr hatte. Dann sprangen zum Beispiel das Land oder der Bund für die Gemeinde ein oder umgekehrt.
Wenig Spielraum für die Sozial-Unternehmen
Eva Scherz und den Gewerkschaften gegenüber sitzt in den Verhandlungen unter anderem Yvonne Hochsteiner. Sie ist die Geschäftsführerin der Interessensvertretung Sozialwirtschaft Österreich, und sie bestätigt die außergewöhnliche Situation. „Wir müssen in allen Bereichen mit Kürzungen von allen Fördergebern rechnen. So etwas gab es in den letzten Jahren nicht“, erklärt sie.
Die Arbeitgeber sind in der Sozialwirtschaft – Unternehmen wie Volkshilfe und Hilfswerk – sind gemeinnützig. Bei ihren Budgets sind sie auf staatliche Förderungen angewiesen.
Die Budgets der Sozialwirtschafts-Unternehmen seien aktuell fixiert, sagt Hochsteiner. Früher habe es Möglichkeiten zur Nachverhandlung mit Fördergebern gegeben, jetzt sei das nicht mehr möglich. Mehr Spielraum als die 1,72 Prozent Lohnerhöhung, den man den Beschäftigten anbiete, hätten die Unternehmen daher nicht.
Problem Teilzeitquote
Zudem verweist Hochsteiner darauf, dass die Gehälter in den letzten drei Jahren um 20 Prozent erhöht worden seien und die Arbeitszeit auf 37 Stunden pro Woche verkürzt. Was ihr allgemein wichtig ist: „Der Sozialbereich ist nicht so schlecht, wie er dargestellt wird, und die Arbeitsbedingungen sind auch besser.“
Auch die Vollzeitgehälter seien nicht so schlecht, ist Hochsteiner überzeugt. Eine Fachsozialbetreuerin für Altenarbeit beginnt etwa mit über 2.000 Euro netto, dazu können noch Zulagen kommen.
Das Problem liegt aus ihrer Sicht woanders: bei der hohen Teilzeitquote. „Es gibt Bereiche, da geht es nicht anders“, sagt Hochsteiner. In der mobilen Pflege sei eine durchgehende Vollzeitarbeit beispielsweise nicht möglich, denn alle Klient:innen wollten in der Früh gewaschen werden und nicht irgendwann untertags.
Die Arbeitgeber hätten dort, wo es möglich ist, einen Anspruch auf Vollzeit angeboten, sagt Hochsteiner. Das sei noch Teil der Verhandlungen. Die Rückmeldungen, die sie bekomme, seien geteilt: „Einige wären froh, wenn sie mehr Stunden machen könnten. Andere Arbeitgeber sagen, dass die Mitarbeiter:innen die Stunden nicht erhöhen wollen.“
Hochsteiner betont, dass die Arbeitgeber gemeinnützige Organisationen sind, gegründet, um Menschen zu helfen: „Wir hoffen, dass das eine kurze Krise ist und wir danach wieder einen Abschluss über der Inflation anbieten können.“ Bis dahin müssten die Arbeitnehmer:innen aber einen „großen Schritt“ machen, sagt Hochsteiner.
Bereit für Kampfmaßnahmen
Die Beschäftigten in der Sozialwirtschaft sind bereit, für ihre Rechte einzustehen. „Es gab ja schon Warnstreiks, aber wir können noch mehr“, gibt sich die Gewerkschafterin Eva Scherz kämpferisch. Natürlich solle dadurch niemand zu Schaden kommen, immerhin seien die Arbeitsbereiche sensibel. Wenn gestreikt werde, werde es jedenfalls einen Notbetrieb geben.
Dass es jetzt einmal ein krasses Signal braucht, davon ist die Verhandlerin genauso überzeugt wie die Betriebsrät:innen, die sich am Mittwoch in Graz versammelt haben. Die Kolleg:innen in den Kindergärten hätten im vergangenen Dezember gezeigt, „dass auch der Sozialbereich einen Geduldsfaden hat, der reißen kann“, sagt sie.
In einer Sache sind sich die Vertreter:innen von Unternehmen und Beschäftigten einig: Einen großen Hebel hat die Politik. Diese müsse sich überlegen, in welcher Welt man leben möchte und sich bewusst sein, dass soziale Betreuung eben kostet. „Es braucht nicht weniger, sondern mehr“, sagt Scherz. „Egal, ob bei Kinderbildung oder bei psychosozialer Betreuung: Es braucht multiprofessionelle Teams, die man nicht bekommt, wenn man alles zu Tode spart.“
Wenn Pflegekräfte nebenher arbeiten müssen, weil sie sich das Leben nicht leisten können, wird sich irgendwann niemand mehr finden, der diese Arbeit macht.
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