print print
favorites-circle favorites-circle
favorites-circle-full favorites-circle-full
Gesundheit

Psychologische Therapie auf Kasse: Erste Schritte zur Psychotherapie für alle?

Psychologische Therapie auf Kasse: Erste Schritte zur Psychotherapie für alle?
Seit diesem Jahr ist die klinisch-psychologische Behandlung als Kassenleistung möglich - ein wichtiger Schritt für die Versorgungsgerechtigkeit in Österreich. Doch das Angebot an sowohl klinisch-psychologischer Behandlung als auch Psychotherapie auf Kasse bleibt stark begrenzt.

Ängste, Sorgen, Einsamkeit. Der Bedarf nach Psychotherapie ist groß. Doch für viele Menschen ist die klinisch-psychologische Behandlung bzw. Psychologische Therapie privat nicht leistbar. Die Corona-Pandemie hat diesen Missstand zusätzlich verstärkt. Besonders junge Menschen, Studierende und Kinder hat die Pandemie stark getroffen. Kriege, Klimakrise und andere Dinge tun ihr übriges.  

Bereits im Jahr 2020 schlug der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) Alarm. Eine repräsentative Umfrage hat gezeigt, dass 39% der 16-69 jährigen zum Zeitpunkt der Befragung von psychischen Erkrankungen betroffen waren. Doch 65% der Befragten konnten sich eine psychologische Behandlung nicht leisten.

Bisher wurden die Kosten für Therapieeinheiten nur teilweise von der Krankenkasse zurückerstattet. Das bedeutete, dass Patient:innen den vollen Betrag zahlen mussten und erst Wochen später einen Bruchteil der Kosten von der Krankenkasse zurückerstattet bekommen haben.

Unterschied: Klinisch-psychologische Therapie und Psychotherapie

Wichtig zu beachten ist: Im gesetzlich definierten Sinn gibt es einen Unterschied zwischen klinisch-psychologischer Behandlung und Psychotherapie.

Die neue Kassenleistung betrifft die klinisch-psychologische Behandlung durch klinische Psycholog:innen. Diese absolvieren nach dem Psychologiestudium eine Weiterbildung mit geringerem Stundenumfang und kürzerer Selbsterfahrung als Psychotherapeut:innen. Sowohl klinische Psycholog:innen, als auch Psychotherapeut:innen behandeln psychische Erkrankungen.

Psychotherapie ist ein eigener Heilberuf mit separater und umfassender Ausbildung und Zulassung. Psychotherapie ist für Menschen mit psychischen Erkrankungen gedacht, die längerfristige, beziehungsorientierte Behandlung benötigen, und kann nicht durch klinisch-psychologische Behandlung ersetzt werden. Beide sind eigenständige Gesundheitsberufe mit unterschiedlichen Ausbildungen, Kompetenzen und Behandlungsansätzen.

Für die klassische Psychotherapie gilt die bisherige Regelung: Kassenplätze sind stark begrenzt und bei Wahlpsychotherapeut:innen gibt es nur einen Teilzuschuss.

i
Wie kommt man zur Psychotherapie und was muss man beachten?
chevron-down chevron-down

Auf der Website PsyOnline hat man die Möglichkeit Psychotherapeut:innen nach Ort der Behandlung, Behandlungsansatz, Themen, Sprache, Geschlecht und weiteren Eigenschaften zu suchen.
Psychotherapie ist in Österreich grundsätzlich eine private Leistung ohne Gesamtvertrag mit den Krankenkassen. Die Honorare für eine Einzeltherapieeinheiten (50 Minuten) liegen in der Regel zwischen 70 und 150 Euro.

Dennoch gibt es mehrere Möglichkeiten zur finanziellen Unterstützung. Die Krankenkassen bieten folgende Teilrefundierungen an:

ÖGK: 30,70€ (60 Minuten)
BVAEB: 50,20€ (ab 50 Minuten)
SVS: 50,00€ (50 Minuten)
(Stand Februar 2026)

Voraussetzung ist eine ärztliche Untersuchung. Diese dient dazu, um abzuklären, ob eine körperlicher Erkrankung vorliegt und kann von einem Praktischen Arzt durchgeführt werden. Spätestens vor der zweiten Psychotherapiesitzung muss die ärztlichen Untersuchung vorgelegt werden.

Kassenplätze mit vollständiger Kostenübernahme sind nur sehr begrenzt verfügbar. Auf PsyOnline findet man auch eine Auflistung von Psychotherapeut:innen, die einen vollständig finanzierten Krankenkassenplatz anbieten. Für Psychotherapie auf Krankenschein (Kassenplatz - Volle Kostenübernahme) über die ÖGK Landesstelle Wien klicke hier.

Psychotherapeut:innen haben meist zwei bis vier solcher Plätze. Die Wartezeiten für diese Plätze sind länger und können mehrere Monate betragen. Hat man einen Platz bekommen, werden die Kosten für bis zu 40 Stunden übernommen. Nach den 40 Stunden kann die Kostenübernahme bei Bedarf verlängert werden.

Günstigere Alternativen sind Psychotherapeut:innen in Ausbildung unter Supervision. Außerdem bieten einige Psychotherapeut:innen auch Sozialtarife für Personen mit geringem Einkommen an. In Wien stehen zusätzlich Kassenplätze bei der SFU-Ambulanz, dem Institut für Tiefenpsychologie und weiteren Einrichtungen zur Verfügung.

Wer hat Anspruch auf die kostenlose klinisch-psychologische Behandlung?

Sechs Jahre später ist es nun soweit: Die klinisch-psychologische Behandlung / Psychologische Therapie wird nun vollständig von der Gesundheitskasse übernommen.

Berechtigt sind alle Menschen, die bei ÖGK, SVS oder BVAEB versichert sind und denen eine psychische Erkrankung ärztlich bestätigt wurde.

Mit der ärztlichen Bestätigung kann man sich ab sofort über die zentrale Serviceplattform PsyHelp.at anmelden. Sie vermittelt Menschen in weiterer Folge an kassenfinanzierte Behandlungsplätze. Die Vermittung erfolgt je ach Schweregrad der Erkrankung, Wohnortnähe und anderen Anforderungen wie etwa der Behandlungssprache.

Wer hat keinen Anspruch?

Für die vollfinanzierte Behandlung nicht berechtigt sind Menschen, die bereits eine Therapie mit Kostenzuschuss erhalten. In den FAQs der Vermittlungsplattform werden weiters auch zwei Diagnosen angeführt, deren Behandlung nicht von dem Angebot gedeckt wird. Es handelt sich dabei um die Diagnose F70 und F81. Die Diagnose F70 bezeichnet eine leichte Intelligenzminderung und bedeutet, dass Betroffene oft Lernschwierigkeiten haben, aber selbstständig leben, arbeiten und soziale Beziehungen pflegen können.

Bei der Diagose F81 handelt es sich um bestimmte Entwicklungsstörungen wie Legasthenie oder Rechenstörungen. Sie betreffen Bereiche beim Lesen, Schreiben, Rechtschreibung oder beim Rechnen und können trotz normaler Intelligenz auftreten.

Ein Schritt in die richtige Richtung

120.700 kostenlose klinisch-psychologische Behandlungseinheiten à 50 Minuten stehen jährlich zur Verfügung. Die Finanzierung ist vorerst bis inklusive 2028 gesichert. 

Theoretisch könnte es eine gewisse Entlastung geben, weil beide Berufsgruppen (Klinische Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen) psychische Erkrankungen behandeln können - mit unterschiedlichen Ansätzen und Schwerpunkten. Manche Patient:innen, die bisher auf der Warteliste für Psychotherapie-Kassenplätze standen, könnten nun möglicherweise zur klinisch-psychologischen Behandlung gehen. Beide Angebote sprechen unterschiedliche Behandlungsbedarfe an.

Allerdings wird bereits auch bei der klinisch-psychologischen Behandlung mit Wartelisten gerechnet, da die 120.700 Einheiten für ganz Österreich begrenzt sind. Die grundsätzlichen Versorgungsprobleme bei Psychotherapie-Kassenplätzen bleiben bestehen. Die Initiative Change for the Youth rief deshalb schon 2024 dazu auf, kassenfinanzierte Psychotherapieplätze für alle Menschen einfacher zugänglich zu machen und die Kosten vollständig zu übernehmen.

Trotzdem ist das niederschwellige Angebot ein wichtiger Schritt in Richtung Versorgungsgerechtigkeit. Auch Menschen mit geringerem Einkommen haben damit eher die Möglichkeit, klinisch-psychologische Therapie in Anspruch zu nehmen.

Update 3.2.2026, 11:30: In der Erstfassung dieses Artikels wurden die Begirffe Psychotherapie und klinisch-psychologischer Therapie verwechselt und synonym verwendet. Nach dem Feedback unserer Leser:innen haben wir den Artikel ausgebessert und den Unterschied zwischen klinisch-psychologischer Therapie und Psychotherapie herausgearbeitet und erklärt.

    Neuen Kommentar hinzufügen

    Kommentare 3 Kommentare
    Kommentar hinzufügen

    Neuen Kommentar hinzufügen

  • IsaK
    05.02.2026
    "Psychotherapie ist für Menschen mit psychischen Erkrankungen gedacht, die längerfristige, beziehungsorientierte Behandlung benötigen, und kann nicht durch klinisch-psychologische Behandlung ersetzt werden. Beide sind eigenständige Gesundheitsberufe mit unterschiedlichen Ausbildungen, Kompetenzen und Behandlungsansätzen." Der Absatz klingt so, als dürften klinische Psycholog*innen nicht längerfristig behandeln. Das stimmt so nicht. Die klinisch-psychologische Kurzzeittherapie gibts, ist aber nicht die einzige Methode mit der klinische Psycholog*innen behandeln. Auch beziehungsorientierte Behandlung fällt darunter. Der Unterschied liegt in der Ausbildung, richtig. Psychotherapeut*innen sind in einer bestimmten Methode ausgebildet (zB. Verhaltenstherapie), klinische Psycholog*innen behandeln mit Methoden, die wissenschaftlich überprüft wurden. Klinische Psycholog*innen können auch zusätzlich eine Ausbildung in der Psychotherapie haben, wo sie sich dann auf eine bestimmte Methode spezialisieren. Ja, es ist ziemlich kompliziert - so typisch österreichisch halt. Aber grundsätzlich behandeln beide Berufsgruppen psychische Erkrankungen.
    Antworten
  • SaRo
    03.02.2026
    Psychotherapie und klinisch psychologische Leistungen sind nicht das Gleiche. Gesetzlich strikt geregelt, da unterschiedliche Ausbildungsschwerpunkte, dürfen klinische Psychologen keine Psychotherapie anbieten! Die psychotherapeutische Leistung ist ausschließlich den Psychotherapeuten erlaubt, die klinisch psychologische den klinischen Psychologen. In diesem Beitrag werden zwei unterschiedliche Behandlungen und Berufsgruppen vermischt.
    Antworten
    • Simon Altorff
      03.02.2026
      Vielen Dank für den Hinweis, der Artikel wurde entsprechend ergänzt!