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Synchronsprecher über KI und Netflix:  "Das Problem ist das Geschäftsmodell"

Vincent Fallow ist ein erfolgreicher Synchronsprecher - ein Beruf, den Konzerne wie Netflix mit KI am liebsten einsparen würden. Wie die Geschäftsmodelle dahinter bereits heute Karrieren gefährden, auch wenn die Technologie noch gar nicht so toll ist, erzählt er dir im Gespräch mit MOMENT.at.

Seine Stimme ist sein Werkzeug und gleichzeitig seine größte Konkurrentin.

Vincent Fallow arbeitet als Synchron-, Hörbuch- und Werbesprecher. Wer Videospiele oder Anime kennt, hat ihn vermutlich schon gehört. Etwa in Final Fantasy XVI, League of Legends, One Piece oder JoJo’s Bizarre Adventure. Es ist ein Job, von dem viele träumen. Einer, der Kreativität, Schauspiel und Handwerk miteinander verbindet.


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Doch genau dieser Beruf steht gerade massiv unter Druck. Der Grund ist technologisch die Künstliche Intelligenz (KI) - aber wirtschaftlich vor allem ein Geschäftsmodell, das aus Stimmen reine Daten machen will.

„Für Firmen wäre das das Geilste überhaupt“

Die Debatte rund um KI im Synchronbereich wird oft emotional geführt. Jobkiller, Zukunftsangst, kultureller Verlust. All dies Schlagwörter fallen in diesem Zusammenhang oft. Statt echten Sprecher:innen könnten bald KI generierte Stimmen eingesetzt werden, um Kosten zu sparen. Vincent sieht das und widerspricht erstmal:

„Ich glaube, das ist so ziemlich das Wunschdenken jeder Firma, die sich mit Lokalisation beschäftigt. Das wäre das Geilste, was die haben könnten.“

Einmal aufnehmen und unendlich verwerten. Keine neuen Takes, keine Gagen, keine Abhängigkeit von Menschen. 

KI & Netflix: Wenn deine Stimme zur Ressource wird

Streaming-Plattformen wie Netflix arbeiten an Modellen, bei denen Stimmen nicht mehr nur aufgenommen, sondern für hauseigene KI-Systeme nutzbar gemacht werden. Die Sprecher:innen geben also die Rechte an ihren Stimmen zum Teil auf, um Trainingsdaten für eine Konzern-KI zu sammeln, die sie eventuell irgendwann ersetzen soll. 

Das klingt nach einer einfachen Entscheidung: zustimmen oder nicht. Die Realität sieht anders aus:

„Netflix ist vor allem im Berliner und Münchner Bereich eine Größe. Da kommt man nicht drum herum. Es ist definitiv: unterschreiben oder Job verlieren.“

Und damit wird aus einer Entscheidung ein Zwang.

Arbeiten und sich dabei abschaffen

Was viele Verträge aktuell verlangen, wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen.

„Das kostenlose und vor allem legale Trainieren einer KI mit unserer Stimme, das gab es vorher noch nicht.“

Spätestens hier geht es nicht mehr nur um Technologie, sondern darum, dass Menschen ihre eigene Ersetzung mitfinanzieren sollen.

„Man kann sich das so vorstellen, dass man einen Arbeitsvertrag unterschreibt, in dem steht: Vielleicht bekommst du Geld [wenn deine Stimme verwendet wird], aber wir sagen dir nicht, wie viel und auch nicht wann.“

Kontrolle? Nur wenn du sie einklagst

Noch problematischer und intransparenter wird es, wenn nicht eine Nachbildung der eigenen Stimme verwendet wird. “Deine Stimme wird in einen Pool geschmissen”, und aus mehreren Stimmen dann eine neu klingende erzeugt. Darauf muss ein:e Synchronsprecher:in selbst draufkommen. 

“Wenn du glaubst, dass deine Stimme verwendet wurde, dann kannst du nachfragen. Und dann kann geschaut werden, ob das stimmt. Sollte es stimmen, gibt es für dich einen undefinierten Geldbetrag.“

Was Vincent Fallow da erzählt, bedeutet:

  • Sprecher:innen wissen nicht, wann ihre Stimme genutzt wird
  • Sie wissen nicht, wie oft sie genutzt wird
  • Sie wissen nicht, wie viel sie wert ist

Im Zweifel bleibt nur der Weg vor Gericht. Die neuen KI-Regelungen bei Netflix sind damit ein Rechtsstreit mit Ansage. Netflix betont gegenüber Medien stets, sich an alle Gesetze zu halten.

Die ließen sich freilich ändern, wenn die Politik will. Die Vertretungen der Sprecher:innen fordern seit längerem, dass der KI-Bereich gesetzlich besser geregelt wird. 

Wenn deine Stimme gegen dich arbeitet

Die vielleicht meist unterschätzte Folge ist der Verlust der eigenen Identität. Vincent erzählt von einem Kollegen. Dessen Stimme landete sogar ohne seine Zustimmung in KI-Systemen. Seither wird sie massenhaft verwendet, was zu einer massiven Abwertung seiner eigenen Arbeit führt.

„Diese Stimme wird jetzt automatisch mit niedrigklassigem KI-Zeug assoziiert, da sie eine der TikTok-Stimmen wurde.“

Ein Image, das sich nicht mehr einfangen lässt. Seine Stimme ist plötzlich überall, aber nicht mehr unter seiner Kontrolle. Und vor allem: nicht mehr in einem Kontext, den er selbst gewählt hat. Plötzlich passiert etwas Paradoxes: Je bekannter die eigene Stimme wird, desto weniger gehört sie dir.

„Man kann sich an Stimmen satt hören“

Das Problem ist nicht nur rechtlich oder finanziell. Es ist auch künstlerisch. Wenn Stimmen beliebig oft erzeugt werden können, verlieren sie ihre Besonderheit und damit das, was den Beruf ursprünglich ausmacht.

„Die Identität der eigenen Stimme, der Eindruck der eigenen Stimme; das geht verloren. Man kann die Zuschauer gar nicht mehr überraschen. Der ganze Spaß und die Leidenschaft fallen weg. Dafür mache ich den Beruf nicht.“

Eine Branche zwischen Haltung und Existenz

Die Konsequenzen sind bereits spürbar. Besonders hart trifft es Sprecher mit festen Rollen; also Sprecher:innen, die immer den gleichen Schauspieler sprechen.

„Viele Leute lehnen Produktionen ab. Andere nehmen sie an, weil sie das Geld brauchen. Heikel sind auch Situationen mit Festrollen. Sich eine Festrolle zu erarbeiten ist extrem schwer. Und wenn man dann sagt: Nein, unter den Konditionen arbeite ich nicht dann wackelt alles.“

Karriere, Einkommen, Identität. Alles hängt an einer Unterschrift unter einem Vertrag, den viele eigentlich nicht unterschreiben wollen. 

Trotzdem glaubt Fallow nicht, dass KI menschliche Sprecher sofort ersetzen kann. 

„Ich glaube nicht, dass das so schnell passieren wird, sofern denn auf die Qualität geachtet wird. Man hat schon genug Trainingsdaten auf die man als KI zurückgreifen könnte und es klingt immer noch ‘off’.”

Wie auch bei anderen Medienformen, beherrscht die heutige KI-Technologie auch das Sprechen noch lange nicht perfekt - die Erzeugnisse sind erkennbar. Wie lange das so bleibt, wird sich erst zeigen.

„Nicht die Technik ist das Problem“

Fallows Kritik richtet sich aber nicht zuerst gegen die KI-Technologie an sich, sondern die neoliberale Logik hinter ihrer Nutzung. 

„Natürlich ist das Problem das Geschäftsmodell. Man möchte kreative Arbeit möglichst billig ersetzen. Wir alleine können uns gegen diese Tendenzen nicht wehren, aber gemeinsam schon. Mit allen, die unsere Arbeit schätzen“

Damit gemeint ist vor allem das Publikum. Mit denen, die hören, vergleichen, reagieren. Denn solange Menschen merken, wenn etwas „off“ ist und echte Stimmen schätzen und einfordern, besteht eine Chance, dass die Rechnung derer nicht aufgeht, die sie ausbeuten und billig ersetzen wollen.


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