Ungleichheit

“Systemsprenger”: Wenn das System versagt

Die Berichterstattung über einzelne “Systemsprenger” sorgte für die politische Forderung nach geschlossenen Unterbringungen für kriminelle Kinder und Jugendliche. Warum dahinter ein rassistisches Motiv steckt, kommentiert Edith Ginz.

Vergangenes Jahr dominierten immer wieder kriminelle Jugendbanden die Schlagzeilen. Ein prominentes Beispiel waren dabei zwei Brüder aus Wien, die allein 2024 mehr als 2.200 Anzeigen sammelten. Aus einzelnen Tätern zogen Politik und Medien das Fazit, dass es ein riesiges Problem mit kriminellen “Systemsprengern” gäbe, die allesamt unter Kontrolle gebracht werden müssten. 

So forderten die FPÖ und ÖVP die Senkung der Strafmündigkeit von 14 auf zwölf Jahre. Innenminister Karner (ÖVP) schlug zusammen mit NEOS und SPÖ gar “gefängnisähnliche Unterbringungen” für besonders straffällige Kinder und Jugendliche vor. Von Teilen der Kinder- und Jugendhilfe (MA 11) kam Kritik – deren Sprecherin Ingrid Pöschmann hielt die geschlossene Unterbringung als letzte Möglichkeit jedoch für eine “weitere Option”. 

Ebenso sprach sich Walter Eichmann von der MA 11 Einrichtung Oase für den befristeten Zwangsaufenthalt von Jugendlichen aus. Denn anders als in Wohngemeinschaften der Kinder- und Jugendhilfe, wäre in sozialtherapeutischen oder sozialpsychiatrischen Unterbringungen ausreichend Betreuungspersonal gegeben. 

Was hier geschieht: Die Politik verwendet Fälle einzelner straffälliger Kinder und Jugendlicher, um die Überforderung des Systems der Kinder- und Jugendhilfe zu verschleiern. Das einzige, was am Begriff “Systemsprenger” richtig ist, ist das Wort System. Denn nicht einzelne Kinder sprengen das System – das System versagt darin, Kinder ordentlich zu betreuen. Und die einzige Lösung, die die Politik anbietet, ist das Wegsperren eben dieser Kinder. Was für ein Armutszeugnis in einem Land, das sich als Sozialstaat bezeichnet.


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Rassistisches Motiv hinter Forderung

Wenn die Medien von “Systemsprengern” reden, sind damit meist migrantisch gelesene Burschen innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe gemeint. Das ist kein Zufall. Migrantische Kinder und Jugendliche in Österreich sind mit 45 Prozent deutlich armutsgefährdeter und häufiger von sozialer Ausgrenzung betroffen, als Kinder ohne Migrationshintergrund mit 15 Prozent. Das kann wiederum dazu führen, dass Kinder innerhalb der MA 11 aufwachsen – auch wenn es für Österreich keine konkreten Zahlen für migrantische Kinder in der Kinder- und Jugendhilfe gibt. 

In den USA hingegen gibt es Studien, die belegen, dass Kinder of Color häufiger in Pflegefamilien oder Pflegeeinrichtungen untergebracht werden, als ihre weißen Peers. Selbst wenn Sozialarbeiter:innen ihr Risiko für Kindesmisshandlung gleich einschätzen.

Einsperren ist Kindeswohlgefährdung

Das Lokal Depot im siebten Wiener Bezirk war rappelvoll, als Sozialarbeiter:innen Mitte Oktober über die Maßnahme der geschlossenen Unterbringung diskutierten. Der Universitätsprofessor Tilman Lutz hielt einen Vortrag über die bereits bestehenden geschlossenen Unterbringungen (GU) in Deutschland. Dort beobachtete er den Wandel der gesellschaftlichen Debatte zur GU als letzte Lösung hin bis zur optimalen Maßnahme für “nicht betreubare” Jugendliche.

Laut Lutz ist damit nicht etwa den Jugendlichen selbst, sondern nur dem System geholfen. Solche Diskurse seien lediglich die Antwort auf Defizite des Jugendhilfe-Systems und der Hilflosigkeit der Fachkräfte. “Wenn Eltern ihre Kinder einsperren würden, dann würden wir das als Kindeswohlgefährdung einordnen. Wenn wir das machen, ist es keine”, kommentierte Lutz die Absurdität der Debatte. 

Verheerende Folgen

Jetzt könnte man meinen, die GU hätte zumindest irgendeinen pädagogischen Zweck. Doch bis heute gibt es keine Studien, die der GU an sich einen positiven Effekt nachweisen konnten. Im Gegenteil: Zahlreiche Studien belegen, dass derartige Unterbringungen von Kindern und Jugendlichen im Erwachsenenalter zu schlechterer allgemeiner Gesundheit und erhöhten Risiken für Depressionen, Suizidalität, Angst und posttraumatische Belastungsstörungen führen.

Wenn also Politik und Medien diese Debatte führen, müssen wir uns fragen: Wem nützt sie? Um das Wohl von Kindern und Jugendlichen geht es dabei keineswegs. Stattdessen geht es um rassistische Symbolpolitik, die das subjektive “Sicherheitsgefühl” der Bevölkerung wiederherstellen soll. Dabei hat die MA 11 die Aufgabe, Kinder und Jugendliche zu schützen – nicht die Bevölkerung. 


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