Ungleichheit
Arbeitswelt

Väterkarenz in Österreich: Lieber Papa, ein Sommer reicht nicht

Die Karenz und Kinderbetreuung in Familien ist in Österreich hartnäckig ungleich verteilt. Was die Politik an der Väterkarenz ändern sollte, erklärt Momentum-Ökonomin Sophie Achleitner.

Österreich hat eines der besten Elternkarenz-Systeme in Europa: lange Bezugszeiten, Kinderbetreuungsgeld, Papa-Monat, Partnerschaftsbonus – die Liste der Instrumente ist lang.  

Und dennoch nimmt nur jeder fünfte Vater Elternkarenz in Anspruch – und das, obwohl Väterkarenz seit den 1990ern rechtlich verankert ist. Der Papa-Monat wird überhaupt nur von 15 Prozent der Paare genutzt.  

Nicht verwunderlich also, dass Kinderbetreuung hierzulande immer noch „Frauensache“ ist. Seit Jahrzehnten hat sich an der Verteilung der unbezahlten Sorge- und Hausarbeit zwischen den Geschlechtern kaum etwas verändert: Zwei Drittel übernehmen Frauen und Mütter. 

Die unsichtbaren Kosten der ungleichen Verteilung

Wenn Mütter die Hauptlast der Kinderbetreuung tragen, hat das einen Preis. Sie kehren seltener und später ins Erwerbsleben zurück. Sie wechseln in schlechter bezahlte, dafür flexiblere Jobs. Sie reduzieren ihre Stunden, weil die Kindergarten-Öffnungszeiten keine Vollzeitbeschäftigung zulassen. Und sie müssen massive Einkommensverluste hinnehmen, die sie teils über Jahrzehnte nicht mehr aufholen können.  

Der Gender Pay Gap, die hohe weibliche Teilzeitquote, die eklatante Pensionslücke: All das sind Konsequenzen einer ungerecht verteilten Arbeitslast innerhalb der Familien. 


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Väterkarenz kann daran etwas verändern: Wenn Väter längere Zeit in Karenz gehen, übernehmen sie danach dauerhaft mehr Haus- und Betreuungsarbeit. Dieser Effekt hält an, auch wenn die Kinder dann größer werden. Außerdem zeigt die Forschung, dass Mütter, deren Partner sich aktiv beteiligen, früher und erfolgreicher in den Beruf zurückkehren. 

Schwimmbad-Helden: Väterbeteiligung im Sommer am Höchsten

Nach einem merklichen Rückgang der Väterbeteiligung während der Pandemie, gehen nun wieder mehr Väter in Elternkarenz. Doch immer noch befinden wir uns unter dem Niveau, das wir vor der Krise hatten. Und jene wenigen Väter, die eine Karenz in Anspruch nehmen, nehmen sich nur eine kurze Auszeit. Die meisten nehmen maximal 3 Monate. In nicht einmal einem Prozent der Paare unterbricht der Vater länger als ein halbes Jahr seine Erwerbstätigkeit.  

Am liebsten machen Männer das im Sommer. In den Ferienmonaten schnellt die Väterbeteiligung regelrecht in die Höhe, um danach wieder auf das Ausgangsniveau zu fallen. Umgekehrt sind im Sommer merklich weniger Mütter im Kinderbetreuungsgelbezug.  Eine Erklärung dafür: Wer als Vater länger zu Hause bleibt, verliert Einkommen, riskiert Karrierenachteile und schwimmt gegen den gesellschaftlichen Strom. Im Sommer, wenn ohnehin weniger los ist, mag das nicht so schlimm sein – außerdem ist es im Schwimmbad doch um einiges netter, als im tiefsten Winter spazieren zu gehen.  

Väterkarenz, die auf Juli und August beschränkt ist und danach wieder verschwindet, verändert die Aufteilung von Sorgearbeit aber eben nicht nachhaltig. Ein Sommerhoch ist kein Strukturwandel.  

Gut gemeint reicht nicht

Die Politik hat zuletzt einige Schritte gesetzt. Der Papa-Monat wurde verbessert und die finanziellen Anreize für Väter erhöht. Das ist gut, aber lange nicht ausreichend. Denn die Inanspruchnahme bleibt gering und sogar von jenen Vätern, die den Papa-Monat nutzen, gehen zwei Drittel danach nicht in Elternkarenz. Das zeigt: Solange Väterkarenz freiwillig, kurz und finanziell unattraktiv bleibt, wird sie ein Randphänomen bleiben. Und das Gros der Sorgearbeit bleibt an Müttern hängen. 

Väterkarenz ist in Österreich auch eine Frage des Wohnorts: Während in Wien fast ein Viertel der Väter Karenz nimmt, ist es im Burgenland nur knappe ein Zehntel, auch in Tirol und Kärnten sind es nur knapp 13 Prozent. Vor allem in ländlicheren Regionen sind traditionelle Rollenbilder nach wie vor sehr verbreitet.  

Was es braucht

Erstens: einen nicht übertragbaren Karenzteil für Väter. Das "Use it or lose it"-Prinzip funktioniert in den nordischen Ländern seit Jahrzehnten. Wenn ein Teil der Karenzzeit verfällt, weil der Vater ihn nicht nutzt, verändert das die Entscheidungslogik in Familien grundlegend. Es nimmt den Druck von Müttern, und Arbeitgeber:innen können nicht mehr damit rechnen, dass immer nur Frauen ausfallen. 

Zweitens: flächendeckende, kostenlose Kinderbetreuung. Solange außerhalb Wiens nur ein Bruchteil der Kindergartenplätze mit Vollzeitarbeit vereinbar ist, bleibt Kinderbetreuung sowohl an Müttern hängen, als auch eine Frage des Geldbeutels und des Wohnorts. 

Drittens: eine Schließung der Schlupflöcher. Wer Kinderbetreuungsgeld bezieht, sollte auch tatsächlich Kinderbetreuung leisten und nicht einfach weiterarbeiten wie bisher.  

Rollenbilder ändern sich nicht über Nacht, aber sie ändern sich durch Strukturen, die neue Verhaltensweisen ermöglichen und alte unattraktiv machen. Österreich hat die Instrumente dafür, muss aber den politischen Willen aufbringen, diese konsequent einzusetzen. Das wäre das beste Geschenk, das die Bundesregierung Familien zum Vatertag machen könnte. 


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