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Ungleichheit

Der Preis der Sichtbarkeit: Warum unmoderierter Frauenhass keine offene Debatte ist.

Der Preis der Sichtbarkeit: Warum unmoderierter Frauenhass keine offene Debatte ist.
Nach einem Gespräch mit der Kronen Zeitung fliegt Barbara Blaha Hass entgegen, in ihrer Mailbox, auf Social Media und im Krone-Forum. Frauen werden zur Zielscheibe - um Klicks zu generieren und um Frauen stumm zu machen. Barbara Blaha analysiert anhand ihrer eigenen Erfahrung.

Ich war jüngst bei der Kronen Zeitung zu Gast für einen einstündigen Video-Podcast. Wir haben über Wirtschaftswachstum in der Klimakrise gesprochen, über Vermögenskonzentration, über Hegemoniearbeit, über die Krise der repräsentativen Demokratie und über die Sozialdemokratie. Natürlich ging es auch um Feminismus. Und ja, eine Frage drehte sich um den beliebten österreichischen Ablenkungssport: ob Männergewalt gegen Frauen am Ende vor allem ein Problem migrantischer Männer sei.

Frauen werden zur Zielscheibe

Veröffentlicht wurde das Gespräch dann unter dem Titel: „Männergewalt hat nichts mit Migration zu tun.“ Aus einer Stunde Gespräch war damit im Handumdrehen ein Köder gebastelt, aus mir eine Zielscheibe.

Die Reaktionen kamen so verlässlich wie erwartbar. Hunderte Kommentare finden sich unter dem Posting. Ob ich meine Tabletten nicht genommen hätte. Ob ich Tabletten bräuchte. Ich sei dumm, eine Unperson, ich würde wirres Zeug reden, solle einmal mit kurzem Rock durch Favoriten gehen. In meiner Mailbox wurde es noch deutlicher. „Schmarotzerfotze“ gehörte zu den milderen Anschreiben der vergangenen Tage. 

Das Krone-Forum blieb, soweit ich es erlebt habe, unmoderiert. Und damit ist man schon mitten im Problem: Ein Medium setzt einen Frame, der maximalen Erregungswert verspricht und lässt die daraus entstehende Enthemmung laufen. Wie praktisch und wie gut für die Klickzahlen.

Patriarchale Gewalt ist ein Männerproblem

Der Satz, um den es angeblich ging, war im Gespräch kein Versuch, Männergewalt zu verharmlosen. Ganz im Gegenteil. Wer Männergewalt ausschließlich unter der Migrationsbrille betrachtet macht, macht sie klein. Er zieht eine Grenze, damit es für die Dominanzgesellschaft bequem bleibt. Plötzlich steht der “fremde Mann” im Scheinwerferlicht, während der eigene Kollege, der eigene Bruder, der eigene Parteifreund, der eigene anonyme Nutzername im Kommentarforum im Dunkeln bleiben. 

Patriarchale Gewalt ist kein Importartikel. Sie ist eine gesellschaftliche Struktur. Sie hat mit Macht zu tun, mit Kontrolle, mit Besitzansprüchen, mit der Abwertung von Frauen. Migration kann in einzelnen Fällen biografisch, sozial oder institutionell relevant sein. Aber sie erklärt Männergewalt gegen Frauen nicht. Wer so tut, als läge das Problem vor allem dort, erspart sich die Zumutung, hier hinzusehen.

Einschüchterung durch Hass

Genau dieses Hinsehen wird sanktioniert. In der Forschung heißt das Chilling Effect. Menschen verändern ihr Verhalten, weil sie Strafe, Drohung, Beschämung oder soziale Sanktion erwarten. Es gibt einen messbaren Rückzug aus der öffentlichen Kommunikation. Bei Frauen in der Öffentlichkeit hat dieser Effekt eine spezifische Form: Schau genau hin, was mit ihr passiert. Und überleg dir dann, ob du als Nächste sprechen willst.

Ich setze mich der Öffentlichkeit auch aus, weil ich glaube, dass Frauen sichtbar sein müssen. Ich glaube das wirklich. Sichtbarkeit verändert, was als normal gilt. Ein Mädchen, soll nicht mehr glauben müssen, Öffentlichkeit sei ein Raum, in dem Männer einander erklären, wie die Welt funktioniert. Sie soll Frauen in Talkshows sehen, im Parlament, in Redaktionen, an Institutsspitzen, auf Bühnen. Sichtbarkeit kann eine Einladung sein.

Aber Sichtbarkeit hat unter patriarchalen Bedingungen einen Preis. Sie lädt andere Frauen nicht nur ein. Sie zeigt auch, was passiert, wenn man die Einladung annimmt.

Genau dieses Paradox hat eine aktuelle Studie untersucht. Mehr als 500 Frauen in Deutschland sahen realistisch gestaltete politische Social-Media-Posts eines großen Nachrichtenmediums. Die Forscher:innen variierten, ob in dem Beitrag ein männlicher oder eine weibliche Politiker:in vorkam und ob darunter neutrale Kommentare, ein sexistischer Kommentar oder mehrere sexistische Kommentare standen. Der Role-Model-Effekt blieb aus: Eine sichtbare Politikerin allein machte Frauen nicht eher bereit, sich zu beteiligen. Die sexistischen Kommentare dagegen wirkten deutlich. 

Schon ein einzelner sexistischer Kommentar erhöhte die Angst vor Belästigung und senkte die Bereitschaft, niedrigschwellig zu interagieren, etwa einen Beitrag zu liken. Mehrere sexistische Kommentare verstärkten den Effekt und senkten zusätzlich das Gefühl, kompetent genug zu sein, sich an der Diskussion zu beteiligen. Die Botschaft, die an andere Frauen gesendet wird, lautet: Du kannst sprechen, aber du wirst dafür zahlen.

Das ist der Punkt, an dem mit dem Kommentarbereich Politik gemacht wird. Er setzt Normen. Er sagt, wer dazugehört, wer geduldet wird, wer lächerlich gemacht wird, wer sexualisiert wird, wer bedroht wird. Ein unmoderiertes Forum hat genau diese Funktion. Und wenn dort Frauen, besonders feministische Frauen, besonders linke Frauen, besonders Frauen mit Migrationsgeschichte, queere Frauen oder nicht-weiße Frauen systematisch herabgewürdigt werden, dann ist das keine raue Diskussionskultur. Es ist die digitale Version eines Türstehers. Du kannst hier schon rein, aber nur wenn du Demütigung aushältst.

3 von 4 Politikerinnen in Österreich erlebten Hass

Wir wissen längst, dass das kein Einzelfall ist. Mit dem Momentum Institut haben wir 2021 gemeinsam mit Ingrid Brodnig eine Befragung weiblicher Nationalratsabgeordneter in Österreich gemacht. Alle 73 weiblichen Abgeordneten wurden kontaktiert, 30 Prozent nahmen teil, aus allen Parlamentsparteien. Drei von vier befragten Politikerinnen gaben an, bereits sexualisierten oder frauenfeindlichen Hass erlebt zu haben. 73 Prozent haben solche Nachrichten online erhalten, 36 Prozent per Post. Rund ein Drittel hatte wegen Hassnachrichten bereits Parlamentsdirektion, Polizei oder Verfassungsschutz eingeschaltet. Und besonders wichtig: 27 Prozent sagten, sie hätten wegen erwarteter Angriffe bestimmte öffentliche Aussagen schon nicht mehr getätigt. Das ist der Chilling Effect in seiner saubersten Form: Die Drohung muss gar nicht jedes Mal vollstreckt werden. Es reicht, wenn Frau sie liest.

Deutschland sieht kaum besser aus. Eine Spiegel-Befragung, auf die wir uns in der Momentum-Erhebung bezogen haben, kam bei weiblichen Bundestagsabgeordneten auf einen hohen Anteil frauenfeindlicher Hass-Erfahrungen; ein erheblicher Teil berichtete von Angriffen auf sich selbst, Büros oder den Wohnsitz. In Berichten über frauenfeindliche Äußerungen und Angriffe im Bundestag verwiesen viele der befragten Abgeordneten auf die AfD. Das passt zur autoritären Logik rechter Politik. Frauen sollen zwar vorkommen, solange sie die Ordnung bestätigen. Sobald sie widersprechen, sollen sie beschämt, sexualisiert, infantilisiert oder bedroht werden.

Politikerinnen und Journalistinnen weltweit erleben psychische Gewalt

Global betrachtet ist das Muster noch deutlicher. Die Inter-Parliamentary Union hat schon 2016 Frauen in Parlamenten aus 39 Ländern befragt. 81,8 Prozent berichteten von psychischer Gewalt. 44 Prozent waren während ihrer Amtszeit mit Mord, Vergewaltigung, Schlägen oder Entführung bedroht worden, teils auch mit Drohungen gegen ihre Kinder. So etwas sind keine unschönen Begleiterscheinungen politischer Sichtbarkeit. Das ist ein Angriff auf Repräsentation selbst. 

Journalistinnen trifft dieselbe Logik. Eine weltweite Studie des International Center for Journalists und der UNESCO zeigt: 73 Prozent der befragten Journalistinnen haben online Gewalt erlebt. Ein Viertel erhielt Drohungen körperlicher Gewalt, 18 Prozent wurden mit sexualisierter Gewalt bedroht. 26 Prozent berichteten psychische Folgen, 12 Prozent holten sich medizinische oder psychologische Hilfe. 

Nur ein Viertel meldete die Angriffe beim Arbeitgeber. Die Reaktionen der Arbeitgeber waren teils erbärmlich: Manche Frauen erhielten gar keine Antwort, andere den Rat, sie sollten sich ein dickeres Fell zulegen. Jede dritte Journalistin reagierte mit Selbstzensur in sozialen Medien, jede fünfte zog sich aus Online-Interaktionen zurück, vier Prozent kündigten ihren Job, zwei Prozent verließen den Journalismus ganz. 

Hass lässt Frauen verstummen

Der Chilling Effect betrifft längst nicht nur prominente Frauen. In der deutschen Studie „Lauter Hass, leiser Rückzug“ wurden mehr als 3.000 Menschen ab 16 Jahren zu Hass im Netz befragt. Fast jede zweite befragte Person war online schon beleidigt worden; besonders betroffen sind Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund, junge Frauen sowie homosexuelle und bisexuelle Menschen. Fast jede zweite junge Frau hat ungefragt Nacktbilder erhalten. 

57 Prozent der Befragten äußern aus Angst vor Hass seltener ihre politische Meinung online, 55 Prozent beteiligen sich seltener an Diskussionen. Hass lässt Frauen verstummen.

Frauen müssen Hass nicht aushalten

Und während Frauen lernen sollen, sich zusammenzureißen, hält ein relevanter Teil der Gesellschaft sexistische Zumutungen offenbar für ein gerechtfertigtes Eintrittsgeld für Öffentlichkeit. Im Flash Eurobarometer stimmten 21 Prozent der Befragten in der EU der Aussage eher oder ganz zu, Frauen müssten sexistische, erniedrigende oder beleidigende Antworten akzeptieren, wenn sie ihre Meinung in sozialen Medien teilen. Bei jungen Männern zwischen 18 und 24 Jahren widersprachen nur 66 Prozent dieser Aussage, bei jungen Frauen waren es 83 Prozent. Ein erschreckend großer Teil junger Männer hält den digitalen Pranger für Frauen schlicht für normal, ja sogar richtig. 

Wer jetzt sagt, man müsse Hass eben aushalten, sagt in Wahrheit: Die Kosten demokratischer Öffentlichkeit sollen jene tragen, die ohnehin weniger Macht haben. Frauen sollen sichtbar sein, aber bitte leidensfähig. Frauen sollen mitreden, schützen will man sie nicht. Frauen sollen Vorbilder sein, aber wenn sie dafür mit Vergewaltigungsfantasien, Entmenschlichung und Drohungen überschüttet werden, heißt es: So ist das halt im Internet. If you can’t stand the heat, get out of the kitchen. 

Medien haben eine redaktionelle Verantwortung

Dabei ist die Forschung ziemlich klar, was zu tun wäre. Sichtbarkeit allein reicht nicht. Wenn Medienhäuser Frauen in die Öffentlichkeit holen und anschließend dafür sorgen oder zumindest zusehen, wie sie in den Kommentarspalten zerlegt werden, sorgen sie nicht für einen pluralen Diskurs. Sie sorgen für Abschreckung. Eine sichtbare Frau kann andere Frauen ermutigen, aber unmoderierter sexistischer Backlash kann diese Ermutigung überlagern und in eine Warnung verwandeln. 

Medienhäuser haben deshalb eine redaktionelle Verantwortung für Überschriften, Zuspitzungen, Bildauswahl, Teaser und Kommentarbereiche. Wer aus einer Stunde Gespräch jenen Satz herauslöst, der zuverlässig Feindseligkeit aktiviert, muss die Folgen mitdenken. 

Und wer Foren öffnet, muss sie moderieren. Moderation muss Normen durchsetzen: keine sexualisierte Herabwürdigung, keine Entmenschlichung, keine Drohungen, kein orchestrierter Hass. Was im echten Leben inakzeptabel ist, muss es auch online sein. 

Facebook und Co sind Teil des Problems

Plattformen können sich ebenfalls nicht länger hinter der Fiktion verstecken, sie stellten nur technische Räume bereit. Ihre Empfehlungslogiken entscheiden mit, welche Empörung eskaliert, welche Angriffe sichtbar werden, welche Accounts belohnt werden. Der Digital Services Act der EU verpflichtet sehr große Online-Plattformen bereits dazu, systemische Risiken zu analysieren und zu mindern, ausdrücklich auch Risiken für Grundrechte, körperliches und psychisches Wohlbefinden sowie geschlechtsspezifische Gewalt. Daraus folgt praktisch: bessere Meldewege, schnellere Reaktion bei Drohungen, Schutz vor koordinierten Angriffen, und echte Konsequenzen für Accounts, die systematisch einschüchtern. 

Was politisch passieren muss

Die Politik ist ebenso gefordert. Polizei und Justiz brauchen Ressourcen, Schulung und klare Prioritäten, um digitale Gewalt ernst zu nehmen, bevor aus Drohungen Taten werden. Misogyne Motive müssen statistisch sichtbar werden; in unserer Momentum-Erhebung sprachen sich 77 Prozent der befragten Politikerinnen dafür aus, frauenfeindliche Gewalt und Frauenhass bei Polizei, Justiz und Verfassungsschutz als eigene Kategorie zu erfassen. 

Es braucht niedrigschwellige Beratungs- und Prozesskostenunterstützung, spezialisierte Ansprechstellen, konsequente Strafverfolgung bei Drohungen. Wer will, dass sich Frauen politisch engagieren, muss ihnen mehr anbieten als: Du wirst schon noch lernen, damit zu leben.

Was Einzelne tun können

Und ja, auch die Leser:innen haben eine Verantwortung. Man muss nicht täglich Heldentaten im Kommentarbereich vollbringen. Aber Schweigen kann ein toxisches Klima stabilisieren. Widerspruch verändert es.

Ich werde weiterhin sichtbar sein. Nicht, weil mir dieser Hass egal wäre. Er ist nicht egal. Er kostet Zeit, Nerven, Sicherheit, manchmal Schlaf, sehr oft Geduld. Ich mache es, weil Öffentlichkeit nicht das Eigentum von Männern ist. 

Aber die ehrliche Antwort lautet auch: Meine Sichtbarkeit allein löst das Problem nicht. Sie kann andere Frauen bestärken. Sie kann aber, wenn Medienhäuser, Plattformen und Politik ihre Verantwortung verweigern, auch die Botschaft an Frauen schicken, selbst nicht das Wort zu ergreifen. Dann lesen Frau die Kommentare, die Beschimpfungen, die Drohungen. Und sie wissen: So behandeln sie dich, wenn du etwas sagst. Also schweigen sie lieber. 

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