Die Mindestlöhne in der Fast Food-Industrie haben die Wirtschaftswissenschaft verändert

Die Mindestlöhne in der Fast Food-Industrie haben die Wirtschaftswissenschaft verändert

Foto: Paula Vermeulen/Unsplash

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  Lisa Hanzl

/ 12. Oktober 2021

Wer in einem Fast Food-Restaurant Burger brutzelt, wird selten über dem gesetzlichen Mindestlohn bezahlt. Was aber passiert, wenn der steigt? Einer der Gewinner des diesjährigen „Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften“ hat sich das angesehen. Und die Ergebnisse haben in den 90ern eine ganze wissenschaftliche Disziplin wachgerüttelt und nachhaltig verändert.

Mit David Card, Joshua Angrist und Guido Imbens haben drei Arbeitsmarkt-Ökonomen den Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften gewonnen. Einer von ihnen, David Card, hat besonders zur Forschung rund um Mindestlöhne beigetragen. Denn Ökonom:innen haben jahrelang darauf bestanden, dass ein Mindestlohn laut Lehrbuch-Modell zu weniger Arbeitsplätzen und dadurch zu höherer Arbeitslosigkeit führt. Wer an die Logik des Marktes glaubt, denkt, dass teurere Arbeitskräfte die Nachfrage nach Arbeit senken. Card und Krueger haben 1992 gezeigt, dass das nicht zwingend der Fall ist.

Dafür haben die beiden Ökonomen ein „natürliches Experiment“ ausgenutzt: während in New Jersey 1992 der Mindestlohn erhöht wurde, blieb er im benachbarten Pennsylvania gleich. Ansonsten sind die Bundesstaaten ähnlich. Es lässt sich also gut vergleichen, welchen Unterschied eine neue Maßnahme macht. (Die Methoden, mit denen man das macht, haben Angrist und Imbens entwickelt.)

Mindestlöhne, Burger und eine Revolution in der VWL

Wie sich der Mindestlohn auf Beschäftigung auswirkt, messen Card und Krueger also, indem sie Fast-Food-Restaurants in beiden Bundesstaaten vergleichen, die sie vor und nach der Einführung untersuchten. Fast-Food-Restaurants sind aus verschiedenen Aspekten für ein natürliches Experiment spannend:

  1. sie sind im Niedriglohnsektor wichtige Arbeitgeber:innen
  2. sie folgen dem Mindestlohn und reagieren daher besonders auf die Erhöhung von ebendiesem
  3. sie sind einheitlich in ihren Anforderungen an Arbeitnehmer:innen und
  4. es gibt kein Trinkgeld, das die Löhne zusätzlich beeinflusst.

Die Ergebnisse zeigen, dass der Mindestlohn in New Jersey die Beschäftigung dort erhöht hat, allerdings stiegen die Preise für die Speisen im Vergleich zu Pennsylvania an. Das heißt, die höheren Löhne wurden auf die Konsument:innen abgewälzt und nicht von den Restaurant-Besitzer:innen selbst getragen. Das hat nicht nur direkte politische Auswirkungen, sondern zeigt auch, dass die Lehrbuch-Modelle der Wirtschaftswissenschaften oft nicht ausreichend sind, um gewisse Phänomene zu erklären und darum überdacht werden sollten.

Die Ergebnisse stellen die gängige Theorie infrage

Denn ein zentrales Ergebnis von Card und Krueger ist, dass ein Mindestlohn eben keine schädlichen Auswirkungen auf Beschäftigung hat. Diese steigt gemeinsam mit den Gehältern sogar. Für diese Erkenntnisse, die die Mainstream-Theorie stark in Frage stellen, wurden die Nobelpreisträger besonders von konservativen Ökonom:innen scharf kritisiert.

Dass wir uns auf Daten und empirische Forschung in der Ökonomie verlassen, ist erst seit den 90ern („Credibility Revolution“) der Fall. Davor waren theoriegetriebene Ansätze einflussreicher. Card, Angrist und Imbens haben so mit ihren Beiträgen nicht nur die Volkswirtschaftslehre verändert, sondern auch wie mit Forschung Politik gemacht wird.

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