Was ich wirklich denke
Eine Kindergartenpädagogin erzählt, warum sie ihren Job nach 25 Jahren hingeschmissen hat.
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/ 5. Oktober 2020

Schulden sind der Nährboden für Armut, sagt Klaus (56). Er ist mit Schulden vertraut, seit er sein Geschäft aufgeben musste. Damals war er 22 Jahre alt. Bis heute wird immer wieder ein Teil seines Einkommens verpfändet.

Einmal im Jahr kommt ein Gerichtsvollzieher und schreibt auf, wie viel Gehalt ich bekomme und was ich besitze. Immer wieder wird ein Teil davon gepfändet. Momentan verdiene ich so wenig, dass nichts abgezogen werden kann. In meinem Alter ist es schwer einen Job zu finden, bei dem ich genug verdiene. Aber vor ein paar Jahren war das noch möglich. Derzeit bleiben mir 1080 Euro, die ich zum Familieneinkommen beisteuern kann.

Ich bin mit Schulden schon lange vertraut. Mit 18 Jahren habe ich das von meiner Großmutter geerbte Haus als Bürgschaft für den Familienbetrieb eingesetzt. Dann habe ich es selbst als Unternehmer versucht und mich erstmals verschuldet. Beide Betriebe sind schlussendlich eingegangen. Dazu kam noch die erste Scheidung mit 24 Jahren und ich war bald in einer ausweglosen Situation. Das Haus meiner Großmutter verkaufte die Bank und mein eigenes Geschäft konnte ich später selbst mit der Hilfe von einem netten Freund loswerden. Er hat mir auch geholfen, einen guten Vergleich mit der Bank auszuhandeln.

Teure Zusatzkosten von Schulden

Übrig geblieben sind trotzdem viele offene Forderungen und Rechnungen. Dabei haben genau jene Unternehmen die größten Kosten verursacht, bei denen ich ursprünglich gar keine Schulden hatte, also Inkassobüros und Anwälte. Wegen dieser Zusatzkosten hatte ich dann auch meine ersten Erfahrungen mit einem Gerichtsvollzieher. Er war zwar sehr mitfühlend, weil er meine Geschichte kannte. Trotzdem waren ihm die Hände gebunden.

Insgesamt hatte ich eigentlich immer ein recht gutes Verhältnis zu den GerichtsvollzieherInnen. Nur eine Erfahrung war wirklich schlimm: Ich habe in der Umgebung von Linz gewohnt, hatte gerade eine neue Freundin und zwei Jobs. Ich war Zeitungsausträger in der Früh und tagsüber habe ich Büromöbel verkauft. Kurz bevor ich zum zweiten Job fahre, läutet der Gerichtsvollzieher an der Tür, stellt sich nicht vor und kommt gleich rein. Ich hatte zwei Autos, eines zum Zeitungsaustragen und ein Größeres für die Büromöbel. Ich habe damals das Glück gehabt, dass die Pfändungssumme von dem Gläubiger nicht so groß war. Da konnte ich das Geld auftreiben und die Autos wieder auslösen.

Kultur des Scheiterns zulassen

Wie GläubigerInnen versuchen an ihr Geld zu kommen, ist grundlegend falsch. Wenn mir jemand Geld schuldet, sollte ich ihm es nicht noch schwerer machen. Er kann es dann weder leichter zurückzahlen, noch sich selbst wieder aufbauen. Wenn ich Leute ausdrücke wie eine Tschick, kann ich nicht erwarten, dass sie irgendwann Geld zurückzahlen.

Es ist schwer zu sparen, sich ein Sicherheitsnetz aufzubauen und dann seine Schulden abzubezahlen, wenn man so wenig besitzt. Ich würde am liebsten meine Gläubiger fragen, ob sie mich für ein paar Monate anstellen und mir die Schulden dann gleich vom Gehalt abziehen. Aber viele denken von Haus aus, ihre Schuldner seien schlechte Menschen, weil sie einen Misserfolg hinter sich haben. Das macht es schwierig. Vielmehr wäre eine Kultur des Scheiterns angesagt. Es sollte akzeptiert werden, dass ein wirtschaftliches Scheitern nicht nur negativ ist.

Schulden werden ein großes Thema sein

Ich glaube, dass Themen wie Gerichtsvollzieher, Verschuldung und das Inkasso-System in Zukunft ein großes Thema werden. Die Corona-Krise wird sicher viele in schwierige finanzielle Situationen bringen und mit Inkassobüros und Gerichtsvollziehern konfrontieren. Damit werden Leute wirtschaftlich aufs Abstellgleis gestellt. Heute habe ich es nach zwei Burnouts soweit halbwegs gut im Griff. Aber es gibt genug Leute, die es nicht so gut hinbekommen, wenn sie so unter Druck stehen.

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