Ein Fußballtrainer umringt von Kindern

FußballtrainerInnen leisten wichtige Freiwilligenarbeit in kleinen Vereinen. Foto: Adrià Crehuet Cano für Unsplash

/ Lisa Wölfl
/ 11. November

Wer die Nachrichten liest, fühlt sich manchmal hilflos. In der Welt geht einiges schief, in Österreich ebenso. Das ist aber kein Grund zu verzweifeln. Wir alle können im Großen und im Kleinen die Welt zumindest ein bisschen besser machen. Wie das gehen soll? Nina Horaczek und Sebastian Wiese haben mit "Wehrt euch!" eine Art Handbuch zur Weltverbesserung geschrieben.

Das sind die wichtigsten Punkte:

#1 Kleine Beiträge ändern die Welt

Wir müssen nicht alle Greta Thunberg sein, und Großes bewegen, auch Wertschätzung und Unterstützung im Alltag sind viel wert. Wer sich etwa um die kranke Nachbarin kümmert, dem alten Mann gegenüber die schweren Einkäufe hoch trägt oder jemandem über die Straße hilft, kann viel im Leben von einzelnen Menschen verändern. Dazu gehört auch Zivilcourage. Nicht wegsehen, sondern helfen, ist die Devise. Du kannst dich Bewegungen anschließen und spenden. All das hilft.

#2 Manchmal ist es nötig, ungerechte Gesetze zu brechen

Ein Beispiel: Die deutsche Insel Helgoland war nach dem Zweiten Weltkrieg zerstört und unbewohnbar. Die britische Armee verwendete sie für Bombenübungen. Zu Weihnachten 1950 fuhren die zwei deutschen Studenten Georg von Hartzfeld und René Leudesdorff auf die Insel und hissten die europäische, die deutsche und die Flagge von Helgoland. Damit protestierten sie gegen die Besetzung der Insel und setzten sich dafür ein, dass sie an die evakuierte Bevölkerung zurückgegeben werden solle.

Die beiden wurden verhaftet, stießen aber eine landesweite Debatte an. Schließlich gab Großbritannien die Insel zurück und der Wiederaufbau begann. Rein rechtlich gesehen, haben die Studenten gegen das Gesetz verstoßen.

Es gibt Situationen, da ist es legitim, gegen geltendes Recht zu verstoßen, um Unrecht zu bekämpfen.

#3 Proteste funktionieren

Das Buch stellt eine Reihe von erfolgreichen Protesten vor. Darunter das “Greensboro Sit-in”: 1960 im US-amerikanischen North Carolina gab es viele Restaurants, die nur weiße Menschen bedienten. Die vier schwarzen Studenten David Richmond, Franklin McCain, Ezell Blair und Joseph McNeil betraten ein solches Restaurant. Als ihre Bestellung abgelehnt wurden, blieben sie einfach so lange sitzen, bis das Lokal zusperrte.

Eine Statue von David Richmond, Franklin McCain, Ezell Blair und Joseph McNeil

Diese vier jungen Männer änderten die Welt, indem sie einfach sitzenblieben. Foto: Cewatkin, CC BY-SA 3.0

Am nächsten Tag waren es 20 schwarze AktivistInnen, dann 60 und am vierten Tag schon 300. Vier Monate und zahlreiche Proteste in verschiedenen US-amerikanischen Städten später erreichten sie ihre Ziel: Erstmals servierte das Restaurant seinen schwarzen Gästen Mittagessen.

#4 Am besten ohne Gewalt

Gewaltfreier Protest wirkt am besten. Das fanden die US-amerikanischen Wissenschaftlerinnen Erica Chenoweth und Maria J. Stephan heraus, nachdem sie 323 Widerstandskampagnen untersuchten, die weltweit zwischen 1900 und 2006 stattfanden. Das Ergebnis: 53 Prozent der gewaltlosen Proteste waren erfolgreich und 26 Prozent der gewalttätigen Kampagnen erreichten ihr Ziel.

Dafür nennen die Studienautorinnen zwei Gründe. Einerseits ist es bei gewaltlosen Protesten leichter MitstreiterInnen und die Sympathien in der breiten Bevölkerung zu gewinnen. Andererseits tut sich der Staat leichter, Gewalt gegen Protestierende zu rechtfertigen, die selbst Gewalt anwenden.

Es ist eine gefährliche Gratwanderung, aber in manchen Situationen kann Gewalt der letzte Ausweg sein. Das wissen WiderstandskämpferInnen gegen das Nazi-Regime ebenso wie AfrikanerInnen, die in ihren Ländern gegen die Kolonialmächte kämpften. Horaczek und Wiese betonen, dass diese Fälle Ausnahmesituationen sind und blinde Gewalt niemals erlaubt ist. Die Anwendung von Gewalt soll nur als allerletztes Mittel gelten.

#5 Freiwillige tragen unsere Gesellschaft

In Österreich engagieren sich rund 46 Prozent freiwillig und ehrenamtlich. Das sind FußballtrainerInnen in kleinen Vereinen, Menschen, die gratis Nachhilfe geben, BlasmusikerInnen in Dorfkapellen und viele mehr.

Jede Woche leisten Menschen in Österreich 15 Millionen Stunden freiwillige Arbeit. Das machen sie vor allem, weil sie damit anderen helfen können (93 Prozent) und weil es Spaß macht (88 Prozent). Die Menschen, die sich nicht engagieren, tun das vor allem aus einem Grund: Sie wurden noch nie gefragt (61 Prozent).

Das sind alles gute Nachrichten. Viele Menschen tun jetzt schon viel, um die Welt besser zu machen - und die, die sich noch nicht engagieren, sollten wir einfach auch mal dazu einladen.

Fazit

“Wehrt euch!” ist ein nützliches Handbuch für alle Menschen, die nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Es gibt einen guten und leicht verständlichen Überblick über verschiedene Protestformen und Werkzeuge der direkten Demokratie, Demonstrationsrecht und worauf du achten solltest, wenn du Geld spendest. Als Beispiele dienen erfolgreiche Kampagnen, Proteste und Volksbegehren. Zwischen den Kapiteln werden “Menschen, die sich wehrten” portraitiert, das macht Mut.

Ein Teil des Buchs fällt allerdings aus der Reihe. Im Kapitel “Du bist nicht allein: Viele tun was” rechnen die Horaczek und Wiese plötzlich auf. Untersucht wird, inwiefern “Migranten” der Gesellschaft etwas “zurückgeben”, da sie im Sommer 2015 “häufig besonders Nutznießer freiwilligen Engagements” gewesen sein sollen. Später geht es auch um PensionistInnen, die sich trotz der vielen Freizeit weniger engagieren als Berufstätige. Diese Art der Aufrechnung lenkt von der eigentlichen Aussage des Buches ab. Freiwilliges Engagement ist kein Wettbewerb.

Ein Foto vom Buch "Wehrt euch" auf einem schwarzen Tisch mit Kaffeetasse und Kuchenteller

"Wehrt euch!" von Nina Horaczek und Sebastian Wiese ist für rund 17,50 Euro erhältlich.

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