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Demokratie

Rücktritt von ORF-Generaldirektor: Wer ist Roland Weißmann?

Rücktritt von ORF-Generaldirektor: Wer ist Roland Weißmann?
Roland Weissmann: Der ehemalige ORF-Generaldirektor Foto: ORF/Thomas Ramsdorfer
ORF-Generaldirektor Roland Weißmann tritt nach Vorwürfen der sexuellen Belästigung zurück. Die Vorwürfe bestreitet er. Wer ist Roland Weißmann?

Wer ist Roland Weißmann?

Roland Weißmann war der ORF-Generaldirektor von 2021 bis 2026. Er war davor als Vize-Finanzdirektor bereits ein wichtiger Manager im ORF. Er war seit 2020 der Geschäftsführer von ORF Online und leitete das "Zukunftsprojekt" der Streamingplattform des ORF-Players, der Inhalte nur GIS-Gebührenzahler:innen zugänglich machen soll. Davor war er Kaufmännischer Direktor und Chefproducer im TV.

Weißmann ist 1968 geboren. Er stammt ursprünglich aus Linz, stieg aber seit 1995 vor allem über die Landesstudios von ORF-Niederösterreich auf. Er war dort stellvertretender Chefredakteur, Wortchef im Radio und dazwischen als Fernsehchef für die Bundesländer-Sendung "NÖ heute" verantwortlich. Dabei gilt er für Beobachter:innen eher als Manager, weniger als Journalist.

Wieso kam es zum Roland Weißmann-Rücktritt?

Weißmann wurde im März 2026 mit Vorwürfen einer Mitarbeiterin konfrontiert. Er habe sie offenbar kurz nach seinem Amtsamtritt 2022 sexuell belästigt. Schrift-, Audio- und Bildmaterial, das den Spitzen des ORF-Stiftungsrats von Anwält:innen des gegenüber der Öffentlichkeit anonym gehaltenen Opfers gezeigt wurde, sollen das belegen. Der ORF-Stiftungsrat hat deshalb nach Bekanntwerden der Vorwürfe binnen weniger Tage den Rücktritt Weißmanns verlangt.

Laut Weißmanns Anwälten geschah das, "obwohl mein Mandant die Vorwürfe bestritten hat und eine inhaltliche Überprüfung der Vorwürfe nicht erfolgte". Weißmann trat - ausgerechnet am 8. März, dem feministischen Kampftag - aber "mit sofortiger Wirkung" zurück und wurde mit sofortiger Wirkung beurlaubt (da er ja auch ein regulärer Mitarbeiter des ORF war und durch den Rücktritt als Generaldirektor wieder wurde). Laut seinen Sprechern tat er das, um "Schaden vom Unternehmen abzuhalten", auch wenn er an seiner Unschuld festhalte. Sein Rücktritt soll eine Forderung der betroffenen Person gewesen sein.

Interimistisch wird die ORF-Journalistin Ingrid Thurnher die Rolle der Generaldirektorin einnehmen. Die Wahl des nächsten permanenten ORF-Generaldirektors ist im Herbst 2026 vorgesehen. Der Stiftungsrat kündigte an, er wolle an diesem Fahrplan festhalten.  

Kann man Roland Weißmann politisch verorten?

Der österreichische Medienjournalist Harald Fiedler sagt, Weißmanns Aufstieg sei im "Windschatten von Richard Grasl" erfolgt - dem ÖVP-nahen Kandidaten zum Generaldirektor 2016, der gegen Alexander Wrabetz scheiterte. Grasl wwurde später Mitglied in der Chefredaktion des "Kurier" und dann sowohl Geschäftsführer der Tageszeitung, des Nachrichtenmagazins "Profil" und des Mediaprint-Medienkonzerns.

Weißmann werden wie Grasl "beste Kontakte zur türkisen Riege" nachgesagt. Erst kurz vor seiner Bestellung kam es zu einem kolportierten Konflikt mit Redaktionsvertreter:innen nach einer Diskussion über einen nachträglich geänderten Artikel auf ORF.at rund um die Hausdurchsuchung von Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP). Die Redaktion richtete ihm in einer Mail aus, es sei nicht seine Aufgabe "im Sinne einer Partei zu intervenieren".

Was tut der ORF-Generaldirektor?

Der:die ORF-Generaldirektor:in wird immer auf fünf Jahre bestellt. Er ist der Chef von Österreichs größtem und wichtigstem Medienkonzern. Als solcher bestimmt er:sie gleichermaßen über die Geschicke und beeinflusst stark die Unabhängigkeit des ORF. Generaldirektor:innen sind für den Posten aber immer auch auf politische Realitäten angewiesen. Ihre Auswahl hat oft mehr mit gebildeten politischen Allianzen als mit Konzepten zu tun. Der:die Generaldirektor:in schlägt auch dem Stiftungsrat die Direktor:innen und Landesdirektor:innen vor.

Sein Vorgänger als "ORF-Chef" war Alexander Wrabetz, der erstmals 2006 gewählt wurde - noch vor dem Ende der ersten Koalitionsära der ÖVP mit den Rechtsparteien FPÖ/BZÖ. Praktisch alle anderen Parteien und Unabhängigen stellten sich damals gegen die ÖVP, um Wrabetz zu wählen, der die ÖVP-nahe Monika Lindner ablöste. Wrabetz galt ursprünglich als SPÖ-nahe und ist als erster "General" dreimal gewählt worden. Wie schon bei der Wahl 2006 und 2016 wäre seine erneute Bestellung aber wegen der politischen Verhältnisse eine Überraschung gewesen.

Warum konnte die ÖVP den neuen ORF-Generaldirektor einfach so bestimmen?

Für die Wahl des ORF-Generaldirektors braucht man eine Mehrheit im ORF-Stiftungsrat. Die ÖVP hat dort über die Entsendungen aus Regierung, Ländern, Parlament aber auch die Wahl des Publikumsrates einen türkisen "Freundeskreis" in diesem Stiftungsrat, der ihr eine Mehrheit ermöglichen dürfte, wenn er gemeinsam abstimmt. 

Was ist der ORF Stiftungsrat?

Der Stiftungsrat ist sozusagen eine Art Aufsichtsrat für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Er besetzt wichtige Posten wie den oder die Generaldirektor:in und die Landesdirektor:innen. Auch das Budget und verschiedene geschäftliche Entscheidungen werden durch ihn genehmigt. 

Derzeit (Stand Anfang 2026) sind folgende Personen im Stiftungsrat.

  • DI Dr. Hildegard AICHBERGER, MBA (Bundesregierung über Vorschlag DIE GRÜNEN)
  • Univ.-Prof. Dr. Ewald ASCHAUER (Bundesregierung über Vorschlag der ÖVP)
  • Dr. Markus BOESCH (Bundesregierung über Vorschlag der NEOS)
  • Ing. Michael CESAR (Zentralbetriebsrat)
  • Univ.-Prof. Dr. Leonhard DOBUSCH (Bundesregierung)
  • Mag. Ulrike DOMANY-FUNTAN, MBA (Salzburg)
  • Gerald ERLER (Zentralbetriebsrat)
  • Mag. Florian GASS (Zentralbetriebsrat)
  • MMag. Dr. Alfred GEISMAYR (Vorarlberg)
  • Dr. Philip GINTHÖR (Bundesregierung)
  • Ing. Michael GÖTZHABER (Kärnten)
  • Univ.-Prof. Dr. Katharina HOFER (Oberösterreich)
  • Christiana JANKOVICS, Bakk.phil. (Zentralbetriebsrat)
  • Direktor Norbert KETTNER (Wien)
  • Baurat h.c. DI Rudolf KOLBE (Publikumsrat)
  • Christian KOLONOVITS (Burgenland)
  • Mag. Andreas KRATSCHMAR (Publikumsrat)
  • Harald KRATZER (Zentralbetriebsrat)
  • Mag. Stefan KRÖLL (Tirol)
  • Heinz LEDERER (Bundesregierung über Vorschlag der SPÖ)
  • Univ.-Prof. Dr. Siegfried MERYN (Publikumsrat)
  • GF Mag. Helmut MIERNICKI (Niederösterreich)
  • Thomas PRANTNER (Steiermark)
  • Herbert RUPP (Publikumsrat)
  • Astrid SALMHOFER (Bundesregierung)
  • Mag. Andrea SCHELLNER (Publikumsrat)
  • Mag. Gregor SCHÜTZE (Bundesregierung)
  • MMag. Dr. Petra STOLBA (Publikumsrat)
  • Ruth STRONDL, MAS (Bundesregierung)
  • Univ.-Prof. Dr. Christoph URTZ, LL.M., LL.M. (Bundesregierung über Vorschlag der FPÖ)
  • Ing. Peter WESTENTHALER (Bundesregierung über Vorschlag der FPÖ)
  • MMag. Bernhard WIESINGER, MBA, MPA (Publikumsrat)
  • Dipl.-Ing. Christina WILFINGER (Bundesregierung)
  • Alexander ZACH (Publikumsrat)
  • Mag. Gabriele ZGUBIC-ENGLEDER (Publikumsrat)

Dieser Text erschien ursprünglich am 9. August 2021 und wurde nach dem Rücktritt von Weißmann am 9.3. aktualisiert.

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