print print
favorites-circle favorites-circle
favorites-circle-full favorites-circle-full
Klimakrise

Abschaffung der Flugabgabe wäre “Kniefall vor Milliardär und Ryanair-Chef Michael O’Leary”

Abschaffung der Flugabgabe wäre “Kniefall vor Milliardär und Ryanair-Chef Michael O’Leary”
Mira Kapfinger von Stay Grounded spricht mit MOMENT.at über Verbote in der Flugindustrie und gerechte Mobilität. Foto: Marlene Feichtenschlager / MOMENT.at
Während überall gekürzt und Öffi-Tickets teurer werden, fordern die Landeshauptleute von Wien und Niederösterreich nun, die Flugabgabe abzuschaffen. Das wäre nicht nur ungerecht, sondern auch eine Katastrophe für das Klima, sagt Mira Kapfinger von Stay Grounded. Warum wir die Flugindustrie nicht nachhaltig kriegen und wir Verbote brauchen, erklärt sie im Gespräch mit MOMENT.at
MOMENT.at: Stay Grounded will Flugverkehr verringern und ein gerechteres Verkehrssystem. Warum schließen Flugverkehr und Gerechtigkeit einander aus?

Mira Kapfinger: Flugverkehr ist die Spitze der Klima-Ungerechtigkeit. Ein Prozent der Weltbevölkerung ist für 50 Prozent der Emissionen aller Linienflüge verantwortlich, während 80 Prozent auf der Welt noch nie in einem Flugzeug saßen. Trotzdem wird für eine kleine Minderheit extrem viel Geld ausgegeben, beispielsweise bei Flughafenausbauten. Und die Flugindustrie profitiert von extremen Steuerprivilegien: Zum Beispiel gibt es keine Kerosinsteuer; die internationalen Flugtickets sind von der Umsatzsteuer ausgenommen; Flughäfen zahlen keine Grundsteuer und so weiter. Darüber hinaus sind vor allem bei Billigfluglinien die Arbeitsbedingungen extrem schlecht.

Ein gerechtes Mobilitätssystem würde allen Menschen Zugang zu einer Mobilität ermöglichen, die gleichzeitig nicht unsere Lebensgrundlagen zerstört.

MOMENT.at: Frankreich hat schon Schritte in die Richtung gemacht und 2023 ein Verbot für Inlandsflüge beschlossen, die in weniger als 2,5 Stunden mit dem Zug bewältigt werden können. Auch ein Verbot von Privatjets wurde diskutiert. Stattdessen beschloss man höhere Steuern und Abgaben und hat auf eine Debatte auf EU-Ebene gedrängt. Wieso reicht das nicht?

Kapfinger: Das war ein Babystep in die richtige Richtung. Es hat gezeigt, dass es möglich ist, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen und davon brauchen wir mehr. Aber so ist es nicht annähernd genug, weil nur sehr wenige Flüge darunterfallen. Wenn wir (Anm. d. Red.: Stay Grounded) von Kurzstrecken-Flügen sprechen, dann meinen wir Flüge, die am Boden Alternativen haben, die weniger als zehn Stunden brauchen. 

Das einzige grüne Flugzeug ist das, das am Boden bleibt.

Mira Kapfinger, Stay Grounded

Eine Steuer allein ist außerdem gerade für Reiche nicht unbedingt ein Hindernis, ihren verschwenderischen Lebensstil weiterzuführen. Deswegen fordern wir ein Verbot von Privatjets und eine progressive Steuer für Vielflieger. Damit ein Flug, um alle paar Jahre die Familie zu besuchen, nicht gleich hoch besteuert ist wie der x-te Flug in eine Steueroase. Angesichts der Klimakrise reicht aber auch das nicht.

Ein anderer Schritt, der sehr leicht machbar ist, ist ein Verbot für Nachtflüge an Flughäfen, zum Beispiel zwischen 23 Uhr und 7 Uhr früh. Da ist der Fluglärm nämlich besonders schädlich für die Gesundheit. Am Flughafen Zürich gibt es ein solches Verbot bereits, in Wien aber nicht.

MOMENT.at: Eine Umfrage des Momentum Instituts zeigte 2024, dass sieben von zehn Menschen Privatjets verbieten wollen. Trotzdem passiert das nicht. Warum?

Kapfinger: Es gab zum Beispiel am Flughafen Schiphol in Amsterdam schon die Ansage von einem CEO, dass Privatjets dort verboten werden. Der Flughafen ist nach großem Druck wieder zurückgerudert und der CEO ist nicht mehr CEO (Anm. d. Red.: Krisenmanager Ruud Sondag leitete die Royal Ship Group zu dieser Zeit als vorübergehender CEO.). Es braucht dringend mutigere Maßnahmen, die die Unterstützung der Mehrheit der Menschen haben. Diesen politischen Mut gibt es aktuell leider nicht.

MOMENT.at: Dass Fliegen schädlich ist fürs Klima, ist inzwischen wohl allen bekannt. Die vermeintliche Lösung der Industrie sind nachhaltigere Treibstoffe. Kriegen wir die Luftfahrt nachhaltig?

Kapfinger: Nachhaltige Luftfahrt ist ein Widerspruch in sich. Das einzige grüne Flugzeug ist das, das am Boden bleibt. Flugverkehr ist eben das klimaschädlichste Transportmittel und es ist sehr schwer, es weniger klimaschädlich zu bekommen. Das weiß auch die Industrie. Sie setzt dennoch seit Jahren immer wieder auf neue Scheinlösungen, die eine wirkliche Reduktion verzögern. Auch die sogenannten nachhaltigen Treibstoffe sind eine Hinhalte-Taktik. Es ist unmöglich, die aktuellen Flugzahlen - und erst recht nicht die Prognosen des Wachstums – mit unseren Ressourcen abzudecken. Wenn wir das aktuelle Flugniveau mit Treibstoffen aus erneuerbarer Energie erzeugen wollen, dann bräuchten wir mehr als die 1,5-fache Menge des aktuell verfügbaren erneuerbaren Stroms. Und wir brauchen erneuerbare Energie für Bereiche, die lebensnotwendiger sind als der Flugverkehr: für die Landwirtschaft, den öffentlichen Verkehr, den Gesundheitsbereich.

Statt der Flugindustrie weiter Steuerprivilegien durchgehen zu lassen, sollte man den öffentlichen Verkehr und nachhaltige Mobilität am Boden leistbarer machen

Mira Kapfinger, Stay Grounded
MOMENT.at: Die logische Konsequenz daraus wäre, dass wir weniger fliegen müssen. 2025 war aber sogar ein Rekordjahr. Heuer dürften wegen Nahostkrise und dem teureren Treibstoff zumindest in Österreich etwas weniger Menschen fliegen. Nun wollen in Österreich Michael Ludwig (SPÖ Wien) und Johanna Mikl-Leitner (ÖVP Niederösterreich) die Flugabgabe streichen, um das zu verhindern. Warum ist das nicht nur klimapolitisch eine Katastrophe, sondern auch ungerecht? 

Kapfinger: Der Flugverkehr ist ein Sektor, der eben sehr viele Steuerprivilegien bekommt. Es wäre extrem ungerecht, wenn sogar die kleinen Beiträge, die er leistet, jetzt auch noch abgeschafft werden. Insbesondere in einer Zeit, wo überall gekürzt wird und die Preise für nachhaltigere Alternativen wie Bus und Bahn steigen. Statt der Flugindustrie weiter Steuerprivilegien durchgehen zu lassen, sollte man den öffentlichen Verkehr und nachhaltige Mobilität am Boden leistbarer machen - damit die klimafreundliche Entscheidung einfach ist. Der VCÖ hat auch vorgerechnet, dass die Abgaben nur ein Drittel von dem betragen, was der Flugindustrie über die fehlende Kerosinsteuer geschenkt wird - und der Flugverkehr genießt noch mehr Steuerprivilegien.

Das zeigt auch, für wen Politik gemacht wird. Für die Profite von Unternehmen, die noch dazu ihre Beschäftigten ausbeuten. Dass die Flugabgabe jetzt diskutiert wird, ist ein Kniefall vor dem irischen Milliardär und Ryanair-Chef Michael O’Leary. Der hat gedroht, Flugzeuge abzuziehen, wenn die Flugabgabe nicht wegkommt. Und wenig später wird es von der Politik gefordert.

MOMENT.at: Welche Rolle spielt der Schaden, den die Flugindustrie anrichtet, bei der Frage nach Gerechtigkeit?

Kapfinger: Auch in einem reichen Land wie Österreich fliegt ein Großteil der Menschen in einem Jahr gar nicht. Nur sieben Prozent fliegen dreimal oder öfter. Gleichzeitig zahlen wir alle für die Steuerprivilegien, die der Flugverkehr genießt. Wir alle tragen die Folgen vom Flugverkehr mit der drastisch ansteigenden Erderhitzung und vor allem Anrainer:innen sind von Gesundheitsproblemen und Fluglärm betroffen. Außerdem sind die fruchtbarsten Böden Österreichs unter dem Flughafen Wien begraben. Zum Glück konnte die dritte Piste durch jahrzehntelangen Kampf gestoppt und sehr viele Hektar wertvoller Acker gerettet werden.

Ein weiteres Problem, das in den vergangenen Jahren zugenommen hat, ist die Verschränkung zwischen Flugindustrie und Massentourismus. In Städten wie Barcelona oder Lissabon zeigt sich das besonders. Die Flugindustrie bringt die Menschen in die Stadt und Firmen wie Airbnb verdrängen Wohnraum – während sich Bewohner:innen vor Ort das Leben nicht mehr leisten können. Auch da ist es so, dass ein kleiner Teil viel fliegt und Lebensräume zerstört, während eben die Menschen in den Städten vertrieben werden.

MOMENT.at: Wien und Niederösterreich sind jeweils mit 20 Prozent am Flughafen Wien beteiligt. Ist das ein Problem?

Kapfinger: Ich sehe kein Problem darin, dass die Stadt Wien und das Land Niederösterreich Anteile am Flughafen Wien haben. Ich sehe ein Problem darin, wie sie ihre Möglichkeit der Mitsprache nutzen. Das steht im Widerspruch zu Klimazielen und anderen Zielen für nachhaltige Entwicklung, die sich die Regierungen setzen.

Wir sagen, dass der Flugverkehr, der übrig bleibt, in öffentliches Eigentum überführt werden sollte. Damit demokratisch entschieden werden kann, welche Flüge notwendig sind und die Flugindustrie nicht an den Profiten einzelner Weniger ausgerichtet wird. Beim Flughafen Wien ist auch unklar, wer der größte Eigentümer eigentlich ist, und für wen überhaupt Profite erwirtschaftet werden. Lange dachte man, dass ein australischer Pensionsfonds dahintersteht. Dann hat sich gezeigt, dass eine Briefkastenfirma auf den Cayman Islands dahintersteckt.

MOMENT.at: Argumentiert wird mit Arbeitsplätzen. Was entgegnen Sie diesbezüglich?

Kapfinger: Die Flugindustrie wird sich verändern – entweder vorausschauend geplant oder durch Katastrophen. Es wäre sinnvoller, jetzt einen sicheren Umbau der Industrie zu beginnen: mit Umschulungsprogrammen, damit Regionen nicht von einem Sektor abhängig sind, der keine Zukunft hat.

Studien belegen auch, dass es keinen positiven Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Flughafenausbau gibt, gerade in Westeuropa. Es ist eher umgekehrt. Ein höheres Wirtschaftswachstum führt dazu, dass Menschen mehr fliegen. Aber die fliegen ja auch weg. In Österreich fliegen mehr Leute weg als für den Tourismus herkommen.

Ein anderes Argument ist, dass die Fluglinien und die Passagiere dann nach Bratislava auswichen. So wurde auch 2016 für die dritte Piste argumentiert. Das war der Grund, warum wir begonnen haben, uns international zu vernetzen. Wir wollten zeigen: es geht nicht um „entweder hier oder dort“, sondern um „weder hier noch anderswo“. Es gibt auf der ganzen Welt Widerstand gegen Flughafenausbauten und das extreme Wachstum der Flugindustrie. Außerdem müssen die Emissionen global runter.

MOMENT.at: Was fordert Stay Grounded konkret? Wie sieht eine gerechte Mobilität aus?

Kapfinger: Keinen Flughafenausbau mehr, keine Privatjets, keine Nachtflüge. Kurzstreckenflüge müssen auf die Bahn oder andere Alternativen verlagert werden und auch Langstreckenflüge und Geschäftsreisen müssen weniger werden. Insgesamt fordern wir eine Reduktion des Flugverkehrs, die der drohenden Klimakatastrophe angemessen ist. Das heißt 80 Prozent weniger Emissionen in Europa bis 2030. Natürlich muss das einhergehen mit dem Ausbau von Alternativen und Sicherheit für die Beschäftigten in der Industrie, also begleitete Umschulungsprogramme und Jobgarantien.

Zur Person: 

Mira Kapfinger ist Mitbegründerin des Netzwerks Stay Grounded. Sie hat Umwelt- und Bioressourcenmanagement studiert und engagiert sich seit vielen Jahren in der Klimagerechtigkeitsbewegung. Stay Grounded ist ein globales Netzwerk von mehr als 200 Mitgliedsorganisationen wie Klimagerechtigkeitsgruppen, NGOs und Gewerkschaften. Am 31. Oktober 2026 feiert das Netzwerk 10-jährige Bestehen. 

    Neuen Kommentar hinzufügen

    Kommentare 0 Kommentare
    Kommentar hinzufügen

    Neuen Kommentar hinzufügen

    Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Beitrag!