Ein Regal in einem Sozialmarkt, in welchem nur mehr wenige Lebensmittel liegen.

Die Regale sind teilweise ziemlich leer in den Sozialmärkten.

/ 22. Dezember 2022

Tafeln und Sozialmärkte haben in der Krise neue Bedeutung erhalten. Der erste Sozialmarkt in Österreich wurde allerdings bereits vor mehr als 20 Jahren eröffnet. Schon damals wollten die Betreiber:innen selbst nicht, dass es sie geben muss. Von diesem Traum sind wir aber auch heute noch weit entfernt.

Ich weiß nicht, wie voll die Regale sonst im Sozialmarkt Neubau in der Neustiftgasse sind. Bei meinem kürzlichen Besuch waren viele davon fast leer. Vor allem die Beschriftung der Fächer verrät, was hier eigentlich zu finden sein sollte: “Milchprodukte”, “Wurst und Käse”, “Mehlspeisen”. „Pro Einkaufskarte können Sie 1 Stück Fleisch, Fisch, Eier und Butter kaufen“, steht auf einem Blatt Papier.

Tafeln und Sozialmärkte retten in Österreich Lebensmittel und geben diese gratis oder zu günstigen Preisen an Menschen, die an oder unter der Armutsgrenze leben. Armut verhindern können sie nicht, nur die Folgen abfedern. “Wir haben bei der Gründung gesagt, der schönste Tag ist erreicht, wenn unsere Organisation und unsere Idee nicht mehr notwendig ist”, sagt Gerhard Steiner, Präsident der SOMA Österreich & Partner. Dann wäre der Wohlstand endlich gut genug verteilt. 

Einstweilen übernehmen die Einrichtungen eine wichtige Rolle im Kampf gegen Hunger und Lebensmittelverschwendung, schreiben Betreiber:innen in einer Presseaussendung. Damit ist die Ernährungssicherheit der ärmeren Bevölkerung abhängig von diesen Organisationen. Und die wiederum von den Spenden und dem Engagement einzelner Betriebe und Privatpersonen. Sie stehen zunehmend unter Druck.

Immer mehr Menschen können sich das Leben nicht leisten

Denn immer mehr Menschen zählen zu der ärmeren Bevölkerung. Obwohl Österreich zu den reichsten Ländern der Welt gehört, waren 2021 hierzulande 1,5 Millionen Menschen armutsgefährdet. 

Fehlende Umverteilung, die Teuerung, der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die Auswirkungen der Pandemie treiben die Armutsgrenze weiter nach oben. Immer mehr Menschen sind auf Sozialmärkte angewiesen. Es kommen Mindestpensionist:innen, Alleinerzieher:innen und Geflüchtete, zunehmend sind auch Erwerbstätige und ehemalige Selbstständige darunter, schildert Steiner die Situation. Bis zu 30 Prozent mehr Kund:innen haben die Sozialmärkte aktuell im Vergleich zum Vorjahr. In Vorarlberg gibt es weder Tafeln noch Sozialmärkte, sondern den Verein Tischlein Deck Dich. Und auch dieser unterstützt heute wesentlich mehr Menschen. Im vergangenen Jahr seien es 530 Familien, inzwischen rund 1.000, erzählt Obmann und Gründer Elmar Stüttler. 

“Jene Menschen sind mit der Verletzung ihres Rechts auf Nahrung konfrontiert”, kritisiert Erwin Berger von der Volkshilfe Österreich. Dabei ist das Recht auf Schutz vor Hunger und auf angemessene Ernährung nicht nur ein moralisches. Es ist sogar völkerrechtlich bindend abgesichert. Im Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, den Österreich 1978 ratifiziert hat.

Steigende Preise treffen Ärmere besonders hart

Verfügbarkeit, Zugang, Nutzung und Stabilität sind die vier Säulen, die für die Ernährungssicherheit relevant sind. Es geht also nicht nur darum, ob genügend Lebensmittel in guter Qualität vorhanden sind, sondern auch darum, ob die Menschen diese kaufen können. Die Preise im Vergleich zu den Einkommen sind also wesentlich für die Ernährungssicherheit.

Und da gibt es eine schlechte Entwicklung: Die Preise für Nahrungsmittel steigen weiter und weiter. Lebensmittel und alkoholfreie Getränke waren im November um 15 Prozent teurer als vor einem Jahr. Das betrifft Menschen mit niedrigen Einkommen besonders stark. Sie geben nämlich einen wesentlich größeren Anteil des Einkommens für grundlegende Dinge wie Wohnen, Wasser, Energie und eben Lebensmittel aus. 

Wie steht es um die Ernährungssicherheit in Österreich?

Der Global Food Security Index (GSFI) vergleicht die Ernährungssicherheit von 113 Ländern. Österreich lag 2022 auf dem 12. Platz. Die Rangliste speist sich aus vielen Kriterien. Dabei, ob sich Menschen Lebensmitteln leisten können und ob sie bei Preisschocks unterstützt werden. In diesem Bereich liegt Österreich auf dem 11. Platz. 

Im internationalen Vergleich steht es also gut um die Ernährungssicherheit in Österreich. Das aber dank Organisationen wie den Tafeln und den Sozialmärkten. Sie sind private Initiativen, aber gelten für das Ranking als „Programme und Richtlinien zur Unterstützung“. 

Arme Menschen sterben 10 Jahre früher als der Rest der Bevölkerung

“Sozialmärkte dienen der Symptombekämpfung und sollten eine Notlösung bleiben”, meint Berger. Armut mache vor allem eine gesunde Ernährung schwierig. Denn gerade gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemüse sind teuer und oft auch bei den Hilfsorganisationen weniger vorhanden. Das bestätigen auch deren Betreiber:innen. Von Armut betroffene Menschen essen deshalb tendenziell mehr Fertigprodukte, Fett, Zucker oder Fleisch. 

In der Folge leiden sie öfter unter chronischen Krankheiten. Menschen, die messbar arm sind, sterben um mehr als zehn Jahre früher als der Rest der Bevölkerung. Diese enorme Einschränkung der Lebenserwartung betrifft in Österreich fast 270.000 Menschen (3,2 Prozent) - in etwa die Bevölkerung der zweitgrößten Stadt Graz.

“Der Kern des Problems ist nicht der Mangel an Nahrungsmitteln, sondern die seit Jahren bestehende ungleiche Einkommens- und Vermögenskonzentration und die hohen Kosten gesunder Lebensführung”, führt Berger aus.

Wie sollte Ernährungssicherheit aussehen?

Laut Berger braucht es ein Modell, das durch die Reichsten finanziert wird - und nicht auf den Schultern jener lastet, die ohnehin schon zu wenig haben. Es sei Zeit für Gewinnabschöpfungen von Krisen-Profiteuren und vermögensbezogene Steuern. Dafür brauche es armutsfeste Sozialsicherungssysteme. Dazu gehören eine Erhöhung der Mindestsicherung und des Arbeitslosengelds sowie der Notstandshilfe und aktuell auch wiederkehrende Direktzahlungen. Sie sollen armutsbetroffenen Haushalten ohne Stigmatisierung zugutekommen. 

Tafeln und Sozialmärkte arbeiten an unterschiedlichen Ecken, Enden und Problemen

Initiativen wie Sozialmärkte und Tafeln leisten auch einen Beitrag zur Nachhaltigkeit, indem sie Lebensmittel retten, die ansonsten weggeworfen werden. “Wir sammeln 30 bis 40 Tonnen Lebensmittel jede Woche. Das wegzuschmeißen wäre Wahnsinn”, sagt Stüttler. Außerdem gibt es teilweise auch Kooperationen, um Arbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. 

Das und die gute Bilanz im internationalen Vergleich sprechen für die Initiativen. Man könnte meinen, dass das System recht gut funktioniert. Doch abgesehen davon, dass die Notlösung zum permanenten System wird, stehen die Organisationen zunehmend unter Druck. 

Weniger Spenden für mehr Menschen

Für mehr Menschen, die bei den Sozialmärkten einkaufen, gibt es tendenziell weniger Spenden. Einerseits habe auch der Handel selbst weniger Ware, erzählt Steiner. Andererseits gibt es immer mehr Initiativen, die die überschüssigen Lebensmittel verwerten und zu Geld machen. Das ist grundsätzlich gut, findet Alexandra Gruber, Obfrau des Verbands der österreichischen Tafeln und Geschäftsführerin der Wiener Tafel. Denn das zeigt, dass das Bewusstsein steigt und weniger Lebensmittel weggeworfen werden. Diese Lebensmittel fehlen aber in den Sozialmärkten.

Hinzu kommt, dass die Teuerung nicht nur die Bevölkerung im Alltag trifft. Mit den steigenden Preisen für Strom, Treibstoff, Lebensmittel und Co steigen auch die Kosten für die Sozialmärkte. Bislang konnte man die Preise in den Sozialmärkten für die Kund:innen noch recht stabil halten, sagen Betreiber:innen. Steiner fügt aber hinzu, dass man sie in Zukunft wohl erhöhen müsse.

Außerdem gehen gerade in Krisenzeiten Spenden von Privatpersonen häufig zurück. Sie brauchen das Geld selbst zum Leben oder als sicheres Polster. Ist die Ernährungssicherheit von privaten Organisationen und Privatpersonen abhängig, dann ist sie ganz einfach nicht sicher.

Die Politik ist gefordert

Damit die Arbeit der Organisationen wie Tafeln und Sozialmärkte gegen Hunger und Lebensmittelverschwendung gesichert ist, ist die Politik gefordert. Steiner fordert finanzielle Unterstützung, um zumindest die Preissteigerungen abzufedern. Diese Hilfe könne auch an die Größe der Märkte geknüpft werden. 

Steiner kritisiert, dass Sozialmärkte in den vergangenen Jahren im Vergleich zu anderen Branchen keine Förderungen erhalten haben. Auch Stüttler erläutert, dass sein Verein völlig unabhängig von Politik und Staat sei und rein auf Spendenbasis finanziert wird. 

Die Tafeln wiederum erhielten 2021 immerhin erstmals eine größere Förderung des Sozialministeriums. Sie wurde einmalig ausbezahlt, sollte Kosten für angestelltes Schlüsselpersonal und den Ausbau von Infrastruktur mit Kühlfahrzeugen, Gabelstaplern, Kühlschränken usw. unterstützen. Eine dauerhafte Unterstützung gibt es nicht und damit ist auch ihre Arbeit nicht gesichert - gerade in Zeiten der Teuerung.

Lebensmittel vom Acker retten

Auch bei den Lebensmittelspenden ließe sich mehr herausholen. Es gebe etwa noch Betriebe, die Lebensmittel spenden könnten und das nicht tun, erklärt etwa Peter Kohls von den Sozialmärkten der Wiener Hilfswerke.

Darüber hinaus werde reichlich Potenzial entlang der gesamten Wertschöpfungskette nicht genutzt, betont Gruber. Die meisten Lebensmittel werden in Haushalten verschwendet - gefolgt von der Landwirtschaft, der Gemeinschaftsverpflegung, der Produktion. Erst zum Schluss kommt der Handel.

Das zu verbessern, ist nicht immer einfach. In den Haushalten vermisst Gruber mehr Bildung. Wer sich mit Ernährung besser auskenne, würde weniger Lebensmittel verschwenden. 

In der Landwirtschaft bleiben Tonnen an Lebensmitteln am Acker liegen, die gerettet werden könnten. Dafür sei der Aufwand aber sehr groß, denn die Lebensmittel müssen vom Feld gesammelt und zu den Märkten und Tafeln gebracht werden. Das ist kaum schaffbar für die Organisationen, die von haupt- und ehrenamtlichen Helfer:innen getragen werden. Bei der Gemeinschaftsverpflegung und der Gastronomie sei es wiederum eine rechtliche Frage. Die Tafeln und Sozialmärkte müssen für die von ihnen verkauften Lebensmittel und Speisen die Haftung übernehmen. Sie garantieren, dass diese noch gut und genießbar sind. „Lebensmittel sollen natürlich ordnungsgemäß verwendet, gelagert, verpackt etc. werden. Aber die Haftung kann nicht allein bei den Tafeln liegen“, kritisiert Gruber und meint, Österreich hinke in diesem Bereich noch hinterher. In Italien gebe es bereits ein besseres System der Haftungsausschlüsse.

Wenn die Ernährungssicherheit schon nicht von Politik und Staat gewährleistet wird, sollte zumindest die Arbeit derer gewährleistet und erleichtert werden, die in der Not einspringen. 

Noch nachhaltiger wäre aber, Armut und ihre Folgen politisch abzuschaffen. Damit Löhne und Sozialleistungen zum Leben reichen. Und die Sozialmärkte endlich ihren schönsten Tag erleben - ihren letzten.   

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