Arbeiten in der Pflege
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/ 14. Mai 2021

Anja (34) ist Behindertenbetreuerin in Niederösterreich. Die Arbeit in der Pflege lastet schwer auf ihr und ihren KollegInnen. Der Respekt und die Wertschätzung fehlen – was sich in Gehalt und Stundenanzahl niederschlägt. Für unsere Serie „Was ich wirklich denke“ erzählt sie uns was getan werden muss, damit Pflege auch nachhaltig funktionieren kann.

Meine Arbeit als Behindertenbetreuerin ist schön. Ich kann Menschen helfen und etwas in der Gesellschaft bewegen. Ich und meine KollegInnen helfen gerne – das ist ja immerhin unser Beruf – aber wir werden als selbstverständlich gesehen. Auf Dauer darf das Arbeiten in der Pflege nicht mit einem Burnout enden. Es braucht grundlegende Änderungen, um das System Pflege nachhaltig zukunftssicher zu machen.

Das Bild von Frauen in der Pflege hat sich nicht geändert

Ein massives Problem im Pflegebereich ist, dass Frauen in der Pflege noch immer als Zuverdienerinnen gesehen werden. In den meisten Einrichtungen ist der Großteil der Arbeitenden weiblich, aber geleitet werden die Einrichtungen fast ausschließlich von Männern. Man erlebt als Frau in Pflege oft Verblüffung, wenn man sagt, dass man mehr als 20 oder 25 Stunden arbeiten will. Unlängst musste ich mich bei einer Bewerbung dafür rechtfertigen, dass ich Vollzeit arbeiten will. Ob mir 30 Stunden nicht genug seien? 

Arbeiten in der Pflege – oft wird man nicht für das eingestellt, was man kann

Das ist nicht genug. Davon kann man nicht leben. Wenn man einen Job annimmt, wird man nach dem Sozialwirtschafts-Kollektivvertrag bezahlt, aber oft leider nicht angemessen. Man wird teilweise heruntergestuft, muss mehr leisten als ausgemacht und so wird einem auch wieder Geld und Wertschätzung entzogen. 

Man ist oft chancenlos, wenn man Forderungen durchsetzen will. Ich bin zum Beispiel ausgebildete Diplomsozialbetreuerin für Behindertenarbeit. Ich bin für meine Tätigkeit unter der Stufe eingestuft worden, in der ich eigentlich sein sollte. Solche Sachen muss man sich gefallen lassen, wenn man in der Pflege arbeitet.

Durch Corona hat sich das Arbeiten in der Pflege verschlechtert

Ein massives Problem durch Corona ist, dass wir nicht mehr zur Ruhe kommen. Unsere Ruhezeiten, in denen wir entspannen und versuchen den Kopf freizubekommen, werden durch die Lockdowns massiv beschnitten. Auch der gesellschaftliche Druck ist gestiegen: Man muss in der Arbeit, im Haushalt und bei der Kinderbetreuung, also einfach immer, funktionieren. Und am nächsten Tag wieder alles von vorne.

Schlechte Arbeitsbedingungen in der Pflege lassen Frust entstehen

Von uns Menschen, die in der Pflege arbeiten, wird erwartet, dass wir aus einem Altruismus arbeiten und wir uns gerne aufopfern. Als ob wir schon dankbar sein müssten, den Job überhaupt haben zu dürfen. Aber die pure Hilfsbereitschaft zahlt unsere Rechnungen nicht. 

Es ist frustrierend, unter diesen Bedingungen arbeiten zu müssen, weil man stets vor die Wahl gestellt wird. Hilft man bedingungslos denjenigen, die Hilfe brauchen und riskiert dabei kaputt zu werden? Oder man denkt „egoistischer“ und macht nur das, wofür man bezahlt wird – auf Kosten der Gepflegten? Ich habe jetzt für mich beschlossen, wirklich nur das zu tun, wofür ich bezahlt werde – einige meiner KollegInnen machen mehr als das. Und ich sehe, wie schlecht es ihnen dadurch geht.

Eine 30-Stunden-Woche und mehr Bezahlung braucht es um die Arbeit in der Pflege zu verbessern

Wir geben so viel – wir arbeiten hart, sind für die Menschen da und gehen täglich über unsere Grenzen hinaus  – aber bekommen nur so wenig. Es braucht mehr Bezahlung – auch wenn es nur ein wenig mehr ist. Existenzängste gehören fast schon zum Job dazu. Diese Existenzängste beeinträchtigen uns – wir können nicht so viel geben, wie wir wollen. Wenn ich finanziell abgesichert bin, und mir keine Sorgen mehr machen muss, wie ich das Nötigste bezahle, schlägt sich das in meiner Arbeit nieder: Ich bin auch motivierter und kann den Menschen viel mehr geben.

Mehr Bezahlung kann auch bedeuten, dass man für den vollen Lohn weniger arbeiten muss. Wir wollen eine 35-Stunden-Woche. Das ist das Mindeste. Im Bestfall wären es sogar 30. Es ist eine sehr anstrengende Arbeit, und es macht einen einfach fertig, stets verfügbar sein zu müssen und stets alles geben zu müssen. Wir brauchen ein bisschen mehr Ruhe- und Erholungszeiten. 

Es braucht auch Wertschätzung für die ArbeiterInnen im Handel 

Es ist mir wichtig zu sagen, dass ich das nicht nur für uns fordere. Das gilt zum Beispiel auch für die Angestellten im Handel. Auch die leisten außerordentliches und geraten in Vergessenheit

In systemrelevanten Berufen - in der Pflege und im Handel - arbeiten zum Großteil Frauen. Wenn man hier endlich etwas ändern, uns besser bezahlen und unsere Arbeitswoche verkürzen würde, könnten alle davon profitieren. Mit mehr Lohn könnten sich Frauen finanziell besser absichern und unabhängiger agieren. Unabhängige Frauen können sich besser von toxischen Partnerschaften lösen, sich besser auf die Arbeit fokussieren und leichter einen Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit finden.

Durch Corona wurden die Probleme beim Arbeiten in der Pflege erst sichtbar

Diese Probleme – die schlechte Bezahlung, die Mehrarbeit, die wir leisten müssen, die Wertschätzung, die wir nicht bekommen, die nicht-existierende Work-Life-Balance – gibt es aber nicht erst seit der Pandemie. Diese Probleme wurden erst durch die Pandemie richtig für die Gesellschaft sichtbar.

Ich hoffe, dass mit dem Ende der Pandemie auch die Situation für die Personen, die in der Pflege arbeiten, verbessert wird. Wir können leider nicht wie andere streiken gehen – es gibt Menschen, die uns brauchen. Und die wollen wir nicht im Stich lassen – obwohl es uns schmerzt und frustrierend ist. 

Ich wünsche mir, dass hier die Regierung mehr macht. Denn es kann nicht sein, dass wir in der Pflege so lange und hart arbeiten müssen, bis wir selbst gepflegt werden müssen. Es kann nicht sein, dass wir nur geben und nichts bekommen. Es kann nicht sein, dass wir so hart und lange arbeiten müssen, bis wir ein Burnout bekommen. 

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