Zu sehen sind ein Haufen Kleiderhaken, die ein Symbol der Pro-Choice Bewegung sind. Zwischendrin Plakate mit Protestparolen auf Polnisch.

Polnischen Pro-Choice Aktivist:innen kämpfen gegen die extrem restriktiven Gesetze. Auch in Österreich war Abtreibung vor nicht allzu langer Zeit noch verboten, ungewollt Schwangere mussten ins Ausland.

Foto: Zuza Gałczyńska für Unsplash

/ 8. November 2021

Marianne, 67, hat in Jugoslawien abgetrieben, als sie 17 Jahre alt war. Damals war Abtreibung in Österreich strafbar. Wie diese Erfahrung sie geprägt hat, erzählt sie für die Serie "Was ich wirklich denke".
 

Ich bin in einer bürgerlichen Familie aufgewachsen. Sexualität war kein Thema. Mit 16 Jahren hatte ich meinen ersten Freund. Uns war klar, in welche Richtung unsere Beziehung geht. Deswegen habe ich bei meinen Eltern mal wegen Verhütung gefragt. Die Antwort war Nichtverständnis. Ich habe dann mit Kalender verhütet und bin innerhalb kürzester Zeit schwanger geworden. Ich war 17 Jahre alt und hatte gerade die Matura hinter mir.

Schwangerschaftstests gab es damals nicht einfach zu kaufen. Also bin ich zu einem Arzt in meinem Bekanntenkreis, der die Schwangerschaft bestätigt hat. Er hat mir angeboten, mit meinen Eltern zu sprechen. Ich habe dann erfahren, dass meine Mutter drei Abtreibungen gehabt hatte. Und mein Vater hat mir gesagt: "Wenn der Doktor damals nicht verhindert gewesen wäre, dann wärst du jetzt auch nicht da." Heute muss ich lachen, wenn ich das erzähle.

Abtreibung war damals strafbar, ich musste ins Ausland

Meine Eltern haben mir ein Ultimatum gestellt: Entweder ich breche die Schwangerschaft ab oder sie entziehen mir ihre Unterstützung. Die Eltern meines Freunds waren ganz anders. Sie haben uns versichert, uns zu unterstützen. Aber ich habe nicht gewagt, gegen den Willen meiner Eltern zu handeln.

Mein Vater wollte, dass mein Gynäkologe die Abtreibung durchführt, der hat aber abgelehnt. Der Arzt meiner Mutter war nicht mehr aktiv. Das war im Jahr 1971, also vier Jahre bevor die Fristenregelung in Kraft getreten ist. Abtreibung war damals strafbar, auch in den ersten Wochen. Ich konnte also nicht in die nächste Klinik für einen Termin. Da ist mir eine Freundin eingefallen, die in Jugoslawien gelebt hat. Sie hat mir gesagt, in Zagreb ist Abtreibung legal, ich kann einfach einen Termin ausmachen.

Ich habe keine Narkose bekommen

Weil ich noch nicht 18 Jahre alt war, musste meine Mutter mitkommen. Mein Freund ist auch mitgefahren. Es war recht unkompliziert. Wir sind angekommen, der Eingriff wurde am selben Tag durchgeführt. Eine Krankenschwester hat Deutsch mit mir gesprochen, aber erst nach dem Eingriff. Der Umgang davor und währenddessen war nicht sehr wertschätzend, aber in Ordnung. Allerdings habe ich keine Narkose bekommen. Im Nachhinein denke ich, dass in diesem Moment, mit diesem Schmerz, mein Leben als Erwachsene begonnen hat. Ich habe beschlossen: Mir sagt niemand mehr, wie ich zu leben habe.

Später habe ich erfahren, dass ich für einen kleinen Aufpreis eine Narkose gekriegt hätte, aber angeboten hat das niemand. Ich weiß nicht mehr, wie viel der Abbruch gekostet hat, aber ich erinnere mich daran, dass es nicht viel war für uns.

Am Krankenzimmer habe ich lauter Österreicherinnen kennengelernt

Ich musste dann noch über Nacht bleiben zur Beobachtung. Am Zimmer habe ich andere Frauen kennengelernt. Lauter Österreicherinnen, zwei Bäuerinnen aus der Südsteiermark und Kärnten, zum Beispiel, die den Abbruch als Routineeingriff erlebt haben. Wenn man die Adresse gekannt hat, war es gut.

Aber eine Frau, mit der ich gesprochen habe, hatte es nicht so leicht. Sie ist mit dem Zug in Zagreb angekommen, alleine, ohne Begleitung oder Sprachkenntnisse, hat sich ins Taxi gesetzt und den Namen des Spitals genannt. Der Taxifahrer hat sie zu einer Privatklinik in einem Hinterhof gebracht. Man hat ihr gesagt, es sei alles in Ordnung, es koste nicht viel und sie solle jetzt keine Umstände machen. Dort war es so dreckig, dass sie sich nicht ausziehen wollte. Sie hat mir gesagt, offenbar werden alleinreisende Frauen von Fahrern dorthin gebracht, weil sie dafür Geld bekommen.

Der Staat hat eine Notsituation geschaffen, gelitten haben Frauen

Ich kann mich noch gut an ihren Blick erinnern. An den Schock in ihrem Gesicht. Die ganze Geschichte hat mich geprägt. Ich habe gesehen: In Österreich ist Abtreibung verboten, in Zagreb funktioniert die Versorgung zwar, aber es gibt ein dreckiges Subsystem, das am Ende schlicht frauenverachtend ist. Von den Zuständen in den Privatkliniken habe ich in meinem Zimmer im Spital nur einen Bruchteil mitbekommen. Aber es war klar, dass die Not dieser Frauen ausgenutzt wurde, um Geld zu machen. Die Stimmung in diesem Krankenzimmer der Österreicherinnen mit ihren ganz persönlichen Erlebnissen einer (staatlich geschaffenen) Notsituation wäre der Stoff für ein Drehbuch gewesen. Das kommt mir jetzt, 50 Jahre später, zu Bewusstsein.

Auch heute reisen ungewollt Schwangere ins Ausland für einen Abbruch - sogar aus Ländern, in denen Abtreibung erlaubt ist. Wieso?

Die Erfahrung hat mich politisch gemacht. Im Studium habe ich mich zunehmend systemkritischen Gruppen angeschlossen. Ich habe den Tipp mit dem Spital in Zagreb auch weitergegeben, mit dem Zusatz, nach einer Narkose zu fragen. Mit meinem Freund bin ich noch sieben Jahre zusammengeblieben. Die Abtreibung hat nichts an unserer Beziehung verändert. Später habe ich auch erlaubte Abtreibungen gehabt in Wien am Fleischmarkt, obwohl ich mit Spirale, Pille oder Diaphragma verhütet habe. Die Ärztinnen dort waren sehr wertschätzend und hilfreich. Jeder Abtreibung ging ein intensiver Prozess der Auseinandersetzung mit meiner persönlichen Lebenssituation voraus.

Mit 42 Jahren habe ich dann mein Wunschkind bekommen. Es war gut, die Entscheidung selber treffen zu können. Mir war klar: Das ist gut, das passt jetzt. Ich würde jederzeit auf die Straße gehen, um für das Recht auf Selbstbestimmung zu demonstrieren.

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