Daniela Brodesser und ihre neue Kolumne: Armutprobe
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Daniela Brodesser

/ 9. September 2020

Irgendwann bin ich an der Armut zerbrochen. Ich weiß nicht einmal mehr, wann es genau passiert ist. Zwischen Ängsten, Beschämung, Schlaflosigkeit habe ich einen Teil von mir verloren. Ich habe einfach nur funktioniert, für meine Kinder, für meinen Mann und für mein eigenes Überleben gekämpft. Alle Ziele und Träume, die ich einmal hatte, musste ich verwerfen.

Als es noch darum geht, am nächsten Tag das Essen für die Kinder auf den Tisch zu stellen, hatte ich zumindest ein Ziel vor Augen. Wir haben darauf hingearbeitet, aus der Armut zu entfliehen. Jetzt bin ich nur noch erschöpft. Ich weiß nicht mehr, woran ich mich festhalten soll. Große Träume erlaube ich mir längst nicht mehr. Eigentlich müsste ich anfangen für die Zukunft zu planen, neue Ziele stecken, auf etwas hinsparen. Ich wüsste mittlerweile nicht einmal mehr, worauf. Ziele, die früher unrealistisch waren, sind einfach weg. Verdrängt.

Von der Armut ausgebrannt

Ich weiß, dass ich Hilfe brauche. Aber wenn ich daran denke, monatelang auf deinen Kassenplatz für eine Psychotherapie zu warten, wird mir bange. Ich erinnere mich noch gut daran, als mein Mann wegen der Armut ausgebrannt ist. Er hat sich an einen Therapeuten gewandt, der hat ihm aber nahegelegt, dass Burnout eine Managerkrankheit sei. Also hat er einfach weitergemacht. Das hat mein Vertrauen ins Gesundheitssystem nachhaltig geschädigt.

Ja, die schlimmsten Zeiten sind vorbei. Die Miete ist jeden Monat bezahlt. Aber Armut ist nicht nur eine Zeit, die man durchmacht, eine Phase, die wieder vorübergeht. Die Armut hat so tiefe Wunden hinterlassen, dass ich mich manchmal nur noch wie eine trostlose Hülle fühle. Ich erzähle das nicht, weil ich Mitleid möchte. Ich möchte zeigen, wie Armut mich krank gemacht hat. Dass nicht alles plötzlich wie durch Zauberhand gut geworden, weil die Zahl am Konto sagt, dass wir über den Armutsgrenze leben. Armut schüttelt man nicht einfach so ab. Alle Ängste bleiben. Vielleicht sogar für immer.

Trotz allem: Ich suche mir jetzt einen Therapieplatz. Ich habe keine Angst mehr, nicht Ernst genommen zu werden. Ich lasse mich nicht mehr unterkriegen.

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