Die Belegschaft der Mayr-Melnhof Karton AG protestiert gegen die Schließung ihres Werkes.
Rund 150 MitarbeiterInnen protestieren gegen die Schließung der Mayr-Melnhof Karton AG in Hirschwang. Credit: MOMENT
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/ 15. Oktober 2020

Rund 150 MitarbeiterInnen des Kartonwerks im Niederösterreichischen Hirschwang verlieren ihren Job. Sie protestieren heute in Wien gegen die Schließung des Werks, die sie alle zusammen nicht verstehen. Denn die Fabrik war profitabel. Aber nicht genug für die Mayr-Melnhof-Gruppe.

 

Fritz Steinauer kann nicht fassen, dass “seine” Maschine abgedreht wird. 35 Jahre lang hat er für die Mayr-Melnhof Karton AG im Höllental zwischen Schneeberg und Rax gearbeitet. Als Ferialpraktikant hat er dort begonnen und sämtliche Postionen durchlaufen, bis er Werkmeister wurde. “Ich kenne jede Schraube, jeden Knopf. Ich wohne nur drei Minuten vom Werk entfernt, bin zu jeder Tages- und Nachtzeit angerufen worden und sofort gekommen, wenn es Probleme gab,” erzählt Steinhauer. Einmal hat er sogar 26 Stunden durchgearbeitet und oft noch zu Hause an Fehlern getüftelt. 

Nun ist er 55 Jahre alt und hätte als Nachtschwerarbeiter in zwei Jahren in Pension gehen können. Doch dann erfuhr er nach einem Nachtdienst aus den Medien, dass die Kartonfabrik geschlossen wird. Nun muss er abwarten, was im Sozialplan für ihn vorgesehen ist.

Werksleiter Fritz Steinauer von der Mayr-Melnhof Karton AG trägt Mund-Nasen-Schutz und blickt in die Kamera.

Fritz Steinauer hat sein gesamtes Berufsleben in der Mayr-Melnhof Karton AG gearbeitet. Er kann nicht fassen, dass "seine" Maschine abgedreht wird. Credit: MOMENT

“Die Maschine wäre noch 30 Jahre gelaufen”

Das Aus kam für ihn wie für alle anderen der rund 150 MitarbeiterInnen überraschend, schließlich wurden in den letzten Jahren ständig  “Rekordergebnisse” vermeldet. Auch wurde im September noch ein Lehrling eingestellt, der nach nur vier Stunden am ersten Arbeitstag erfuhr, dass das Werk geschlossen wird.

Die Entscheidung muss also rasch gefallen sein. Als Grund wird das Alter und die Bauart der Maschine angegeben, wegen der schon in der “Vergangenheit Geld verloren wurde”. Das hätte sich so fortgesetzt, da die “Marktanforderungen gestiegen seien und nicht mehr von einem Standort dieser Struktur bedient” werden könnten.

Fritz Steinauer versteht das nicht: “Die Maschine war alt, aber sie wäre sicher noch dreißig Jahre gelaufen.”

 

Sozialplan musste erkämpft werden

Die MitarbeiterInnen erfuhren im September von der Schließung. Dann dauerte es aber sechs Wochen, bis Vorstandsvorsitzender Peter Oswald erstmals im Werk der Belegschaft Rede und Antwort stand.

Am Mittwoch Abend konnte ein Sozialplan ausverhandelt werden, für den die BetriebsrätInnen und die Gewerkschaft jedoch schwer kämpfen mussten - das erste Angebot sei eine “Frechheit” gewesen. 

Peter Oswalds Auftritt vor den Protestierenden kam trotz Sozialplan, mit dem auch die Betriebsräte zufrieden sind, nicht gut an. Immerhin kam er persönlich von der Aufsichtsratssitzung in der Wien Zentrale der Mayr-Melnhof Gruppe kurz hinunter zu den Protestierenden. Er sprach von “sozialer Fairness” und verabschiedete sich von den Menschen, die “bald nicht mehr seine KollegInnen sind”.

Fetter Bonus für Manager

Der Sozialplan für die rund 150 ArbeiterInnen soll 4,5 Millionen Euro betragen. Laut Information des Kuriers hat jedoch ein Vorstand bei seinem Ausscheiden Anfang des Jahres 8,6 Millionen Euro an Bonus kassiert - zusätzlich zum Gehalt von 5,2 Millionen Euro.

Die Belegschaft versteht nicht, warum einerseits für Boni so viel Geld ausgegeben wird und in der Vergangenheit nicht mehr in den Standort investiert wurde. Doch Unternehmenssprecher Stephan Sweerts-Sporck antwortete auf MOMENT-Nachfrage: “Der Markt kann aufgrund der Nachfragesituation keine neue Kartonmaschine, die sehr große Kapazitäten mit sich bringt, aufnehmen. Es ist daher weder eine neue Maschine noch ein neuer Standort wirtschaftlich vertretbar.”

 

Droht jetzt auch der Verpackungsfabrik das Aus?

Wenn der Vorstand einer Firma trotz Rekordgewinnen von “Geld verlieren” spricht, dann heißt das, dass andere Maschinen an anderen Standorten einfach profitabler laufen. Und davon hat die Mayr-Melnhof Gruppe noch einige. Weltweit beschäftigt das Unternehmen fast 10.000 Mitarbeiter und erwirtschaftet jährlich 2,3 Milliarden Euro (Daten aus 2017).

Das Unternehmen will sich nur noch auf “Hochleistungsstandorte” konzentrieren. Da wird grundsätzlich nicht lange gefackelt, was die Schließung von Werken betraf, die aus Sicht der Geschäftsführung plötzlich weniger attraktiv erschienen. 2010 wurde etwa eine Kartonfabrik in der Schweiz geschlossen, nachdem eine Emissionssteuer eingeführt wurde, die dem Unternehmen ein Dorn im Aug war. Damals wurden 255 Mitarbeiter auf die Straße gesetzt.

Und nach der Schließung der Karton AG im Höllental stellt sich nun die Frage: Wird die direkt daneben liegende Fabrik für Faltschachteln, die bislang den Karton direkt verarbeitet hat, nun auch geschlossen? Dann würden weitere 200 Menschen ihre Jobs verlieren.

 

Meyr-Melnhof-Familienvertreter "schmerzt der Verlust"

Wer radikal seine Geschäftspläne verfolgt, der kann nicht darauf Rücksicht nehmen, dass hunderte Mitarbeiter in einer Krisenzeit ihre Jobs verlieren. Und das noch dazu in einer Region, in der es schwer bis unmöglich wird, einen neuen Arbeitsplatz zu finden. 

Wie rechtfertigt jedoch die Unternehmerfamilie selbst die Entscheidung des von ihr eingesetzten Geschäftsführers? 

MOMENT hat Georg Mayr-Melnhof erreicht, der seit 2008 im Aufsichtsrat des Familienunternehmens sitzt. Eigentlich wollte er das Familienerbe, zu dem unter anderem der größte Privatwaldbesitz Österreichs zählt, zunächst nicht antreten und Priester werden. Doch die Liebe machte diesem Plan einen Strich durch die Rechnung: Er heiratete und ist nun Vater von vier Kindern - nebenbei Religionslehrer.

Auf die Frage, wie sich die aktuelle Management-Entscheidung mit seinen christlich-sozialen Werten vereinbaren lässt, will er nicht antworten, da der Aufsichtsrat derzeit keine Stellungnahme abgibt, aber: "Soviel kann ich ihnen sagen: Jeder Arbeitsplatz der verloren geht, schmerzt sehr."

Auch Fritz Steinauer schmerzt der Verlust seines Arbeitsplatzes in der Firma, der er sein gesamtes Berufsleben lang die Treue gehalten hat.

 

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