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Ungleichheit

Ben Tarnoff: „Wie stellen wir das Internet auf den Kopf?“

Ein besseres Internet ist möglich
Das Internet ist aus dem Leben im 21. Jahrhundert nicht wegzudenken. Doch es hat gewaltige Probleme, sagt Ben Tarnoff. Er ist ein gefragter Experte auf dem Gebiet, arbeitet selbst in der Tech Branche, hat das Magazin "Logic" gegründet und ist der Autor des Buches "Internet for the People". Tarnoff beschreibt darin den Kampf um unsere digitale Zukunft und wie wir uns das Internet von großen Konzernen zurückholen. Im Gespräch mit MOMENT.at spricht er darüber.

MOMENT.at: Wem gehört denn das Internet?

Ben Tarnoff: Wir müssen zwischen zwei Lagen des Internets unterscheiden: der physischen Infrastruktur und den Plattformen, die wir benutzen. Die physische Infrastruktur gehört vor allem Telekommunikations-Unternehmen. Diese ermöglichen es Menschen, online zu gehen. Telekom-Unternehmen handeln oft national; wie zum Beispiel Horizon in den USA. Die Plattformen, also Websites und Apps, sind öfter von globaler Reichweite. Menschen weltweit benutzen beispielsweise Google und Amazon. Es gibt jedoch auch Ausnahmen: zum Beispiel können Menschen in China oft US-amerikanische Plattformen nicht nutzen.
 

MOMENT.at: Wie ist der heutige Status des Internets zu bewerten?

Tarnoff: Das Internet ist heute um das Prinzip der Profitmaximierung organisiert. Das hat Konsequenzen, viele davon haben beträchtliche soziale Kosten. Zum Beispiel haben Millionen von Amerikaner:innen keinen Zugang zu Breitband-Internet. Es ist zu teuer oder in ihrer Region nicht vorhanden. Weil die herrschenden Unternehmen Profit über soziale Bedürfnisse stellen.

Im Fall der Plattformen hängt das Prinzip der Profitmaximierung beispielsweise mit der Ausbreitung rechter Propaganda in sozialen Netzwerken zusammen. Die Firmen verdienen Geld mit gezielten Werbungen. Daher haben sie einen Anreiz, Inhalt zu promoten, der Klicks generiert und Aufmerksamkeit erregt. Dazu gehört eben solche Propaganda. Dieses Phänomen ist wissenschaftlich gut belegt.
 

MOMENT.at: Auf den Plattformen werden doch auch massenhaft Proteste organisiert, man denke nur an den „Arabischen Frühling“. Ist das nicht gut?

Barnoff: Menschen können existierende Plattformen zweifellos konstruktiv nutzen. Benutzer:innen beweisen hier Kreativität und schaffen kulturelle und politische Gemeinschaften von hohem Wert. Die Frage ist, ob es signifikante Einschränkungen gibt, die dieser Kreativität auferlegt werden. Twitter ist hier ein interessantes Beispiel. Historisch gesehen hat es Menschen ermächtigt, neue Arten politischen und kulturellen Austausches zu gestalten. Seit Musks Übernahme von Twitter wird dieser einst lebendige Raum demoliert. Vielleicht muss man in Zukunft sogar zahlen, um zu tweeten. Twitter ist ein Beispiel dafür, wie Profitmaximierung als Prinzip schädlich für das Internet ist.

Die Infrastruktur des Internets gehört meist Telekom-Konzernen – das muss nicht so sein

MOMENT.at: Was wäre die Alternative zum jetzigen Modell?

Tarnoff: Eine Lösung wäre, die Rolle der Profitmaximierung zu verringern. Die physische Infrastruktur kann zum Beispiel in öffentliche Hand beziehungsweise in die Hand von Gemeinschaften gelangen. Die können die Dienste auf der Basis sozialer Bedürfnisse bereitstellen. Es gibt weltweit viele Beispiele für solche Modelle, die laut Forschungsergebnissen gut funktionieren. 

Auch für Plattformen gibt es interessante Experimente, beispielsweise im dezentralisierten Web. Menschen erforschen hier, wie soziale Netzwerke gestaltet werden können, in denen Benutzer:innen selbst Input dazu geben können, wie Inhalt moderiert wird. Zum Beispiel Mastodon hat Potential.
 

MOMENT.at: Was kann man als Einzelperson zu einer Veränderung beitragen?

Tarnoff: Das hängt davon ab, wo man lebt und wer man ist. Das Internet betrifft uns alle, aber die Möglichkeiten sind von Person zu Person unterschiedlich. Deshalb ist es für mich wichtig, mit allgemeingültigen Prinzipien zu arbeiten. Für mich ist das wichtigste Prinzip Deprivatisierung. Wie nehmen wir ein Internet, das um Privatbesitz und Profitmaximierung organisiert ist, und stellen das auf den Kopf? Wie man darauf genau Einfluss nehmen kann, hängt von den lokalen Gegebenheiten ab. 
 

MOMENT.at: Wie können Alternativen etabliert werden?

Tarnoff: Dafür braucht es öffentliches Investment. Der öffentliche Sektor muss benennen, dass die Gesundheit der digitalen Sphäre eine Sache der Politik ist und Investitionen benötigt. Denn wir haben in den letzten Jahren gesehen: Was im Internet passiert, kann enorme politische Konsequenzen haben. Es war nie einfacher, zu argumentieren, dass der öffentliche Sektor investieren muss.

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