Von Hochwasser unterlaufene Schienen der Pinzgauer Lokalbahn in Krimml (Salzburg).

Die Schienen der Pinzgauer Lokalbahn in Krimml (Salzburg) nach starken Regenfällen.

Pinzgauer Lokalbahn / CC BY-NC-SA 4.0

/ 28. Februar 2022

Am Montag wurde ein neuer Bericht des Weltklimarat veröffentlicht. Er zeigt: Immer mehr Extremwetterereignisse können der Erderhitzung zugeordnet werden. Milliarden Menschen sind von den Folgen der Klimakrise betroffen und menschliche Grundbedürfnisse weltweit gefährdet. Noch könnte sich die Menschheit anpassen und Schlimmeres verhindern. Aber die Zeit drängt. Was bedeutet der Bericht für Österreich?

“Wir sind süchtig nach fossilen Energien”, erklärt Reinhard Steurer, Professor für Klimapolitik an der Universität für Bodenkultur (BOKU) Wien. Ein Vergleich mit einer anderen Sucht soll das klar machen: “Wir rauchen seit Jahrzehnten und dachten immer, den Lungenkrebs kriegt später wer anderer. Spätestens seit 2018 wissen wir aber, dass wir den Krebs schon haben, hier und jetzt. Die Frage ist: Wie weit ist er fortgeschritten und können wir die Metastasen noch eindämmen?”

2018 - das ist das Jahr, in dem der Sonderbericht zur 1,5-Grad-Erhitzung des Weltklimarats (IPCC) veröffentlicht wurde. Der Bericht zeigte, dass der Unterschied zwischen 1,5 °C und 2 °C Erderhitzung  größer wäre als gedacht: Hitzewellen, Dürren oder Überflutungen könnten bei einem halben Grad mehr nicht nur ein bisschen, sondern um ein Vielfaches schlimmer werden. Und Korallenriffe würde es praktisch keine mehr geben.

Aber Korallenriffe sind weit weg. 2018 war auch das heißeste Jahr der österreichischen Messgeschichte. Und es wird nicht das heißeste Jahr bleiben. Die Folgen werden spürbar schlimmer. Der Krebs ist bereits da. Die Klimakrise ist bereits da.

Menschliche Grundbedürfnisse weltweit in Gefahr

Was die Menschheit dagegen tun kann, zeigt jetzt ein neuer Bericht des Weltklimarats. Konkret geht es darin um die Risiken der Erderhitzung und wie stark wir ihren Folgen ausgesetzt sind - aber auch, wie wir uns anpassen können.

Die Klimakrise gefährdet dem Bericht zufolge menschliche Grundbedürfnisse überall auf der Erde. Milliarden Menschen seien der Klimakrise ausgesetzt. Viele Tier- und Pflanzenarten würden bereits an ihre Grenzen stoßen. Besonders hoch seien die Klimarisiken für kleine Inselstaaten und Länder des globalen Südens.

Die Folgen und Gefahren der Klimakrise in Österreich

Reinhard Mechler hat als einer der Leitautoren am Bericht mitgeschrieben. Er ist Klimarisikoforscher am International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) in Laxenburg, Niederösterreich. “Die größten Risiken für Österreich sind Hitze, Ernteausfälle, Wasserknappheit und Überflutungen”, sagt Mechler. “Einige der Klimafolgen sind irreversibel”, erklärt er weiter. Irreversibel heißt: Nicht mehr wieder gutzumachen. Das betreffe etwa Landwirtschaft, Weinbau und unsere Wälder. “Sie sind gegen die zunehmende Wasserknappheit und den Hitzestress nicht gewappnet.” 

Gegen Hochwasser sei Österreich zwar recht gut geschützt, aber Flutkatastrophen wie jene im Vorjahr im Ahrtal in Deutschland mit 134 Todesopfern können auch hier eintreten. Beim Jahrhunderthochwasser im August 2002, als die Donau über die Ufer trat, starben beispielsweise neun Menschen. Die Schäden betrugen mehrere Milliarden Euro.

“Es wird noch immer in Hochrisikogebieten gebaut. Zudem erhöht die Flächenversiegelung gerade in Städten das Risiko von Überflutungen”, kritisiert Mechler. Doch nicht nur Hochwasser kommen uns teuer zu stehen, sondern auch Dürren wie jene im Sommer 2018. Die Erderhitzung könnte Österreich einer Studie der Universität Graz zufolge jährlich 15 Milliarden Euro kosten. Die Klimakrise wird außerdem immer tödlicher: Unvergessen ist etwa der Hitze-Sommer von 2003, der in Europa mehr als 70.000 Todesopfer forderte. Bisher war er noch eine Ausnahme. In der Zukunft drohen solche Sommer häufig zu werden.

Im wärmer werdenden Klima fühlt sich der Borkenkäfer wohl. Das macht vielen Bäumen zu schaffen. Hinzu kommt Hitze und Wasserknappheit.

www.ortederklimakrise.at / Sebastian Kühle / CC BY-NC-SA 4.0

An die Klimakrise anpassen - aber wie?

Die Menschheit könne sich an viele der Risiken anpassen, heißt es im Bericht. “Frühwarnsysteme, Sprühnebel oder Kühlräume helfen beispielsweise gegen die zunehmende Hitze”, erklärt Mechler. Und bei Hochwassern seien Rückhaltebecken ein probates Mittel.

Der Bericht warnt aber auch davor, dass die Anpassung mit jedem Zehntel Grad mehr immer schwieriger wird. Es wird häufiger zu Schäden und Verlusten kommen. Staatliche Katastrophenfonds und Privatversicherungen federn diese in Österreich bisher ab. Die meisten der mehr als drei Milliarden Menschen, die der Klimakrise am stärksten ausgesetzt sind, leben aber in Ländern des globalen Südens. Dort fehlen soziale Versicherungssysteme meist oder sind zu teuer.

Deshalb wird international über Ausgleichszahlungen und Katastrophenfonds verhandelt. Das nötige Geld soll von Industriestaaten kommen. Sie tragen am meisten zur Erderhitzung bei. Reinhard Mechler zufolge schafft der neue Klimabericht eine gute Grundlage hierfür: Erstmals werden Schäden und Verluste durch die Klimakrise auch als solche bezeichnet. Nun müssen die Industriestaaten den wissenschaftlichen Erkenntnissen Folge leisten. Etwa, indem die versprochenen 100 Milliarden US-Dollar jährlich für Länder des globalen Südens zur Verfügung gestellt werden. Dies wäre ein erster, wichtiger Schritt zu mehr Klimagerechtigkeit. Momentan fließt hier zu wenig Geld.

Artenschutz und Indigene Gemeinschaften sind unerlässlich

Eine weiterer wichtiger Punkt im Bericht ist der Schutz der Artenvielfalt. Dafür sollen 30 bis 50 Prozent der Landmassen, Ozeane und Süßwassergebiete unter Schutz gestellt werden. Ökosysteme seien “fundamental” für die Anpassung an die Klimakrise. Etwa Mangrovenwälder oder Korallenriffe, die ob des steigenden Meeresspiegels Küstengebiete vor noch stärkeren Überflutungen schützen.

Ein Abkommen, das wichtige Ökosysteme unter Schutz stellt, könnte auf der nächsten Biodiversitätskonferenz in Kunming (China) verabschiedet werden. Mehr als 100 Staaten haben sich bereits dafür ausgesprochen, 30 Prozent der Erde als Schutzgebiet zu erklären.

Der Bericht des Weltklimarats rät zudem, die Zusammenarbeit mit marginalisierten Menschen, insbesondere mit indigenen Gemeinschaften und ethnischen Minderheiten, zu stärken. "Klimaresiliente Entwicklung" sei nur möglich, wenn Regierungen, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft an einem Strang ziehen. Gerade indigene Volksgruppen spielen eine wichtige Rolle. Sie schützen große Teile bedrohter Ökosysteme wie den Amazonas-Regenwald vor unkontrollierter Abholzung.
 

Welche Bedeutung hat der Bericht für die Klimapolitik?

“Der Bericht hat großes Interesse bei den Vertretern der 195  IPCC-Mitgliedsländer geweckt”, sagt Mechler. Er baut auf dem Sonderbericht zur 1,5-Grad-Erhitzung auf und dient als wissenschaftliche Grundlage für Klimaverhandlungen. Die tausenden Seiten liest aber nicht jeder, der sie lesen sollte. In den letzten beiden Wochen wurde deshalb wie immer die “Zusammenfassung für Entscheidungsfindung” ausverhandelt. Sie verdichtet die 18 Kapitel des Berichts auf 35 Seiten. Dafür wurde Wort für Wort mit den Autor:innen und Regierungsbeamt:innen ausverhandelt. “Alle relevanten Ergebnisse blieben in der Zusammenfassung stehen.”

Reinhard Steurer ist eher skeptisch: “Die Politik lässt sich von solchen Berichten nicht sonderlich beeinflussen.” Berichte des Weltklimarats seien zudem so etwas wie der “kleinste gemeinsame Nenner” wissenschaftlicher Erkenntnisse und eher konservativ formuliert. Der Autor:innen des IPCC betreiben für den Bericht nämlich keine eigene Forschung, sondern fassen eine Vielzahl an Klima-Studien der vergangenen Jahre zusammen. Was Steurer zufolge hingegen Druck erzeugen könne, seien Bewegungen wie Fridays for Future, die durch Berichte wie diesen aktiviert wurden und sich in ihren Forderungen auf die Wissenschaft beziehen. Die große Frage sei, ob sie den Druck von 2019 wieder aufbauen können. Denn das wäre dringend nötig.
 

Das tschechische Dorf Hruška, 80 km von Wien entfernt, nach einem Tornado. Auch Stürme werden durch die Erderhitzung ein immer größeres Risiko.

www.ortederklimakrise.at / Sebastian Kühle / CC BY-NC-SA 4.0

Droht das Klima zu kippen?

“Es gibt eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass wir 1,5 °C noch vor 2040 erreichen”, erklärt Reinhard Mechler. Es könne aber auch noch schneller gehen. Selbst die optimistischsten Szenarien des Weltklimarats gehen längst von einem Überschießen (englisch “Overshoot”) der 1,5-Grad-Grenze aus. Zu lange hat die Welt zu wenig getan, um das zu verhindern. Das würde dem Bericht zufolge eine “unvermeidbare Zunahme zahlreicher Klimagefahren” bedeuten. Damit sind auch Kipppunkte wie das Abschmelzen des Grönland-Eisschilds gemeint, die unumkehrbare und schwer abzuschätzende Folgen mit sich bringen.

“Von 15 Kipppunkten sind bereits neun aktiv”, warnt Reinhard Steuer. “Bei vielen ist nicht klar, wann genau sie irreversibel kippen, also wie stark die Metastasen streuen werden.” Auch dass unsere Zivilisation bis 2100 durch ein Hothouse-Earth-Szenario (übersetzt: Saunaerde) im Chaos versinken könnte, ist nicht auszuschließen. Die Erde hat sich bereits um 1,2 °C erhitzt und mit den derzeitigen Politiken steuern wir auf 2,5 bis 2,9 °C Erhitzung zu. Das ist im Grunde ein katastrophaler Pfad, auf dem wir uns nach wie vor befinden.

Was es deshalb braucht? “Für Österreich: Erstmal das noch immer fehlende Klimaschutzgesetz mit Korrekturmechanismen, falls wir von den Klimazielen abweichen”, sagt Steurer.

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