#NatsAnalyse
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Natascha Strobl

/ 28. September 2020

Schauen wir uns an, was da in der ORF-Pressestunde vom Sonntag passiert ist. Gernot Blümel, Spitzenkandidat der ÖVP Wien für die Landtagswahl am 11. Oktober und Finanzminister auf Bundesebene, antwortete auf die Frage, warum er auf seiner Facebook-Seite ein Posting des Schriftstellers Robert Menasse löschen ließ. Die zentrale Passage lässt sich hier auf Twitter nachsehen

Während Blümel im Wahlkampf ganz im Stil von Sebastian Kurz’ “Neuer Volkspartei” auf die FPÖ-Themen Migration und Sicherheit setzt, lautet einer seiner eher allgemeinen Wahlslogans “Wien wieder nach vorn bringen“. Dieser Spruch erinnert dabei wohl nicht zufällig an Donald  Trumps “Make America Great Again”, also die USA wieder großartig zu machen.

Robert Menasse hat diesen Spruch zum Anlass genommen, in Form eines Facebook-Postings zu hinterfragen, wo dieses „wieder vorn“ sein soll. Eine lesenswerte und amüsante Kritik.

Wie um alles in der Welt kommt Blümel nun dazu, dieses Posting zu löschen und, danach in der Pressestunde befragt, Menasse mit NS-Gedankengut in Verbindung zu bringen? Die Löschung lässt sich wohl so erklären, dass es ist unfassbar unangenehm ist, so vorgeführt zu werden. 

Statt diese Demütigung auszusitzen oder scharfsinnig darauf zu antworten, entschied sich Blümel zur Löschung und löste so den im Internet gut bekannten Streisand-Effekt aus: gerade durch den (ungeschickten) Versuch, eine unliebsame Information zu unterdrücken, wird das Gegenteil erreicht, nämlich eine gesteigerte öffentliche Aufmerksamkeit für die zu unterdrückende Information.  

Bei seiner Antwort in der Pressestunde bediente sich Blümel hingegen einer Taktik, die - wie schon der Slogan selbst - wieder Anleihen bei Trump nimmt. Diejenigen, denen ein Punkt gegen ihn gelungen ist, müssten sich eigentlich entschuldigen. Es ist eine rhetorische Umkehr der Verhältnisse, bei der einfach eine Niederlage in einen Sieg umgedeutet wird. Weil es die Option „entschuldigen“ in dieser Welt nicht gibt.

Der Tiefschlag

Es ist deshalb auch nie die direkte Konfrontation oder die Konfrontation auf Augenhöhe möglich. Bei nächster Gelegenheit folgt der Tiefschlag. NS-Gedankengut vorwerfen ist natürlich die größtmögliche Anschuldigung, die es gibt. Noch dazu gegenüber einem Robert Menasse. Das bleibt picken.

In gespielter Großmut fügt Blümel in der Pressestunde an, dass Menasse es aber bestimmt nicht so gemeint hat. Hier stellt er eine hierarchische Beziehung her - Blümel, der NS-Gedankengut erkennen kann und Menasse, der dafür zu blöd oder ignorant ist. Blümel gibt sich eine belehrende Rolle.

Das ist natürlich eine unglaubliche Chuzpe. Der Subtext ist: dem achso-intellektuellen Robert Menasse ist ein NS-Gedankengut „passiert“, aber ich schlauer und integrer Gernot Blümel lass es auch ihm nicht durchgehen. Ich kann ihm ja erklären, wie das so ist.

Die Nachricht für alle, die es nicht gelesen haben

Interessant ist ja, dass Blümel nicht „NS-Verharmlosung“ sagt (was er wohl meint, was aber genauso lächerlich ist, dazu gleich mehr), sondern bewusst offen „NS-Gedankengut“ sagt. Alle, die das Menasse-Posting nicht gelesen haben, malen sich nun wohl aus, dass Menasse den Nationalsozialismus gelobt hat oder etwas Ähnliches.

Und genau in dieser Schwammigkeit liegt die Diffamierungsstrategie. Blümel antwortet mit keiner Silbe inhaltlich, sondern raunt nur bedröppelt vom „NS-Gedankengut“ des Robert Menasse, das gelöscht wurde. Das ist eine sehr tiefe, sehr schmutzige Diffamierungs- und Verwirrungsstrategie. Leider wurde in der ORF-Pressestunde nicht das Posting eingeblendet und die konkrete Passage besprochen. Es bleibt eine große Verwirrung darüber zurück, was denn nun geschehen sei - der Eine sagt so, der Andere so. Ergo: Menasses Kritik an Blümel wird unsichtbar.

Gegenangriff ohne Halten

Für diese Strategie sind zwei Dinge wichtig: Erstens folgt auf jeden „Angriff“ - Kritik wird immer als ein Angriff interpretiert - ein Gegenangriff. Zweitens ist einem für diesen Gegenangriff nichts zu wider, umso tiefer umso besser. Denn Kommunikation auf Augenhöhe ist nicht möglich. Entweder ist man ein Opfer oder ein Besserwisser/Macher.

Inhaltlich ist die Begründung der Löschung von Menasses Posting schließlich eine ganz dünne Suppe. Der bewertet den antisemitischen, einstigen Wiener Bürgermeister Karl Lueger als Vorbild für Hitler. Das ist völlig unumstritten korrekt. Der christlich-soziale Lueger vertrat einen besonders rabiaten Antisemitismus. Aber Blümel wertet das als NS-Verharmlosung.

Es gibt eigentlich keinen Grund für Blümel, sich nun für Lueger ins Zeug zu werfen, außer jenem, Menasse zu desavouieren.

Wobei: Blümel ist Mitglied derselben Cartellverband-Verbindung wie es Lueger gewesen ist - die Norica Wien. Und Bundesbrüder lässt man offenbar auch 120 Jahre später nicht hängen.

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