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Warum die Grünen in Großbritannien plötzlich so erfolgreich sind

Die britischen Grünen haben sich von einer Kleinstpartei zu einer ernsthaften Konkurrenz um das Amt des Premierministers entwickelt. Das kommt nicht zufällig. Natascha Strobl analysiert.

Ein ebenso überraschender wie überwältigender Sieg bei einer Zwischenwahl in einer alten Hochburg der regierenden Labour-Partei und ein rasanter Aufstieg in den Umfragen. Die Grüne Partei von England und Wales hat als ewige Kleinstpartei unter einem neuen Chef und mit einer neuen Ausrichtung plötzlich Chancen, den nächsten Premierminister zu stellen. Dafür gibt es viele Gründe. Hier die fünf wichtigsten.

1. Verbindung von Klima und Sozialem

Dass das Eine nicht ohne das Andere denkbar ist, ist eine Weisheit, die sich in den meisten sozialdemokratischen, linken, aber auch grünen Parteien breit gemacht hat. Und doch wirkt es so, als würde das Nichtkernthema "Klima" oft links geliegen gelassen werden, wenn es hart auf hart kommt. Für grüne Parteien ist es schwer, Glaubwürdigkeit beim Thema Soziales zu erringen. Genau das haben die Grünen in Großbritannien mit einem radikalen Bekenntnis zu sozialer Politik aber geschafft. Im Bewerbungsvideo von Zack Polanski für den Vorsitz der grünen Partei wird diese Verbindung deutlich:

"The same people that are posioning our rivers are poisioning our minds" ("Dieselben Leute, die unsere Flüsse vergiften, vergiften unsere Denkweise")

Scheinbar mühelos wird so die Verbindung zwischen Oligarchie, Klimakatastrophe und materiellem Niedergang der Mehrheit deutlich gemacht. Überreichtum, Löhne und Sozialleistungen sind die vordringlichsten Themen. Damit hat Polanski die grüne Partei in wenigen Monaten in eine echte grün-soziale Partei umgewandelt.

2. Gaza

Neben den innenpolitischen Themen spielt auch die klare Positionierung im Nahostkonflikt eine Rolle. Die Grünen positionieren sich sehr klar gegen das Vorgehen Israels. Das ist kein unwesentlicher Bestandteil, um vor allem junge und migrantische Wähler:innen für sich zu gewinnen, die von der regierenden Labour-Partei, aber auch von der weit rechts stehenden Partei "Reform" in dieser Frage enttäuscht sind.

Wie auch bei Zohran Mamdani in New York ist es eine schmale Linie zwischen glaubwürdigem Protest und antisemitischen Abgleitflächen. Die Grünen navigieren diese und geben dem Protest (den man legitim oder nicht finden kann) Ausdruck.


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3. Die Schwäche von Labour

Vor allem die Neuerfindung als Arbeiterpartei wäre nicht möglich, würde Labour nicht so schwächeln. Premierminister Keir Starmer hat die Partei zentristisch mit mehreren Prisen Kulturkampf positioniert. Das wird gemeinhin als “dänischer Weg” betitelt. Er erwies sich als desaströs für Labour.

Dabei hat Starmer durchaus Erfolge vorzuweisen, etwa beim Arbeitsschutz und auch beim Klimaschutz. Aber er lässt sich vom weit rechts stehenden Nigel Farage und dessen Partei "Reform" treiben. Als Folge davon ist "Migration" das einzige Thema, das als relevant wahrgenommen wird. Statt dagegen eine Strategie zu finden, kämpft Starmer auf dem Spielfeld von "Reform" um die politische Öffentlichkeit. Es funktioniert nicht und verstört Stammwähler:innen, die sich zurecht fragen, warum ein sozialdemokratischer Premierminister plötzlich so spricht wie ein rechstextremer Oppositionspolitiker.

Dazu kommen die allgemeine Weltlage und die technofaschistischen Gelüste der neuen Oligarchen-Klasse. Denen hat Labour relativ wenig entgegenzusetzen. Der US-Überwachungskonzern Palantir und Co werden sogar mit Staatsaufträgen belohnt. Gleichzeitig knacken und knirschen das soziale Gefüge und das Gesundheitssystem deutlich.

4. Gute Kommunikation

Ihr Spitzenkandidat Zack Polanski hat die Grüne Partei nicht nur neu positioniert, sondern er hat es auch geschafft, dass man ihm glaubt. Glaubwürdigkeit ist ein rares Gut im politischen Geschäft. Das funktioniert nur mit guter Kommunikation, und die Kommunikation der Grünen ist sehr gut. Gute Kommunikation ist aber nur möglich, wenn man weiß, was man kommuniziert. Ein Beispiel ist diese Werbung, die vor der Parlamentswahl im Wahlkreis Gorton und Denton.

Hier wird nicht nur die Message rübergebracht, sondern auch einem allgemeinen Gefühl von “gehetzt sein” Ausdruck verliehen. Sachpolitik allein ist nicht das Wichtigste. Viel wichtiger ist es, ein emotionales Angebot zu liefern, und das machen die Grünen mit ihrer Kommunikation.

5. Spitzenkandidat

Mit der Wahl von Polanski haben die Grünen verstanden, dass Personalisierung das Gebot der Stunde ist. Sie haben einen talentierten Spitzenkandidaten gewählt, der sich seiner Rolle bewusst ist. Er verharrt nicht in der ewigen Aktivisten-Position, er wird aber auch nicht vom politischen Establishment geschluckt.

Es ist kein Wunder, dass über seine Zähne und seine Aussprache abfällig gelästert wird. All diese Angriffe machen ihn stärker, weil er sich als Outsider positionieren kann. Es sind auch die klassischen Abwertungen von oben gegen unten. Statt das verschämt zu übertünchen oder mit Anzug und Krawatte staatstragend sein zu wollen, nimmt er diese Abwertungen als Auszeichnungen an. Denn auf dem Spielfeld des Gegner gewinnt man nicht, und Polanski wird nie so geschniegelt erscheinen können, dass es für das Establishment akzeptabel ist. Er versucht es also gar nicht. Genau das verleiht ihm bei Wähler:innen Glaubwürdigkeit, die sich aus denselben Gründen auch von Reform oder Labour angesprochen fühlen.

All das führt dazu, dass die Grünen innerhalb weniger Monate ihre Mitgliederzahl auf 200.000 verdreifacht haben und mittlerweile auf Platz 2 in Umfragen sind. Sie haben eine realistische Chance, sogar Reform noch abzupassen. Überraschenderweise fühlen sich Wähler:innen von einer klaren leidenschaftlichen Positionierung unten gegen oben angesprochen - und belohnen sie mit Stimmen. 


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