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Demokratie

Wöginger-Prozess: Die Verteidigung und der ganz normale Sexismus in Österreich

Wöginger-Prozess: Die Verteidigung und der ganz normale Sexismus in Österreich
August Wöginger bei einem Ministerrat 2020 (Foto: Bundesministerium für Finanzen - 2020, CC BY 2.0, Link)
Drei Männer stehen im "Wöginger-Prozess" vor Gericht. Der Vorwurf: Postenschacherei zu Gunsten eines weiteren Mannes und zu Ungunsten einer Frau. Ihre Verteidigung: Die Frau ist schuld. Natascha Strobl kommentiert.

Der Prozess um den Fall Finanzamt Braunau nimmt immer weitere Wendungen. Zur Erinnerung: Vor 10 Jahren wurde eine klar besser qualifizierte Frau für den Posten der Leitung des Finanzamts Braunau zu Gunsten eines ÖVP-Bürgermeisters übergangen. 

Warum? Es gibt einen gut dokumentierten Schriftverkehr zwischen verschiedenen Männern in der Bestell-Kommission sowie Thomas Schmid, damals Generalsekretär im ÖVP-geführten Finanzministerium und ÖVP-Politiker August Wöginger, die genau das offenlegen: Sie wünschen, wir spielen. 

Wöginger-Prozess geht weiter

Der Fall landete dank der Beharrlichkeit der übergangenen Kandidatin vor Gericht. Dort wurde eine umstrittene Diversion vereinbart. Die drei angeklagten Männer "übernahmen Verantwortung", akzeptierten Strafzahlungen und gestanden darin ihr Fehlverhalten. Doch dann spazierten sie aus dem Gericht und feierten ihre Nicht-Verurteilung öffentlich als einen “Freispruch”. Die Diversion wurde daraufhin vom Oberlandesgericht einkassiert und der Prozess geht nun weiter. (Update und Anmerkung der Redaktion am 3.3. nach Wögingers Aussage: Von einem Schuldeingeständnis durch die Diversionsannahme wollten sie im fortgesetzten Prozess nichts wissen)

Das könnte alles eine seltsame Provinzposse sein, wäre Wöginger nicht ÖVP-Klubchef im Nationalrat. Die Verteidigung der drei Männer ist atemberaubend und offenbart das ganz normale Korruptionsdenken und den ganz normalen Sexismus in diesen Kreisen. 

Da gibt es Wöginger, der nur ein Bürgeranliegen bearbeitet haben wollte. Als sei ein ÖVP-Bürgermeister ein ganz normaler Bürger, der in seine Sprechstunde kommt. Das Anliegen: Ein Spitzenjob in Oberösterreich. Bürgernah, wie Wöginger nunmal ist, leitet er dieses Anliegen des ganz normalen Bürgers prompt weiter, der auch sogleich den Job bekommt. Warum so ein qualifizierter Mann den Umweg über einen ÖVP-Spitzenpolitiker brauchte, wo er doch so qualifiziert für diesen Job ist, bleibt ein Rätsel. 

Herabwürdigung der weiblichen Kandidatin

Atemberaubend ist auch die Verteidigung, warum die hochqualifizierte Frau, die sich ganz ohne Bürgeranliegen beworben hat, nicht zum Zug kam. Ihr Hearing sei nämlich “ein Desaster” gewesen, sagt ein Beschuldigter. Das bestreitet diese nicht einmal - aber sie erzählt auch, sie habe sich durch die Behandlung im Hearing "degradiert" gefühlt - als solle sie "hinausgeschossen" werden.

Dabei belässt die Verteidigung es auch nicht. Außerdem sei sie nur eine “brave Beamtin” gewesen, sagt ein Beschuldigter. Und man wisse gar nicht warum sie diesen Posten so kurz vor der Pension überhaupt anstrebe. Vorher sei sie nur gelobt worden, um motiviert zu werden.

Das klingt als ging es um eine kleine Beamtin mit zu viel Ambition, deren Qualifikation so einen Posten gar nicht hergeben. Was man dabei wissen sollte: Die damals 62-jährige Frau leitete zu diesem Zeitpunkt das Finanzamt schon seit acht Monaten übergangsweise und dabei hochgelobt. Sie war dort über 30 Jahre beschäftigt, war davon über ein Jahrzehnt die Nummer 2 im Haus.

Ihr den Job zu geben hätte nur formal besiegelt, was längst faktische Realität war. Nicht unmöglich, dass es trotzdem bessere Kandidat:innen geben könnte, aber hier wird eine offensichtlich und zweifellos qualifizierte Frau wie ein Schulmädchen behandelt, das gerade erst ihre Fähigkeiten lernt.  

Der ganz normale Sexismus

Es zeigt sich, dass es egal ist, wieviel eine Frau kann, wieviel Erfahrung sie hat und wie viel Verantwortung sie faktisch schon übernimmt. Am Ende wird sie von Männern, die nicht ansatzweise ihre Qualifikationen haben, abgedodelt.  Der "braven Beamtin" wird der Bürgermeister einer Kleingemeinde mit 600 Einwohner:innen vorgezogen. Am Ende kommt es darauf an, wer zur Männer-Clique gehört. Das ist noch immer das wichtigste Kriterium für Führungsjobs in Österreich.

Der Prozess wird ausgehen, wie er ausgeht. Er wirft aber ein gleißendes Licht auf ein Milieu, das sich in seinem Sexismus suhlt und ihn selbstbewusst als Verteidigung ausbreitet. 

Meinung

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  • Marco Laudacher
    11.03.2026
    Dass ein Bürgermeister aufgrund seiner "Managementqualitäten" besser gereiht werden soll, als eine 30 Jahre im Finanzmt tätige Person, ist ein Skandal der Sonderklasse. Beamtenposten im Finanzamt sind auf allen Ebenen hochqualisfizierte Positionen für Spezialisten, die von einem im Steuerrecht wenig erfahrenen Bürgermeister, der nur tageweise anwesend ist, gar nicht ordentlich geleitet werden können. Natascha Strobl hat recht, das ist purer Sexismus der hier zum Zuge kommt. Das Gericht stellt jetzt die richtigen Fragen: Wozu braucht ein Bewerber die Unterstützung eines Politikers, wenn er den normalen Rechtsweg der Bewerbung selbst gehen kann? Offenbar, weil er bei der ersten Bewerbung für ein Finanzamt durchgefallen ist und dasselbe nicht noch einmal riskieren wollte. Aber das entsprechende ihn ablehnende Kommissionsmitglied der ersten Bewerbung hat man dann ja erfolgreich für die nächste Bewerbung ausgetauscht. Höchste Zeit, dass diese Praxis, die politische Macht ungeniert einzusetzen, endlich bestraft wird. Und wenn die Strafbarkeit jetzt auf die untere Ebene abgeschoben werden soll (Mathias Winkler in "wild umstritten" - Das Problem beginnt erst im BMF und nicht bei Wöginger): Wenn einer der ranghöchsten Politiker einer Regierungspartei einen "Bestellungswunsch" äußert, ist das für die untere Beamtenebene wie eie Anweisung, die auszuführen ist, wenn man die eigene Karriere nicht gefährden will, also eigentlich eine Art politische Nötigung. Der Verlauf der Kommissionssitzung hat ja auch deutlich gezeigt, wie mit der Bewerberin umgegangen wurde. Im übrigen bräuchte man nur das Urteil des Verwaltungsgerichtes zitieren und die Entscheidung der Bundesgleichbehandlungskommission, die der übergangenen Bewerberin vollinhaltlich recht gegeben und eine völlig unzulässige Vorgangsweise und Bevorzugung des Bürgermeisters angenommen haben, da steht ja alles drinnen.
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  • Lisa
    04.03.2026
    Danke Natascha Strobl fürs benennen von dem was ist. Diese Perspektive kommt sonst kaum vor, zeigt aber das Grundproblem so deutlich auf. Kein Bewusstsein für Unrecht - dafür Männer, die sich ‚helfen‘ - so richtig solidarisch diese ÖVP, wie gehabt.
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    • WÜST Michael
      04.03.2026
      Naja, zu Wöginger, er bat ja nur um einen Gefallen, die echten Exekutoren der unglaublichen Sauerei, sind doch jene, die alles daran setzten, der offensichtlich, zumindst gut und ausreichend rqualifizierten Frau, mittels irgendwelchen dubiosen Machenschaften, den Job vorzuenthalten. Klar, daß sich die giftet und, nachdem Siels auch nicht in der Pendluhr schlief, nun versucht, dies persönliche Schmach zu rächen. Natürlich läuft sowas in andren Parteien und Organisationen auch ab, aber nicht immer erwischt esMenschen, Strauch zur Wehr arten und dagegen aufbegehren.
  • frizzdog
    04.03.2026
    wäre die ÖVP eine firma, würde sie bei verurteiung WÖGINGERS auf "geschäftsschädigung" klagen, weil das ja eine solche partei in eine sinnkrise führt und ihre geschäftsgrundlage öffentlich in frage stellt!
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