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Gesundheit

Ich war eine Jugendliche mit Depression. So fühlt sich das an.

Ich war eine Jugendliche mit Depression. So fühlt sich das an.
Lucy war depressiv. Der Lockdown war ein Tiefpunkt für die junge Frau. – Foto: Eric Ward für Unsplash
Lucy ist 19 und erlebte im ersten Lockdown eine schwere Depression. So wie viele Jugendliche während der Pandemie. Wie es sich anfühlt, als Teenager den Lebensmut zu verlieren, und was Lucy (Name geändert) wirklich geholfen hat, erzählt sie in „Was ich wirklich denke“.

Eigentlich bin ich eine Genießerin. Als Kind habe ich viel gelacht, getanzt, geturnt – alles Mögliche gemacht. Und alles Mögliche gern gemacht. Meine Eltern haben mit mir viel unternommen, musiziert, wir sind oft in den Urlaub gefahren. Sie haben nie gestritten. Und niemand hätte daran gedacht, dass sie sich jemals trennen würden. Ich am wenigsten.

Ich war 15, als mein Papa das erste Mal ausgezogen ist. Es war, als würde jemand den Boden unter den Füßen wegnehmen. Aus diesen zwei, drei Jahren habe ich nur mehr ein paar Erlebnisse im Kopf. Ich erinnere mich an das Auf und Ab zu Hause, dass ich zu einer Freundin gezogen bin, dass ich viel zu viel Alkohol getrunken habe. Damals hat es auch angefangen, dass mir alles egal wurde. Wenn ich über die Straße gegangen bin, habe ich nicht mehr geschaut, ob ein Auto kommt. Wenn es kommt, dann kommt es. Wenn nicht, dann halt nicht. Es war mir egal. Gefühlt habe ich nicht viel. Außer die Traurigkeit, die habe ich noch gespürt.

Depression im Lockdown: Die eigene Seele wie Luft

Als ich nicht einmal mehr traurig war, war da nur mehr eine große Leere. Und dann kam Corona. Im ersten Lockdown habe ich niemanden mehr getroffen, wurde immer müder, war nur mehr im Bett. Im Online-Unterricht war mein Laptop am Schreibtisch und ich lag einfach nur daneben. Ich habe nichts gelernt, keine Hausübung gemacht, nichts gegessen. Zweimal täglich bin ich aufgestanden, um aufs Klo zu gehen. Die Jalousien unten, die Tür zu. Mein Papa, bei dem ich heute wohne, war verzweifelt. Er hat versucht mit mir zu reden, aber ich konnte nichts sagen.

Einmal habe ich einer Lehrerin erzählt, wie es mir geht. Sie hat nur gemeint, die Hausübungen gehören trotzdem zeitgerecht abgegeben. Außenstehende denken: Steh halt auf, tu was dagegen, reiß dich zusammen! Dabei kann man einfach nicht. Es ist so, als wäre man unter einem riesengroßen Stein gefangen. Man versucht, ihn zu heben. Doch jedes Mal, wenn man es probiert, hat man danach noch weniger Kraft und kommt noch weniger hoch. Dann bleibt man besser unter dem Stein liegen. Man sieht es auch in den Augen, wenn man sich in den Spiegel schaut. Als wäre die eigene Seele plötzlich nur noch Luft.

Ich glaube, 80 Prozent meiner Freund:innen ging es im Lockdown auch so. Dabei habe mich nie selbst verletzt, keine harten Drogen genommen. Sehr viele andere schon, die ich kenne. Viele leben auch unter anderen Bedingungen. Sie waren dann teilweise zu sechst in einer kleinen Wohnung. Plötzlich waren sie dann mit den Problemen in der Familie und der Schule ganz auf sich gestellt.

Darum geht es: mehr Verständnis

Was am wenigsten hilft ist, wenn Erwachsene sagen „Anderen geht es schlechter als dir.“ Das hasse ich. Es tut mir leid, dass es anderen nicht gut geht. Aber, warum sollte es mir dann auf einmal besser gehen? Ich fühle mich dann so links liegen gelassen, nicht ernst genommen.

Ich denke, darum geht es beim Umgang mit depressiven Jugendlichen: sie ernst zu nehmen. Und das bedeutet auch nicht, sie in Watte zu packen, sondern zu sagen: „Ok, du fühlst dich gerade so. Ich versuche dich, zu unterstützen. Ich bin da.“

Durch Therapie die Welt wieder anders sehen

Eines Morgens ist mein Papa in mein Zimmer gekommen, hat sich auf mein Bett gesetzt, mit der Gitarre ein selbst komponiertes Lied angesungen. Er hat mir dann die Gitarre hingeworfen und gesagt, wenn er heimkommt, soll das Lied fertig sein. Ich habe sie genommen, zuerst ein paar Akkorde gespielt, dann eine ganze Melodie. Das hat mir gezeigt, dass da nicht nur diese Leere ist, sondern auch Dinge, die Spaß machen.

Ich hatte auch Glück und habe einen Therapieplatz von der Krankenkassa bekommen. Viele bekommen keinen oder warten lange. Sonst hätten wir uns die Stunden nicht leisten können. Ich hätte es ohne Therapie nicht aus der Depression geschafft. Die Musik war der Grund wieder hochzukommen, doch meine Therapeutin hat mir nach und nach gezeigt, wie ich die Welt wieder anders sehen kann.

Als ich im Lockdown wochenlang im Bett lag, habe ich mich oft gefragt, warum ich überhaupt lebe, wenn ich sowieso irgendwann sterben werde. Heute sehe ich das anders: Nicht leben kann ich immer noch, aber leben kann ich nur jetzt.
Jetzt stehe ich am Morgen auf und über mir ist jetzt kein großer, schwerer Stein, sondern ein Himmel, weit und blau. Ich sehe die Bäume, wie sie sich im Wind bewegen. Ich sehe die Sterne in der Nacht. Ich habe wieder Lust. Auf alles Mögliche.

Hier gibt es Hilfe bei Depressionen

Verein für Lebensmut
Infos und Hilfe rund um das Thema Suizidprävention
www.bleibbeiuns.at
 
Kriseninterventionszentrum
Tel.: 01/4069595
Montag bis Freitag 10-17 Uhr
Ambulanz zur Bewältigung von akuten psychosozialen Krisen. Telefonische, persönliche, oder E-Mail-Beratung
www.kriseninterventionszentrum.at

Telefonseelsorge
Tel.: 142 (Notruf)
täglich 0–24 Uhr
Telefonberatung und E-Mail-Beratung für Menschen in einer schwierigen Lebenssituation oder in Krisenzeiten
www.telefonseelsorge.at

Corona-Sorgenhotline Wien
Tel.: 01/400053000
täglich 8-20:00 Uhr
www.coronasorgenhotline.at
www.darueberredenwir.at

Berufsverband Österreichischer PsychologInnen
Tel.: 01/5048000
Montag bis Donnerstag 09-13 Uhr
Helpline für psychologische Beratung, Hilfe und Vermittlung.
www.boep.or.at
 
Ärztenotdienst in den Nachtstunden und auch am Wochenende
Tel.: 141
www.gesundheit.gv.at
 
Rat auf Draht – Notrufnummer / Chat für Kinder und Jugendliche
Tel.: 147
Anonym – kostenlos – rund um die Uhr erreichbar
www.rataufdraht.at
 
Selbsthilfegruppen für Angehörig
HPE – Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter.
Tel.: 01/5264202
www.hpe.at

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